| 22:10 Uhr

CD „Echtzeit“
Eine feine Geschichtenerzählerin

 Frau mit Uhrentick? Anna Depenbusch hat ihr neues Album „Echtzeit“ getauft. Es bekräftigt ihren Ausnahmestatus als Liedermacherin.
Frau mit Uhrentick? Anna Depenbusch hat ihr neues Album „Echtzeit“ getauft. Es bekräftigt ihren Ausnahmestatus als Liedermacherin. FOTO: Steven Haberland
Zweibrücken. Anna Depenbusch veröffentlicht ihr neues Album „Echtzeit“. Die Liedermacherin spielte alle elf Stücke live, ohne Schnitt und Pause ein.

„Liedermacher“: Ein Wort, das etwas angestaubt klingt. Traditionsgemäß stellt man sich unter diesem Begriff gereifte Herren vor, die die Gitarre vor den Bauch schnallen und (gerne mit ordentlich Pathos in der Stimme ) die ganz großen Fragen des Lebens beschwören.

Aber „Lieder machen“ kann auch anders gehen. Das beweist Anna Depenbusch wieder mit ihrem neuen Album „Echtzeit“. Für dieses ist die Liedermacherin aus Hamburg ein kreatives Wagnis eingegangen: Das Album wurde am Stück, ohne Schnitt, ohne Pause, live und komplett analog eingespielt.

Kurzum: Eine musikalische Momentaufnahme in Echtzeit. „Das Leben ist nicht perfekt! Ich möchte zeigen, wie wunderschön und zauberhaft das ist“, begründete die Liedermacherin diesen Schritt, der nicht auf technische Perfektion, sondern auf Atmosphäre setzt.



Die ungewöhnliche Aufnahmetechnik verleiht dem Album Frische und Lebendigkeit. Elf Stücke hat die 42-Jährige eingespielt. Sie drehen sich um das Leben und die Liebe. Da ist es bei ihr nicht anders als bei sonstigen Liedermachern oder Musikern. Aber was Anna Depenbuschs künstlerischen Ausdruck besonders macht, ist ihre Mischung aus Pop und Chanson, die den Nummern eine zauberhafte Nuance, etwas Schlafwandlerisches, gibt. Die Töne, die sie anschlägt, können frech-humorvoll sein wie in „Nimm mich zurück“ oder „Tim 2.0“. Doch wird die Hamburgerin genauso gerne nachdenklich. „Bin dabei“, eines der stärksten Stücke auf „Echtzeit“, ist eine solche poetische Nummer.

„Echtzeit“ ist ein reduziertes Album, Anna Depenbuschs ausdrucksstarke Stimme wird lediglich begleitet von ihrem Piano-Spiel. Zwei Stücke („Hilbert“ und „Schlaflied für Pauli“) sind rein instrumental – und könnten in ihrer Verträumtheit und sanften Melancholie auch der Feder eines Ludovici Einaudi entsprungen sein.

Bereits für das 2011 erschienene Album „Die Mathematik der Anna Depenbusch in Schwarz-Weiß“ wählte die Künstlerin diese reduzierte Form der Darbietung. 2012 erhielt sie den Deutschen Chanson-Preis. Mit „Echtzeit“ zeigt die Hamburgerin, dass sie immer noch Avantgarde ist in der deutschen Liedermacher-Szene. Sie ist eine feine Geschichtenerzählerin, die sich den Pathos schenkt und dafür Witz und Gefühl bietet.

„Echtzeit“ von Anna Depenbusch ist erschienen beim Label Liedland, die Bonus-Edition enthält eine zweite CD mit Demos, die die Entwicklung der Lieder veranschaulichen.