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250. Geburtstag
Beethoven-Jubiläumsjahr startet mit Sonderausstellung

Bonn. Zwei Sonderausstellungen markieren morgen in Bonn den zentralen Auftakt des Beethoven-Jahres 2020.

War Beethoven ein einsames Genie, das fern aller Welt seine bahnbrechende Musik komponierte? Oder ein Napoleonhasser, Frauenheld, Trinker, ewiger Patient, Hungerleider? Oder gar ein „Titan“ und Prophet seiner Zeit? Gängige Mythen und Klischees, die zum 250. Geburtstag Ludwig van Beethovens, der sich in genau zwölf Monaten jährt, zu überprüfen wären. Die beiden Sonderausstellungen, die in seiner Geburtsstadt Bonn morgeneröffnet werden, bieten gute Möglichkeiten, das eigene Beethoven-Bild gerade zu rücken.

Die Schau „Beethoven. Welt.Bürger.Musik“ in der Bundeskunsthalle zeichnet anhand von gut 250 Objekten von über 70 internationalen Leihgebern in fünf Kapiteln Beethovens Leben, Epoche, Umfeld, Werk und Wirkung nach. Und parallel ist in Beethovens Geburtshaus die Sonderschau „In bester Gesellschaft“ zu Joseph Stielers (1781-1858) berühmtem Porträt „Beethoven beim Komponieren der Missa solemnis“ von 1820 zu sehen. Das Ölgemälde des bayrischen Hofmalers, für das der Komponist – nach Fürsprache seiner Freunde Franz und Antonie Brentano – viermal Modell saß und dessen Ergebnis er akribisch kontrollierte, zeigt ihn mit Sturmfrisur, wildem Blick und rotem Schal. Das Bild, das unter anderem von Andy Warhol „verpoppt“ wurde, prägte maßgebend den Mythos Beethoven.

Ebenso ist im Beethoven-Haus, das gerade für 3,75 Millionen Euro umgestaltet und erweitert wurde, die neue Dauerausstellung mit gut 200 fein ausgewählten und sensibel präsentierten Objekten zu sehen. Dabei sahen sich die Macher vor dem Problem, die rund ein Dutzend sehr kleinen Räume so zu gestalten, dass sie weder vollgestopft wirken noch ihr denkmalgeschützter Charakter verlorengeht – und zugleich den Besuchern Raum bieten. Zu den Highlights zählen Beethovens letzter Hammerflügel und Originalhandschriften der „Mondscheinsonate“ und der sechsten Sinfonie „Pastorale“.



Beethovens Leben wird anhand großer Themenblöcke nachkomponiert. Freunde und Familie, sein Alltag, seine Krankheiten, seine Musikinstrumente, seine Prägung als junger Mensch im Rheinland, das er mit 22 Jahren gen Wien verließ, und als Bürger einer spannenden Epoche zwischen Feudalismus und bürgerlicher Gesellschaft. Dabei wird schnell deutlich, dass Beethoven ein großes Netzwerk um sich hatte. Dazu wurden einige – bewusst wenige – Medienstationen eingerichtet. So kann man etwa in Beethovens Stammbuch sowie in den Konversationsheften, die er aufgrund seiner Gehörlosigkeit ab 1818 verwendete, „blättern“ und an mehreren Orten des verwinkelten Hauses mit den knarrenden Dielen seine Musik hören.

Beste Ergänzung bietet die überaus reichhaltige Ausstellung in der Bundeskunsthalle. Zeitliche und politische Einordnung, selten gezeigte Originale und spannende Querverbindungen zeichnen die opulente Schau aus. Dabei wurde auch ein Akzent auf Inklusion, namentlich Beethovens eigene Behinderung, gelegt. So gibt es einen „Emoti-Chair“, der Musik durch die ausgelösten Schwingungen „fühlbar“ macht. Erschütternd das Kapitel über den Patienten Beethoven, der praktisch zeitlebens litt. Selbst vor Therapie-Experimenten mit Strom für sein schwindendes Gehör schreckte er nicht zurück. Und er nutzte die noch sehr junge Homöopathie.

Schon jetzt erweist sich der vielleicht größte Komponist aller Zeiten als Publikumsmagnet: Sein Geburtshaus rechnet mit 130 000 statt der sonst üblichen 100 000 Besucher, die Bundeskunsthalle verzeichnet bereits über 200 Gruppenführungen aus aller Welt.

(kna)