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Cannes feiert Film von Regisseur Wim Wenders

Cannes. Kräftigen Applaus hat am Dienstagabend Wim Wenders beim Filmfestival von Cannes geerntet. Sein Dokumentarfilm „The Salt of the Earth“ (Das Salz der Erde) lief im Nebenwettbewerb. Doch auch eine Enttäuschung gab es. Sascha Rettig

Zwischen Höhenflug und Liebesentzug liegt mitunter nur ein Festivalauftritt. So wie nun auch bei Michel Hazanavicius, dem französischen Regisseur, der vor drei Jahren in Cannes gefeiert wurde, als er mit dem charmanten Stummfilm "The Artist" eine der großen Überraschungen des Festivals lieferte. Damals schloss sich ein Siegeszug an, der durch den mehrfachen Oscar-Gewinn gekrönt wurde und ihm für das Folgeprojekt alle Möglichkeiten gab. Hazanavicius traf dafür eine ungewöhnliche Entscheidung: Für "The Search" zog es ihn ostwärts, um sich dem Tschetschenien-Krieg zu widmen. Einmal mehr übernimmt Bérénice Béjo in einem Film ihres Lebenspartners eine Hauptrolle, bleibt allerdings ein fehlbesetzter Fremdkörper in diesem überambitionierten und überlangen Kriegsdrama, das mit großem Authentizitätswillen in drei Parallelhandlungen viel zu viel erzählen will: von der Verrohung durch den Krieg und den Horror der humanitären Katastrophe, von einer zerrissenen Familie und der Tatenlosigkeit der EU. Gut gemeint ist das durchaus, aber leider trotz einiger erschreckender, rühriger Momente doch nicht wirklich gut geworden - bei der Kritik jedenfalls stieß er auf nicht allzu viel Gegenliebe.

Ein Cannes-Veteran, der bereits einige Höhen und Tiefen erlebte, der für "Paris, Texas" vor 30 Jahren die Goldene Palme gewann und 2008 für "Palermo Shooting" gnadenlos verrissen wurde, ist Wim Wenders. Nach "Pina" bleibt der deutsche Filmemacher beim Dokumentarfilm und taucht mit dem in der Nebenreihe "Un certain regard" umjubelten "The Salt of the Earth" ein in das Werk des brasilianischen Fotografen Sebastiao Salgado. Sinniert Wenders darin anfänglich noch mit einschläfernder Stimme aus dem Off über die Fotografie und das Malen der Wirklichkeit mit Licht und Schatten, übergibt er glücklicherweise schnell den Stab an Salgado, dem man auf der Leinwand ins Gesicht schaut, während er auf seine Bilder blickt und sich erinnert. Dabei ist es so, als würde man eine Auswahl seiner stärksten Aufnahmen in einem Schwarzweiß-Film-Fotoband durchsehen - und ist tief beeindruckt vom ausufernden Lebenswerk dieses unermüdlichen Weltenwanderers, der die unberührte Schönheit der Erde in ihren entlegensten Ecken einfing, aber auch den Horror der Welt, die Genozide, die Flüchtlings- und Hungerkatastrophen.

Die Dardenne-Brüder aus Belgien hingegen finden die Krisen gleich vor der Haustür und haben mit ihren engagierten Sozialdramen in Cannes allein zwei Mal die Goldene Palme gewonnen. In "Deux jours, une nuit" schicken sie nun Marion Cotillard als einfache Angestellte in einen Kampf um ihren Job: Sie hat ein Wochenende, um ihre Kollegen davon zu überzeugen, in einer Abstimmung gegen Mitarbeiter-Bonuszahlungen und für ihren Verbleib in der Firma zu stimmen. "Ich liebe komplexe Rollen", erklärte die Schauspielerin in Cannes. "Ich bin zutiefst berührt von Menschen, die trotz schwieriger Situationen ums Überleben kämpfen." Hier bewegt sie sich durch eine im Grunde einfache Geschichte mit einer Reihe kurzer Begegnungen, die ein stichwortartiges Gesellschaftsabbild ergeben. Mit gewohnt nüchterner Wirklichkeitsnähe werfen die Regie-Brüder dabei einige Fragen über Solidarität, Verantwortung und Mitgefühl auf.