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Linda Zervakis beim Eifel-Literaturfestival
Die Königin der bunten Tüte

Daun. Beim Eifel-Literaturfestival erzählt Tagesschau-Sprecherin Linda Zervakis, wie sie als „Schneewittchen rückwärts“ Karriere machte.

Sonst präsentiert sie hochseriös die Tagesschau-Nachrichten, am Freitagabend im Dauner Forum zeigt sie ihre emotionale und humorvolle Seite: Die deutsch-griechische Journalistin Linda Zervakis ist eine fesselnde Erzählerin, die – und hier passt die abgedroschene Floskel mal – den Schalk im Nacken hat. Charmant, eloquent, schlagfertig und mit einer entwaffnenden Natürlichkeit erzählt sie, wie sie zu dem geworden ist, was sie ist. Darüber hat sie 2015 ein Buch geschrieben, „Die Königin der bunten Tüte“ heißt das und beschreibt Erlebnisse ihrer Jugend rund um den familieneignen Kiosk in Hamburg-Harburg, der sie sozialisieren und fürs Leben prägen sollte.

Sie ist in Hamburg als Tochter griechischer Eltern geboren, die in den 1960er Jahren aus der Gegend von Thessaloniki in das gelobte Deutsch-Land kamen. Zu der Zeit nannte man das: Gastarbeiter; politische Korrektheit kannte man noch nicht. Nach unbefriedigenden Fabrik-Jobs erfüllten sich Vater Christos und Mutter Chrissi den Traum von der Selbstständigkeit. Linda Zervakis beweist hier auch ihr komödiantisches Talent, wenn sie – liebevoll und ohne Peinlichkeit – deren Akzent nachahmt. Fleiß, Anpassung und Unauffälligkeit waren das Rezept der Eltern zum bescheidenen wirtschaftlichen Aufstieg.

Linda und ihre beiden Brüder halfen wie selbstverständlich mit, denn die Familie war trotz der ersehnten Selbstständigkeit nicht auf Rosen gebettet, und Linda fühlte sich unwohl in ihren Palomino-C&A-Klamotten neben den Freundinnen vom Gymnasium in Lacoste. Aber dafür konnte „Die Königin der bunten Tüte“ auf dem Schulhof mit den neuesten Produkten der Süßigkeiten-Industrie punkten. Beim Blick in den Spiegel fühlte sich die junge Dame mit all ihren vermeintlichen Schönheitsfehlern wie Trichterbrust und großer Nase wie ein „Schneewittchen rückwärts“.



Ihren Aufstieg in den Olymp des deutschen Fernsehens sieht sie daher heute noch „als Sechser im Lotto“ an. Hinter der Theke des Kiosks lernte sie viel über die Menschen in Deutschland, die Kundschaft ein buntes Kaleidoskop der Gesellschaft der Bonner Republik unter Kanzler Helmut Kohl: Arbeiter und Arbeitslose, Banker, Migranten, alleinerziehende Mütter, biedere Familienväter, der Fahrer des Verteidigungsministers (von 1992-1998) Volker Rühe und allerlei skurrile Typen besorgten sich bei den Zervakis ihren täglichen Bedarf und sei es auch lediglich der billige Kräuterfusel für die Trinker.

Den „Stinker“, mit seiner olfaktorisch aufdringlichen Mischung aus „Resten von Nikotin und Schweiß, konserviert mit Alkohol“, ahmt sie unnachahmlich mit einer Wäscheklammer auf der Nase nach, der etwas nervige Dr. Schnabel (ob sie da wohl aus Rücksicht den Namen verändert hat?) wird zum Griechen ehrenhalber ernannt. Zervakis gießt ein Füllhorn voll Anekdoten über ihrem dankbaren Dauner Publikum aus, das sich in vielen Momenten in die Zeit von Old-Spice-Rasierwasser und Geha-Schulfüller zurückversetzt fühlt, herzlich lacht und Szenenapplaus spendet.

All das mag klischeehaft klingen, ist es aber nicht. Zervakis gelingt mit ihrer unprätentiösen Art der Spagat zwischen Trivialem und Literatur. Sie fühle sich vor den 540 Zuhörern im ausverkauften Dauner Forum – dabei kokettiert sie ein wenig mit ihrer Nervosität – wie ein Rockstar, nachdem sie nun zum ersten Mal bei einem Festival aufgetreten sei.