| 22:50 Uhr

Ausstellung über Kirchner in Bonn
Der Traum von exotischen Welten

Ein Blick auf „Frauen im Bade“ (1911) in der Bundeskunsthalle.
Ein Blick auf „Frauen im Bade“ (1911) in der Bundeskunsthalle. FOTO: dpa / Rolf Vennenbernd
Bonn. Die Bonner Bundeskunsthalle widmet sich derzeit in einer Ausstellung Ernst Ludwig Kirchners „Erträumten Reisen“.

Ausgerechnet Ernst Ludwig Kirchner soll ein „Armstuhlreisender“ gewesen sein! Dieser Wilde, der 1906 im Programm der Brücke festschreiben ließ, dass die Kunst „unmittelbar und unverfälscht“ zu sein habe. Der vom Primitivismus der Naturvölker schwärmte und von der „Negerplastik“, wie man seinerzeit noch politisch inkorrekt zu sagen pflegte. Dieser Mann also hat sich nie aus Deutschland und der Schweiz hinausgewagt und all seine exotisch-farbenfrohen Gemälde nur erträumt?

Kaum zu glauben, aber wahr, wie jetzt eine sagenhafte Ausstellung in Bonn herausarbeitet. Schon wieder Kirchner, mag da mancher murren. Gab es nicht erst in Hamburg, München, Berlin, Frankfurt, Zürich und Stuttgart Ausstellungen, die sich dem Werk des Expressionisten widmeten? Stimmt! Aber keine war so schön wie die, die unter dem Titel „Erträumte Reisen“ in der Bundeskunsthalle gezeigt wird. Auf farbigen Wänden hängen da Glanzlichter wie sein „Sitzendes Mädchen“ (1910/20) aus dem Minneapolis Institute Of Art oder sein „Nacktes Mädchen hinter Vorhang“ (1910) aus dem Stedelijk Museum Amsterdam. Eine Explosion der Farben. 58 Gemälde, 72 Grafiken, 45 Fotos aus dem Besitz des Künstlers, Skizzenbücher, Wandteppiche und Skulpturen aus den großen Sammlungen in aller Welt hat Kuratorin Katharina Beisiegel mit ihrem Team zusammengetragen. Die Liste der Partner zeigt, was zu stemmen war: sind an der Kooperation neben der Bundeskunsthalle doch das Art Center Basel, das Kirchner-Museum Davos und das Museum für Völkerkunde in Dresden beteiligt.

Während seine Malerkollegen Emil Nolde und Max Pechstein von der 1905 gegründeten Künstlervereinigung „Die Brücke“ auf den Spuren ihres Vorbilds Paul Gauguin 1913/14 wirklich in die Südsee reisten, besuchte Kirchner in Dresden die Varietés und die Völkerschauen im Zoologischen Garten, wo 1909 die Marquardtsche „Sudanesen-Karawane“ gastierte. Aus dem Zirkus Schumann holte er sich die farbigen Artisten Sam, Milly und Nelly ins Atelier, fotografierte und malte sie als „edle Wilde“, in denen er einen Gegenentwurf zur zivilisierten westlichen Welt sehen wollte. Die Mystifizierung einfachen Lebens war dabei immer größer als das Interesse an fremden Kulturen. In wohlsituierten Verhältnissen als Sohn eines Chemie-Professors in Chemnitz groß geworden, rebellierte Kirchner gegen akademische Malerei und Wilhelminismus und zelebrierte die neue Einheit von Leben und Kunst, wie sie die Naturvölker pflegten. Es war die Zeit der Lebensreformbewegung. Der Topos des „Wilden“ diente zur Abgrenzung. Kirchners antibürgerliche Auflehnung gegen die Welt der Spießbürger war Programm.



In drei Kapiteln folgt die Schau Kirchners Weltenflucht und zeigt, wie er von 1904 bis 1911 mit seinen Brücke-Kollegen an den Moritzburger Teichen, zwischen 1908 und 1914 im Urlaub auf der Insel Fehmarn und nach dem im Ersten Weltkrieg und einem Sanatoriums-Aufenthalt ab 1918 in seinem Exil in Davos nach dem „einfachen Leben“ suchte. Allein auf Fehmarn malte Kirchner 120 Gemälde. „Ich habe dort Bilder gemalt von absoluter Reife, soweit ich es beurteilen kann“, schreibt er im Brief an Mäzen Gustav Schiefler.

Herzstück der fantastischen Ausstellung aber ist das Bett, das Kirchner 1919 in seinem Davoser Bauernhaus „In den Lärchen“ seiner langjährigen Gefährtin und Ehefrau Erna nach kamerunischem Vorbild schnitzte. Es steht als Sinnbild für all die exotischen „Traumreisen“, zu denen sich der Künstler zeitlebens inspirieren ließ. 1937 konfiszierten die Nazis Kirchners Werke und diffamierten sie als „entartet“. Im Jahr darauf am 15. Juni 1938 tötete sich der Maler selbst durch einen Pistolenschuss ins Herz.

Die Schau läuft bis 3. März. Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch von 10 bis 21 Uhr und Donnerstag bis Sonntag von 10 bis 19 Uhr.