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Ausstellung „Pop-Ikonen im Saarland“
Nena, Nina, Udo und sein Urpils

 Der unverwüstliche Udo Lindenberg im Februar 1990 in Homburg: Ohne Sonnenbrille, aber mit einem klassischen Bier aus der Homburger Karlsbergbrauerei.
Der unverwüstliche Udo Lindenberg im Februar 1990 in Homburg: Ohne Sonnenbrille, aber mit einem klassischen Bier aus der Homburger Karlsbergbrauerei. FOTO: Landesarchiv / Ferdi Hartung
Saarbrücken. Depeche Mode an der Saarbrücker Uni, Rod Stewart in einer Sporthalle, Udo Lindenberg an einem Homburger Tresen. Das und vieles mehr zeigt die Ausstellung „Pop-Ikonen im Saarland“ in Saarbrücken. 

So lange ist das ja noch gar nicht her – aber es wirkt wie eine andere Epoche.  Zeiten, in denen Dieter Bohlen und Thomas Anders noch miteinander sprachen. In denen die Saarlandhalle noch Ort war für Aufzeichnungen großer Samstagabend-Shows. Zeiten, in denen Michael Jackson, Freddie Mercury und Falco noch lebten – und Oskar Lafontaine noch Saarbrückens Oberbürgermeister war und Harry Belafonte in seinem Büro empfing.

Mit den oben Genannten und vielen weiteren gibt es ein Wiedersehen dank einer Ausstellung, die noch bis Mittwoch in Saarbrücken zu sehen ist. „Pop-Ikonen im Saarland“ heißt sie und zeigt – im Rahmen der Ausstellungsreihe „Pictures of Pop“ des Saarland-Poprats – nahezu 70 schwarzweiße Arbeiten von zwei im Land wohlbekannten Fotografen: Julius C. Schmidt (1927-2018) und Ferdi Hartung (1931-2014), deren Nachlässe in Form mehrerer hunderttausender Negative im Landesarchiv des Saarlandes zu Hause sind. Jutta Haag vom Archiv und Pop­rat-Vorsitzender Peter Meyer haben die Ausstellung kuratiert, gehängt auf drei Stockwerken in der  Unionstiftung in Saarbrücken (Steinstraße 10).

Vor allem aus den 1970ern und 1980ern stammen die Bilder; manchmal sind es eher konventionelle Konzertmotive, von Bap etwa, Nena oder Spliff, deren Reiz vom Bühnenncharisma des Künstlers abhängt: Nina Hagen im fortgeschrittenen Kreisch-Modus etwa oder Herbert Grönemeyer,  der wie ein Dampfkochtopf vor der Explosion wirkt: Man ahnt, wie er die nächsten Worte mit Hochdruck herauspressen wird.



Viele Fotografien aus den 1970ern zeigen eine heute ausgestorbene Konzertkultur: das Bespielen von Sport- oder Messehallen, mit Glasbausteinen statt Lichtinszenierungen, rundum rudimentär. Etwa ein „Beat-Konzert“ auf dem Saarbrücker Messegelände mit Uriah Heep und den Moody Blues, bei dem das Foto nicht die Musiker zeigt, sondern das junge Publikum in Sitz- bis Liege-Haltung; mit Hemden in Karo- und Blümchenmustern – und einem voluminösen Joint, an dem ein Jüngling nuckelt, mit herausforderndem Blick in Richtung Fotografenlinse.

In den 1970ern begegnen uns unter anderem Queen und Deep Purple in der Saarlandhalle und Rod Stewart, damals noch mit den Faces, in der ATSV-Halle auf der Saarbrücker Bellevue, wobei das Schild am Bild noch „Alkohol und zertrümmerte Hotelzimmer“ erwähnt. Ein Rock-Ritual. Ein schönes Panoramafoto zeigt uns den Ludwigspark, wo im September 1978 ein „Summertime Open Air“  40 000 Menschen anlockte – mit Frank Zappa, Joan Baez, den Scorpions und Genesis. Überraschend ist ein Foto von 1974: Da jazzte die legendäre Ella Fitzgerald in der Saarlandhalle.

Eine Handvoll Fotos dokumentiert eine Visite von Grace Jones im Saarbrücker Club No. 1: mal mit einem Motorrad, mal halb barbusig im Amazonen-Stil und dabei ziemlich zeitlos. Nur die Welt um sie herum, der  Frisuren- und Textilstil zeigen das Alter der Aufnahmen von 1978. Die 80er bescheren uns hier unter anderem Joan Baez und Jon Bon Jovi in der Saarlandhalle, Depeche Mode in der intimen Aula der Uni Saarbrücken, bevor sie Stadien zu füllen begannen.

Besonders interessant sind einige  Aufnahmen von Musikern abseits der Bühne. Falco etwa, der in der Ausstellung doppelt vertreten ist: einmal mit einem üblichen Star-Porträt, einmal mit einem Porträt vom Oktober 1986 in der Saarlandhalle, wo er seine zweite Goldene Europa in Empfang nimmt – hinter der Bühne sitzt er, in einem biederen Wollpulli und mit einem Blick zwischen Zweifel, Schwermut und schwerster Müdigkeit. Kein typisches Promo-Foto. Ähnliches bei Elton John, ebenfalls mehrmals zu sehen:  1983 landet er in Ensheim, nicht eines Konzertes wegen, sondern weil er damals als Präsident und Sponsor des englischen Fußballclubs FC Watford zu einem Spiel nach Kaiserslautern begleitet. Wie ein etwas exzentrisch gekleideter Staatsmann (mit Strohhütchen) wirkt er da, kaum aus der Maschine gestiegen, schon umringt von Reportern. Auf einem Bild von 1989 von einem Auftritt in der Saarlandhalle ist der Lack aber sichtlich ab: John wirkt aufgedunsen und teigig – wenig überraschend, dass er sich nach dieser Tournee erstmal zügig in den Drogenentzug begab.

Eine der schönsten Aufnahmen entstand nicht auf der Bühne, sondern an einem ungenannten Ort in Homburg. Dort fotografierte Ferdi Hartung Udo Lindenberg an einem Tischchen vor einem saarländischen Bier, eine Sonnenbrille trägt Lindenberg ausnahmsweise nicht – dafür aber hat er die Hutkrempe tief über die Augen gezogen. Ein sehr lässiges Motiv – ähnlich wie die Aufnahme eines Saarländers, der von Elversberg aus in die Welt hinauszog, um uns unter anderem die Disco-Klänge von Boney M. (in der Ausstellung auch verewigt) zu kredenzen und die Playback-Schlawiner Milli Vanilli: Produzent Frank Farian. Auf dem undatierten Foto sitzt er auf einem ziemlich speckigen Sofa, auf dem Schoß ein Hund (es könnte ein Neufundländer sein), neben sich Krücken – denn eines seiner Beine trägt Gips.

Noch bis Mittwoch, 2. Oktober. Öffnungszeiten: Montag bis Donnerstag von 8.30-17 Uhr, Freitag von 8.30-15 Uhr.

 Tina Turner 1974 in der Saarlandhalle.  Foto: Julius C.Schmidt/ Stefan Andres Schmidt
Tina Turner 1974 in der Saarlandhalle. Foto: Julius C.Schmidt/ Stefan Andres Schmidt FOTO: Stefan Andreas Schmidt / Julius C. Schmidt
 Frank Farian, Vater von Boney M. und Milli Vanilli.
Frank Farian, Vater von Boney M. und Milli Vanilli. FOTO: Landesarchiv / Foto: Ferdi Hartung - © Landesarchiv