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Zum fünften Todestag
Als Udo Jürgens ins Erzählen kam

zweibrücken. Fünf Jahre nach seinem Tod sind jetzt die letzten Erzählungen von Udo Jürgens erschienen. Alles Geschichten von der Suche nach einem gelingenden Leben. Von Lothar Schröder

Man kann Udo Jürgens ja für einen seichten Sänger halten. Oder ihn bewundern. Nur: Irgendetwas halten muss man von ihm schon. Und allein diese Notwendigkeit ist ein Zeichen seiner Güte und – etwas neumodisch gesprochen: seiner Relevanz. Das musste dann irgendwann auch Andreas Maier einsehen, der ja eigentlich mit Led Zeppelin und Deep Purple musikalisch aufgewachsen war und als Suhrkamp-Schriftsteller in intellektuell vermeintlich höheren Regionen sein Wesen treibt. Dann aber habe es bei ihm einfach Klick gemacht, Udo Jürgens wurde sein Idol und ist für ihn bis heute „pure Emotion ohne Zeitgeist“. Ein literarisches Bekenntnis dazu gab es auch noch. Und weil Maiers Buch ein Jahr nach dem des Sängers erschien, hieß es ein wenig pathetisch einfach nur „Mein Jahr ohne Udo Jürgens“.

Ganze fünf Jahre hingegen mussten nach dem plötzlichen Tod von Udo Jürgens vergehen, bis ein Band mit seinen eigenen Geschichten erscheinen konnte. Es sind seine letzten Texte gewesen, die er gewissermaßen vierhändig geschrieben hat, also gemeinsam mit der 49-jährigen Autorin und damaligen Lebensgefährtin Michaela Moritz. Das war schon so bei seiner erfolgreichen Autobiographie „Der Mann mit dem Fagott“. Wie groß der Anteil von Moritz an den Geschichten gewesen ist, bleibt Verlagsgeheimnis. Dass der Name von Udo Jürgens auf dem Cover groß und der von Michaela Moritz darunter klein geraten ist, soll nahelegen, dass sich die Zusammenarbeit auf Überarbeitungen beschränkt habe. Für die so späte Veröffentlichung dürfte der fünfte Todestag eine auch strategische Rolle gespielt haben. Auf eine späte Entdeckung des literarischen „Vermächtnisses“ in irgendwelchen Schubladen kann man sich nicht berufen. Die Texte lagen vor und waren Thema sogar eines Verlagsbesuches von Udo Jürgens Mitte November 2014, also fünf Wochen vor seinem Tod.

Und die Geschichten selbst? Alles irgendwie echte Udo-Jürgens-Geschichten, jedenfalls Figuren, hinter denen man oft den vielleicht erfolgreichsten deutschsprachigen Chansonnier hervor blinzeln sieht. Da sind die Erzählungen all dieser jungen, mittellosen Männer, die von einer großen Sehnsucht getrieben werden: endlich Musik oder auch Kunst machen und davon sogar leben können. Da ist der junge Mann auf seiner Reise durch Nevada. Es ist Ende der 1950er Jahre und die Erinnerung an den Krieg noch nicht verblasst. Der Mann ahnt, dass er Talent hat und weiß, dass er sein Leben der Musik widmen wird. Vage ist in seiner Vorstellung allerdings sein Weg, der dorthin führt.



In einem Club in Las Vegas tritt der große Sammy Davis Jr. auf, doch das Geld für ein Ticket reicht vorne und hinten nicht. Ein Dollar pro Tag ist sein Reisebudget. Eine Stehplatzkarte aber kostet zehn Dollar. Also ab ins Casino. Doch das Glück meint es nicht gut mit dem jungen Helden, jedenfalls diesmal nicht. Es vergehen mehr als 20 Jahre, in denen das Leben des Mannes fast unbeschreiblich an Fahrt aufnimmt. Udo Jürgens beschreibt das so: „Wie von einem Orkan wurde mein Leben auf den Kopf gestellt und durcheinandergewirbelt. Alles, was vorher jahrelang nicht gelingen wollte, alles, worum ich mich zuvor vergeblich bemüht hatte, schien plötzlich zu gelingen.“ Und dann kommt dieses Konzert von Sammy Davis Jr. in München, als der Star aus den USA tatsächlich ein Lied des Mannes spielt. Dieser Moment, heißt es dann, wird „für immer zu den größten im Spiel meines Lebens zählen“. Die Grenze zwischen Fiktion und Realität ist fließend und in dieser Geschichte kaum noch erkennbar. Es gibt andere Erzählungen, die vor allem angestoßen wurden durch kleinere Zeitungsmeldungen. Auch diese wurden abgedruckt, ein bisschen wohl zur Beglaubigung des Erzählten. Denn Udo Jürgens hat bei allem, was er schreibt, ein Anliegen. Er erzählt die Geschichte eines indischen Fabrikarbeiters, der gerade erst produzierte Jeans aufschlitzen, also beschädigen muss, weil dies gerade im fernen Europa schwer Mode ist. Und der darum einen Brief mit all seinen Fragen zu diesen Verrücktheiten in eine Jeanstasche steckt, auf dass jemand sie in Europa lese. Oder die Geschichte des alten Mannes, der einen kleinen Jungen leidenschaftlich tanzend auf dem Balkon beobachtet und ihm darum ein Vermögen vererbt. Schließlich das bulgarische Kind, das vor lauter Armut mit seinem Vater im eisigen Winter nur im Bus durch die Stadt fährt, weil die Wohnung ohne Heizung ist. Mitten in Europa.

Man weiß bei allen Geschichten schnell, wohin die Reise geht. Bei Udo Jürgens gibt es viel Schwarz und viel Weiß, und mitunter bewegen sich die Figuren hart am Rande des Klischees. Manches ist traurig, aber nicht zu sehr; nachdenklich, aber nicht zu tief; unterhaltsam, dabei aber nicht oberflächlich; und sentimental, aber nicht bis zur Schmerzgrenze. So ergeht es einem bei diesen letzten Geschichte fast genauso wie bei vielen seiner rund 1000 Lieder – und man denkt nach knapp 220 Seiten: Von Udo Jürgens kann man halten, was man will. Nur: Irgendetwas halten muss man von ihm schon.

Udo Jürgens: Spiel des Lebens – Geschichten. S. Fischer Verlag, 222 Seiten, 20 Euro.

 Buchcover Udo Jürgens Spiel des Lebens Michaela Moritz
Buchcover Udo Jürgens Spiel des Lebens Michaela Moritz FOTO: Screenshot