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Ausstellung „Silver Nudes“ in Saarbrücken
„Mir geht es um das Ungeschminkte“

 Zu Tisch! „La Grande Bouffe“ heißt diese Aufnahme, wie der Originaltitel des Films „Das große Fressen“. Abgelichtet hat Mark Doerr eine Kollegin:  die Fotografin Elena F. Barba.
Zu Tisch! „La Grande Bouffe“ heißt diese Aufnahme, wie der Originaltitel des Films „Das große Fressen“. Abgelichtet hat Mark Doerr eine Kollegin:  die Fotografin Elena F. Barba. FOTO: Mark Doerr
Saarbrücken. Nackte in Silber. In Saarbrücken beginnt am Freitag die Ausstellung „Silver Nudes“ mit Fotografien von Mark Doerr – aufgenommen in der alten und durchaus kniffeligen Nassplatten-Technik. Doerr hat sie uns erklärt. Von Tobias Kessler

Eigentlich ist es ganz simpel – aber zugleich auch ziemlich kniffelig. Mark Doerr hat ein Faible für das „Kollodium-Nassplatten-Verfahren“, das aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammt. „Man hat, ähnlich wie bei der Camera Obscura, eine Holzkiste, in der auf einer Seite Licht einfällt“, sagt Doerr, „auf der Rückseite ist eine Glasplatte, die lichtempfindlich ist durch eine Beschichtung mit Kollodium und anschließendem Bad in gelöstem Silber.“ Und da beginnt das Schwierige: „Die Platte ist nur so lange lichtempfindlich, wie das Kollodium nass ist.“ Schnell arbeiten muss man also und die fertig belichtete Platte sofort entwickeln und fixieren. Und da fast niemand mehr dieses antike Verfahren nutzt, muss Doerr die Chemikalien selbst anrühren („aufwändig und teuer“) und die Platten selbst beschichten, die eine nur sehr niedrige Lichtempfindlichkeit erreichen: 0,4 Iso.

Die Mühe lohnt sich für Doerr, er liebt das Handwerk und die fertige Fotografie – von der entwickelten Glasplatte werden keine Fotos gezogen, sie ist kein Negativ, sondern das Positiv, die eigentliche Aufnahme: Silber auf Glas, im Format 18 auf 24 Zentimeter. 32 (ausschließlich weibliche) Aktfotos mit der Kollodium-Technik zeigt Doerr ab Freitag im Saarbrücker Café Pikant. „Silver Nudes“ heißt die Ausstellung und läuft im Rahmen der saarlandweiten „Pictures of Pop“-Reihe (wir haben berichtet). Zu sehen sind atmosphärische Porträts, die durch die Anmutung vergangener Zeiten etwas entrückt und geheimnisvoll wirken; manchmal auch bewegt sich Doerr vom Aktporträt weg und zeigt den Körper als abstrakte, manchmal ziemlich flexible Form.

Die Aufnahmen mit der alten Technik sind nur ein Teil der Arbeit des 44-Jährigen aus Ensdorf. Zur Zeit fotografiert Doerr fast ausschließlich analog, hat aber auch ein paar Jahre der digitalen Aufnahmen hinter sich, „bis das nicht mehr meine Welt war. Wichtig ist der kreative Moment der Aufnahme und nicht das spätere Rumsitzen am PC, um Bilder zu bearbeiten“. Für Doerr, der sein Geld zum Leben (und Fotografieren) als Software-Entwickler verdient, ist das aber keine Glaubens-, sondern bloß Geschmackssache.



Auslöser seiner Foto-Faszination war einst das elterliche Kommuniongeschenk: eine Polaroid-Sofortbildkamera. Regelrecht versenkt in die Materie hat sich Doerr aber erst in den 1990ern. Da schenkte ihm ein Mitbewohner im Studentenwohnheim eine betagte Praktica-Kamera. „Das war ein ganz neuer Anfang für mich.“ Doerr richtete sich eine Dunkelkammer ein, entwickelte, experimentierte dabei, inspiriert vor allem von Man Ray (1890-1976), der seine legendären „Rayographien“ ohne Kamera entstehen ließ, nur mit Licht und mit auf Fotopapier drapierten Gegenständen. Doerrs Kamerasammlung wuchs derweil, um die 100 Exemplare besitzt er heute, alle sind im Gebrauch.

Doerrs fotografisches Auge ist von der Ästhetik des weiblichen Körpers fasziniert, was man ebenso in der Ausstellung sehen kann wie auf seiner Internetseite „Kollektivmaschine“. Viele Akte sind dort zu finden, die der Künstler selbst als unerotisch bezeichnet. Für ihn bedeutet die Nacktheit „Freiheit und Stärke. Die Fotografierten sind ungeschützt und geben etwas von sich preis. Mir geht es um das Ungeschminkte.“ Schwierigkeiten, Menschen vor seine manchmal sehr genau hinsehende Linse (beziehungswiese Glasplatte) zu bekommen, hat Doerr nicht. „Ich habe viele Freigeister in meinem Bekanntenkreis, die mir vertrauen und wissen was ich mache – keine Erotikaufnahmen, nichts Anzügliches.“

Bei den Bildern der Ausstellung (zu sehen sind Scans der sehr empfindlichen Platten auf Edelpapier)  bringt die antike Kollodium-Technik eine weitere Facette hinzu: „Die Bilder haben immer auch Fehler, durch Zufälle, durch chemische Reaktionen, durch Temperaturschwankungen.“ Schlieren etwa, Kratzer, Flecken, Verwischungen. „Das passt zu den Menschen, die man porträtiert. Die haben ja auch ihre Fehler, sind nicht perfekt, der Mensch ist ja einzigartig und kein Massenprodukt. Das geht in die Bilder über.“ 

Eröffnung: Freitag, 19 Uhr, Café Pikant (Eisenbahnstraße 45), mit Poetry  Slam von Andrea Maria Fahrenkampf und Musik von Karma Drama. Bis 8. Dezember.
Infos: www.pop19.de und
www.kollektivmaschine.de 

 „Flexible“ heißt diese Aufnahme naheliegenderweise.
„Flexible“ heißt diese Aufnahme naheliegenderweise. FOTO: Mark Doerr
  Mark Doerr: Eine Polaroid-Kamera löste seine Faszination für Fotografie aus.
Mark Doerr: Eine Polaroid-Kamera löste seine Faszination für Fotografie aus. FOTO: Mark Doerr
 Andrea Maria Fahrenkampf, die die Eröffnung mit Poetry Slam veredelt.
Andrea Maria Fahrenkampf, die die Eröffnung mit Poetry Slam veredelt. FOTO: Mark Doerr