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Kritik an Özil
„Das Ethno-Gejammer nervt mich“

Szene aus „Siegfrieds Erben“: Das Stück des Autorenteams Senkel/Zaimoglu läuft bei den Wormser Nibelungenfestspielen. Ab 17. August gibt es dann deren Neuinterpretation von Mozarts „Entführung“ in der Merziger Zeltoper.
Szene aus „Siegfrieds Erben“: Das Stück des Autorenteams Senkel/Zaimoglu läuft bei den Wormser Nibelungenfestspielen. Ab 17. August gibt es dann deren Neuinterpretation von Mozarts „Entführung“ in der Merziger Zeltoper. FOTO: dpa / Andreas Arnold
Merzig. Mozarts „Entführung“ aus Sicht eines Moslems: Die Version des deutsch-türkischen Autors für den Merziger Zeltpalast. Von Cathrin Elss-Seringhaus

Die Merziger Zeltoper kann sich in diesem Jahr erstmals mit dem prominenten Namen eines zeitgenössichen Autors schmücken: Feridun Zaimoglu. Der arbeitet mit Günter Senkel als Theaterautoren-Team: Gerade entpuppt sich ihr Stück „Siegfrieds Erben“ bei den Wormser Nibelungenfestspielen als Publikumshit. Für die Zeltoper lieferten die beiden als Auftragsarbeit eine Neubearbeitung des Mozart-Singspiels „Die Entführung aus dem Serail“ (1782). Entstanden ist ein Bassa-Selim-Monolog. Am 17. August wird er uraufgeführt (Tickets unter: www.musik-theater.de).

Bassa Selim ist ein gekränkter moslemischer Mann, der vergeblich um Konstanze, eine christliche Frau, wirbt, die er gefangen hält. Bei Ihnen interpretiert dieser Mann die Geschichte aus seiner Sicht. Könnte Konstanze die „Entführung“ nicht eindringlicher erzählen?

ZAIMOGLU: Wenn ein Theaterhaus an uns heranträte mit dieser Bitte, das wäre wunderbar. Ich habe Bücher aus Frauensicht geschrieben. Wenn ich mich zum Verschwinden bringe, bin ich begeistert.



Beim Bassa Selim hatte ich genau den gegenteiligen Eindruck, nämlich, dass da viel Zaimoglu drin steckt.

ZAIMOGLU: Welcher Anteil von mir?

Sie verbindet der Kulturkreis mit der Figur, und Bassa Selim spricht in einem Ton, der mich an den Duktus Ihrer Rede kürzlich beim Ingeborg-Bachmann-Preis erinnerte, in der Sie die rechte Gesinnung anklagten. Ein wenig belehrend.

ZAIMOGLU: Bestimmt nicht belehrend. Manche sahen darin eine biblische Strafpredigt. Sie ging in Richtung aller Menschen, die andere verunglimpfen. Beim Bassa Selim war es anders, mein Ko-Autor und ich wollten ihn nicht zu einem Ideengefäß machen. Er argumentiert aus dem Blutkern seines Glaubens heraus. Bassa Selim ist ein Konvertit, er kennt die christliche Kultur. Er denkt, er sei Konstanze gar nicht so fremd, er könne sich mit ihr verständigen. Aber nicht die morgenländische Kultur ist Konstanze fremd, es ist der fremde Mann, der sie überhaupt nicht interessiert, denn sie liebt Belmonte.

Bassa Selims Entschluss, die Liebenden zu verschonen, kommt in Ihrem Stück sehr abrupt, auf den letzten zwölf Zeilen. Und er begründet den Schritt in nur einem Satz: „Ich will nicht länger mit den Schatten kämpfen.“ Es gibt keine psychologische Herleitung: Warum und wie wird ein zürnender, frustrierter Mann zum verzeihenden Mann?

ZAIMOGLU: Die Psychologie ist der Irrwahn der Moderne. Uns wird vorgegaukelt, Menschen oder Gedanken würden reifen. Bei Bassa Selim ist das Verzeihen eine plötzliche Eingebung. Er ist kurz davor, Konstanze zu enthaupten. Er weiß um die Gefahr, dass er in der nächsten Stunde diesem Impuls nachgeben könnte, wenn der Hass ihn wieder überwältigt.

Wie entstand die Idee, Bassa Selim zur Hauptperson zu machen?

ZAIMOGLU: Joachim Arnold und Regisseur Andreas Gergen kamen nach Kiel mit der Idee, bei der Oper einen Perspektivenwechsel vorzunehmen. Sie wollten, dass das Stück aus Sicht des angefeindeten Morgenländers geschrieben sein sollte. Wir waren sofort Feuer und Flamme. Bassa Selim ist aber nicht nur eine Monologmaschine. Er erzählt die Geschichte nach.

Die Arien sollten nicht neu getextet werden?

ZAIMOGLU: Um Gotteswillen! Die Menschen gehen doch wegen der Musik in die Oper. Da machen wir uns keine Illusionen.

Sie sprechen von wir. Wie funktioniert Ihre Teamarbeit?

ZAIMOGLU: Ich bin in meiner Art, wie man mir gesagt hat, sehr weiblich. Mir kommen die Ideen, während ich spreche. Günter Senkel und ich scheuen die Arbeitssituation, wir gehen hinaus und reden. Ich habe ein Notizheft, mache Notizen. Es gibt immer wieder Streit. Wir unterstellen uns menschliches Versagen und Inkompetenz. Wir einigen uns nicht sofort. Aber hier war gleich zu Beginn klar: Es wird ein Monolog. Dann haben wir uns Wissen angeeignet, etwa über die Geschichte des Kostüms und über Gartenanlagen, haben das Motiv der unerwiderten Liebe untersucht. Senkel hat die Szenenabfolge geliefert, ich habe mich auf den Ton eingestimmt. Ich schreibe alle Stücke mit der Hand und merkte, dass es fließt. Hier eine Anklage, da Schadenfreude, da Grausamkeit. Viele Wochen schoben wir eine Zettelwirtschaft hin und her, wir wohnen ja im selben Haus, Tür an Tür. Er bringt Sätze hinein, er gibt Ideen vor, Bilder. Ich bin der Sprachknecht.

