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Buchkritik zu Sulzers „Unhaltbare Zustände“
„Tore, hinter denen Sodom lag“

 Alain Claude Sulzer: Unhaltbare Zustände
Alain Claude Sulzer: Unhaltbare Zustände FOTO: Screenshot
Zweibrücken. Alain Claude Sulzer lässt in seinem neuen Roman nicht nur einen Schaufensterdekorateur scheitern. Von Christoph Schreiner

Vor einigen Wochen hat Alain Claude Sulzer in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) einen launigen Text über eines seiner gescheiterten  Romanprojekte  veröffentlicht. „Hat der Autor eine originelle Idee, wird ihn nichts davon abbringen, sie zu verwirklichen“, schrieb Sulzer. „Aus einem einzigen Satz werden Hunderte, Tausende. Die Sätze werden ihn führen, die Figuren werden ihm den Weg zur Handlung und durch die Handlung bis zum Ende weisen. Wenn alles gut geht! Wenn nichts dazwischenkommt! Wenn alle Hindernisse überwunden werden können!“   Bei dem von Sulzer  dann skizzierten Projekt  gelang das nicht.  „Ich sagte mir, die zündende Idee würde schon kommen; sie kam ja auch sonst immer, gewöhnlich im Schlaf, im Traum oder beim Aufwachen, in halbwachen Momenten, in denen man seine Gedanken noch nicht im Griff hat. Doch sie kam nicht“, schrieb Sulzer. Mittlerweile hat er dieses  Romanvorhaben beerdigt. Es hatte ihn in eine  Sackgasse
geführt.

Liest man nun seinen kürzlich erschienenen Roman  „Unhaltbare Zustände“,  kann man sich des Eindrucks  nicht erwehren, dass  auch hier die zündende Idee am Ende gefehlt hat.  Sulzer, der in  Romanen wie  „Zur falschen Zeit“ (2011) oder „Aus den Fugen“  (2012) die souveräne Konzentriertheit seines Erzählens wunderbar auszuspielen verstand,  erwählt sich in „Unhaltbare Zustände“  einen Schaufensterdekorateur zur Hauptfigur. Und katapultiert uns damit ein halbes Jahrhundert zurück ins hauptstädtisch-beschauliche Bern, wo der besagte 58-jährige Stettler  sich zu jener Zeit bereits eine halbe Ewigkeit lang darauf versteht, die Vitrinen des mondänen, sechsgeschossigen Warenhauses „Quatre Saisons“  im jahreszeitlichen Wechsel stets vor Verheißung  glühen zu lassen.

Eines Tages aber bekommt Stettler, seines Zeichens ein ewiger Junggeselle und bekennender Spießer vor dem Herrn, in Gestalt des jungen Bleicher einen Konkurrenten zur Seite gestellt. Damit nicht genug, hat sich der verklemmte Biedermann  auch noch des selbst in Bern Einzug haltenden rebellischen Geistes der 68er zu erwehren.  „Man interessierte sich für alles, vor allem für Dinge, über die man vor wenigen Jahren, wenn überhaupt, höchstens hinter vorgehaltener Hand gesprochen hätte:  Geschlechtstrieb, Drogen, Krebs, Selbstmord, Perversionen.“  Ehe Stettler erwartungsgemäß auf die Verliererstraße gerät – dem ungleich kreativeren Bleicher, einem „Mann der Zukunft“,  hat er außer Missmut, Neid und Rachegelüsten wenig entgegenzusetzen – , müht sich Alain Claude Sulzer, uns eine postalische  Annäherung mit Potenzial zur zarten  Liebesgeschichte schmackhaft zu machen.



In seiner biederen Wohnung hockend und verrottend, lauscht Stettler im Rundfunk den Klavier-
darbietungen Lotte Zerbsts, der er schließlich einen Verehrerbrief schreibt, den (die selbst allein stehende) Zerbst sogleich beantwortet.  So lernen wir denn Lotte Zerbst kennen und die quälende Vorgeschichte ihrer Pianistinnenlaufbahn:  Jahrelang gab sie sich wider Willen ihrem Lehrer, dem alternden Komponisten Mereschkowski, hin.  Würde Sulzer beide Figuren, wie  man dies von ihm aus früheren Romanen kennt, psychologisch hinreichend motivieren und ihnen Plastizität verleihen, hätte daraus wohl ein passabler Roman werden können.  In „Unhaltbare  Zustände“ aber mutet er uns literarisch eine Portion zu viel biedermännischen Erzählens zu.  „Stettlers Welt war erschüttert. Über ihr wehte die Vietcongfahne. Bleicher, den die anderen jetzt vertraulich Werni  nannten,  hatte sie gehisst.“

Im weiteren Verlauf lässt Sulzer seine jämmerliche Figur, die im „Quattre Saisons“ grundsätzlich Arbeitskittel  trägt und privat auch samstags nie ohne Krawatte aus dem Haus geht, dann doch den Geist der 68er ein wenig aus der Flasche holen und schickt Stettler dazu nächtens  in ein Tanzlokal und in eine Schwulenbar.  „Tore, hinter denen Sodom lag.“

Das Problem dabei ist, dass alles in diesem Roman – seine Figuren, das Zeitbild, das Lokalkolorit – derart absehbar abgespult wird, dass man sich unweigerlich fragt: Warum muss das jetzt nochmal erzählt werden?  Lotte Zerbst und Stettler werden, man ahnt es, nicht zusammenkommen. Und Stettler am Ende in seiner Verzweiflung in einem Akt infantiler Selbstverteidigung versuchen, seinen ihm turmhoch überlegenen Kontrahenten mit dessen eigenen Mitteln zu schlagen. Warum Sulzer diesem dürftigen Plot noch eine kurze, gänzlich unnötige Rahmenerzählung übergestülpt hat, bleibt ebenso rätselhaft wie das Motiv, eine von Grund auf derart absehbare Figurenkonstellation dann konsequenterweise in einen leider völlig verunglückten Roman münden zu lassen.

Alain Claude Sulzer: Unhaltbare Zustände. Galiani, 272 Seiten, 22 Euro.