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Ausstellung in Trier
Das Geheimnis um den Untergang der Römer

Trier. Wie konnte das mächtige Römische Reich zusammenbrechen? Nun wird es erstmals in Trier zu dieser Frage eine Ausstellung geben. Von Birgit Reichert

(dpa/lrs) Es ist eines der ganz großen Rätsel der Weltgeschichte: Warum ist das Römische Reich untergegangen? Ein Staat, der kulturell so hoch entwickelt war – mit einem Rechtssystem, Münzwesen, großer Kunst und Architektur?

„Es gibt über 700 Theorien, wieso das Imperium Romanum im Westen niedergegangen ist“, sagt der Direktor des Rheinischen Landesmuseums Trier, Marcus Reuter. Doch noch nie sei dieses „unglaublich spannende und facettenreiche Thema“ in einer Ausstellung behandelt worden. Das wird sich ändern: „Der Untergang des Römischen Reiches“ wird 2022 in Trier in drei Museen im Fokus einer großen rheinland-pfälzischen Landesausstellung stehen.

Die Region und Rheinland-Pfalz seien fast ein halbes Jahrtausend lang von den Römern geprägt worden, sagt der Kulturminister des Landes, Konrad Wolf (SPD). „Deshalb ist es ein höchst spannendes Vorhaben, nach den Gründen zu fragen, die zum Untergang des Römischen Reiches geführt haben.“ Das Rheinische Landesmuseum Trier als Hauptstandort werde mit Spitzenexponaten aus Europa die historischen Ereignisse vom 3. bis 5. Jahrhundert aufzeigen, die das Ende eines Imperiums brachten – das einst von Britannien bis Nordafrika sowie von Spanien bis Syrien reichte. Die Theorien zum Niedergang seien vielfältig, sagt Reuter: Wenig wahrscheinlich seien die, die als Gründe die Dekadenz der Römer, Klima-Veränderungen oder Bleivergiftung anführten. Die Römer hätten zwar bleierne Wasserrohre gehabt und auch Wein in Blei gekocht. „Ganz gesund war das sicherlich nicht. Aber ob das dazu führt, dass ein Staat zusammenbricht – da kann man eher skeptisch sein, sagt der Archäologe. Ein Grund dafür seien eher wiederholte Angriffe von germanischen Völkern an verschiedenen Ecken des Reiches gewesen. Hinzu kamen zunehmend innerrömische Bürgerkriege – immer wieder spalteten sich Provinzen zeitweise ab. „Plötzlich ist das Römische Reich nicht mehr politisch so stabil wie im ersten und zweiten Jahrhundert.“



Von 250 bis 476, als der letzte römische Kaiser abgesetzt wird, seien mindestens alle zehn Jahre „gewaltige römische Heere gegeneinander marschiert“ – und hätten sich eliminiert. Und dann die ständigen Angriffe von den „Barbaren“. „Es war eine unglaubliche Vergeudung von Ressourcen.“ Der Untergang vollzog sich in verschiedenen Regionen zu verschiedenen Zeiten. Die ersten Landstriche, die schon um 250 bis 270 verloren gingen, lagen laut Reuter im heutigen Rumänien. Um 350 seien etliche Bereiche im heutigen Deutschland „völlig leer und verlassen“ gewesen, während in Nordafrika bis zum 6. Jahrhundert „noch das blühende Leben“ herrschte.

In der Ausstellung sollen laut Museums-Direktor Reuter „die Fakten zusammentragen werden. Was nachweisbar ist“. „Aber eine abschließende Antwort, wird man, glaube ich, nie geben können.“ Jede Zeit habe „so ihren eigenen Blick“ auf den Untergang: Die Rezeptionsgeschichte werde im Stadtmuseum Simeonstift Trier behandelt. Plus die Frage: „Wo lebt das Römische Reich bis heute weiter?“ – Als Beispiele nennt der 52-Jährige die Schrift („Wir haben immer noch die gleichen Buchstaben“) und die Sprache.

Auch wenn es bis zur Ausstellung vom Juni bis November 2022 noch dauere, spüre er jetzt schon großes Interesse an dem Thema, sagt Reuter. Und er ist überzeugt: „Das wird ein Blockbuster.“ Es fasziniere, wie so viel Wissen über den Bau von Fußbodenheizungen, Kanalisation, Fensterglas, Aquädukten oder Mosaike plötzlich für zig Jahrhunderte verschwinden konnte. „Bis zur Einführung der Schulpflicht im 19. Jahrhundert hat die Gesellschaft danach in Mitteleuropa nie wieder einen so hohen Grad an Kenntnis von Leben und Schreiben gehabt.“

Gerade die Kirche habe „viel tradiert, was das römische Erbe angeht“. Das Trierer Museum am Dom – das Dritte im Bunde – werde sich dem Aufstieg des Christentums widmen. Neben dem Weg des Christentums zur Staatsreligion soll auch das Schicksal der heidnischen Kulte thematisiert werden.

Trier sei für die Ausstellung ein „mehr als idealer Standort“, betont Reuter. Denn die Stadt war in der Spätantike als Kaiserresidenz einer der wichtigsten Zentralorte des weströmischen Reiches: „Hier wurde Geschichte geschrieben.“ Mit dem „Untergang des Römischen Reiches“ wolle man an den Erfolg der Ausstellung über den römischen Kaiser Nero von 2016 anknüpfen. Die Schau hatte mehr als 272 000 Besucher in die älteste deutsche Stadt gelockt. Minister Wolf sagte, er sei sicher, dass die neue Schau wieder zahlreiche Besucher anziehen werde. „Es ist ein großes kulturgeschichtliches Thema.“

Von Angesicht zu Angesicht: Marcus Reuter, Direktor des Rheinischen Landesmuseums in Trier, steht neben der Kopie eines Kopfes des römischen Kaisers Nero (37 bis 68 nach Christus).
Von Angesicht zu Angesicht: Marcus Reuter, Direktor des Rheinischen Landesmuseums in Trier, steht neben der Kopie eines Kopfes des römischen Kaisers Nero (37 bis 68 nach Christus). FOTO: dpa / Harald Tittel