Bei diesem Stoff liegt es nahe, Sie wieder mal zur Migrationsproblematik zu fragen. Vor über zehn Jahren hielten Sie in einem Tagesschau-Interview die Attraktivität des Islam für junge Männer für eine „Modeerscheinung“. Müssten Sie das heute nicht revidieren?

ZAIMOGLU: Es gab eine Zeit, da galt es als besonders subversiv, mit den gängigen Regeln zu brechen und zum strengen Moslem zu werden. Heute gibt es den Islamo-Faschismus und es gibt das Sektenwesen, Moscheen-Gemeinden, die sich abkapseln. Ich habe mich immer für den deutschen Islam ausgesprochen. Wenn man in Deutschland lebt, muss man sich als deutscher Moslem begreifen. Ich bin 53, davon bin ich 49 Jahre in Deutschland. Ich sage nicht, ich bin in Deutschland, ich sage, ich bin in meinem Land. Ich habe nirgendwo so gute Laune wie hier in meinem deutschen Land. Ich bin wertekonservativ. Ich kann mit Emotions-Hokuspokus ziemlich wenig anfangen.

Sie denken, es wird sich ein spezifisch deutscher Islam entwickeln?

ZAIMOGLU: Türkische, arabische oder persische Religionslehrer, die nach Deutschland geschickt werden, können herzlich wenig über die Lebensverhältnisse hier sagen. Es ist ein widerliches Verhalten, wenn Leute hierher kommen und immer wieder die Schuld für alles auf Deutschland abwälzen. Wir leben nicht in Nordkorea, man sollte nicht zu tun, als wäre man geknebelt. Sollen wir für jeden, der sich als Türke versteht, eine Therapie-Couch einrichten; auf dass er sich dorthin lege und ausheule? Ich glaube, es hackt! Das Ethno-Gejammer geht mir richtig auf die Nerven. Wir leben in einem freien Land. 

Beim Begriff Ethno-Gejammer fällt mir Mesut Özil ein.

ZAIMOGLU: Ich rede ungern über andere, ich spreche lieber über mich, aber dann wird es auch klar. Deutschland hat mich zu dem gemacht, was ich bin. Als Kind habe ich den Satz von unseren Eltern gehört: Man spuckt nicht in den Napf, aus dem man isst. Ich bin begeistert, in meinem freien Land zu leben und bin nicht geneigt, irgendwelchen aktuellen Affekten nachzugeben. Deutschland hat mich bereichert.

Trotzdem haben Sie in Klagenfurt eine zornige Rede gegen die Rechtsgesinnten gehalten. Sind Sie an zwei Fronten unterwegs?

ZAIMOGLU: Ich habe ohne intellektuelle Floskeln gesprochen. Ich wollte mit der mächtigen deutschen Sprache kommen und mit der Bergpredigt, den Seligsprechungen des Heilands. Wenn ich von den Rechten rede, dann sind es diejenigen, die von Heimatstolz sprechen. Überall auf der Welt sind die angeblichen Patrioten so. Sie können nur für ihre Heimat glühen, wenn sie andere entwerten. Das muss ich nicht. Bei mir ist es für Deutschland Heimatliebe, und bei den angeblichen Patrioten ist es Heimatstolz.

Sie müssten noch Ihre ganz besondere Beziehung zu Mozart erklären.

ZAIMOGLU: Ich versuche, dabei nicht dramatisch zu werden. Ich habe alle, wirklich alle Musik von ihm. Es gab Tage, da habe ich acht Mal am Tag das „Requiem“ hören müssen. Was für eine schöne Seele!

Eine Frau hat Sie zu Mozart gebracht?

ZAIMOGLU: Meine Grundschullehrerin. Damals war ich noch ein Türkenkind aus Arbeiterverhältnissen. Es war in der fünften Klasse, da klappte ich die Ohren auf, es war, glaube ich, die kleine Nachtmusik. Es wird immer gesagt, Mozart ist überirdisch. Wenn Musik erklingt, die einen heraus reißt aus den armen, schäbigen Verhältnissen, können Sie sich vorstellen, dass ich mich dem immer und immer wieder ergeben wollte.

Haben Sie eine Lieblingsoper?

ZAIMOGLU: Es ist peinlich, weil es eine Auftragsarbeit ist, aber es ist die „Entführung“. Seelenhafte Musik! Wie schön, dass der Schreiber anfängt zu stammeln, wenn er sie beschreiben soll.

Gehen Sie oft in die Oper?

ZAIMOGLU: Nein. Ich finde mich peinlich, wenn ich bebe und herum zappele. Deshalb schließe ich mich zuhause ein, ich muss alleine sein, weil ich Tränen in den Augen habe. Im Saal werde ich zum Rumpelstilzchen.

Dann bin ich neugierig, was in Merzig passieren wird.

ZAIMOGLU: Im Saal kann ich nicht sein, weil ich einen Herzkasper riskiere. Ich bin hinter den Kulissen, und ich bin sehr, sehr aufgeregt.

Das Gespräch führte Cathrin Elss-Seringhaus

Auf Distanz zu Mesut Özil: Autor Feridun Zaimoglu. 
Auf Distanz zu Mesut Özil: Autor Feridun Zaimoglu.  FOTO: dpa / Uwe Anspach