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Kunst
„Dieses Gekribbel und Gekrabbel“

Kein Flanieren durch eine liebliche Stadtlandschaft bei Helmut Middendorfs Werk „Großstadteingeborene II“ aus dem Jahr 1979.
Kein Flanieren durch eine liebliche Stadtlandschaft bei Helmut Middendorfs Werk „Großstadteingeborene II“ aus dem Jahr 1979. FOTO: VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Bonn. Das Kunstmuseum Bonn widmet sich in einer bezaubernden Ausstellung dem „Flaneur“ als Kind der Moderne. Von Welf Grombacher

Das Flanieren sei eine Wissenschaft, glaubte der französische Schriftsteller Honoré de Balzac und schrieb von einer „Feinschmeckerei des Auges“. Sein jüngerer Kollege Charles Baudelaire hingegen sah im Flaneur den Einsamen, der „die große Wüste der Menschen unablässig durchwandert“ und ein „höheres Ziel . . . als das augenblickliche Schauvergnügen“ habe. Für Baudelaire war der Flaneur ein Künstler und umgekehrt der Künstler ein Flaneur. Der Journalist und Theaterautor Louis Huart ging noch weiter und wollte im Flanieren eine soziale Überlegenheit erkennen: „Der Mensch ist allein deshalb über alle anderen Tiere erhaben, weil er zu flanieren vermag.“

Das Kunstmuseum Bonn, das sonst im Schatten der benachbarten Bundeskunsthalle steht, widmet sich mit der bezaubernden Ausstellung „Der Flaneur“ jetzt einem Phänomen der Moderne und untersucht wie der literarisch geprägte Begriff des „Flaneurs“ in den vergangenen 150 Jahren von der bildenden Kunst aufgegriffen wurde. Vom Impressionismus bis zur Gegenwart spannt sich der Bogen. Insgesamt 160 Werke von 86 Künstlern sind zu sehen. Exzellente Leihgaben aus der ganzen Welt haben die Kuratoren Volker Adolphs und Stephan Berg zusammengetragen. Entstanden ist so nicht nur die beste Schau des Hauses seit Jahren, sondern eine der „Ausstellungen des Jahres“, die den Vergleich mit den ganz großen Museen nicht zu scheuen braucht.

Schon die ersten zwei Räume sind überwältigend: Straßenszenen von Van Gogh, Camille Pissarro, Alfred Sisley und Adolph von Menzel entführen ins Paris des 19. Jahrhunderts mit seinen breiten Haussmann-Boulevards, in dem der Begriff des Flaneurs entstanden ist. Selbst Gustave Caillebottes „Straße in Paris an einem regnerischen Tag“ als eines der bekanntesten Flaneur-Bilder überhaupt fehlt in Bonn nicht. Weil das Original aus dem Art Institute in Chicago nicht mehr verliehen wird, haben die Kuratoren auf eine Fotografie aus der Reihe von Thomas Struths „Museumsbildern“ zurückgegriffen. Eine exzellente Idee, die den Eindruck einer Lücke gar nicht erst entstehen lässt. Ebenfalls entzückend sind Jean Bérauds Pariser Boulevards, die als eine echte Entdeckung gelten können. Aus einem Pferdewagen leicht erhöht heraus malte Béraud seine Bilder. Gleich mit vier von ihnen punktet die Bonner Ausstellung.



Während die Impressionisten noch das selbstsichere, bürgerliche Promenieren auf Leinwand bannten, wandelte sich der Blick bei den Expressionisten allmählich. August Macke schwärmte 1907 bei seinem ersten Parisaufenthalt noch von der „schönsten Stadt der Welt“ und schrieb seiner späteren Ehefrau Elisabeth, dass er die Beine vom vielen Laufen kaum noch spüre: „Dieses Gekribbel und Gekrabbel in den Straßen. London ist bäurisch gegen Paris.“ Immer wieder kehrte Macke an die Seine zurück und malte die Straßen, Plätze und bunten Schaufenster. Ernst Ludwig Kirchners Straßenszenen dagegen lassen die Abgründe schon erahnen. Auf seinen Berliner Kokottenbildern widmet er sich der spannungsvollen Beziehung zwischen den Geschlechtern. Während bei George Grosz die Straßen dann nur noch wilde Schluchten voll Totschlag und Kokainhandel sind, über die er schreibt: „Berlin nach dem Krieg: Das war Lärm, Gerücht, Geschrei, politische Parolen.“

Immer mehr wird der Flaneur im 20. Jahrhundert zu einer Sehnsuchtsfigur, die in einer zunehmend verwirrenden Welt von einem entschleunigten Leben träumt. Er ist ein Kind der Moderne, das durch Heimat- und Transzendenzlosigkeit sich selbst als entfremdetes Subjekt in der Menge verliert. Walter Benjamin bringt es auf den Punkt, wenn er in seinem berühmten „Passagen-Werk“ schreibt: „Den Flanierenden leitet die Straße in eine entschwundene Zeit.“ Den Schock der Reizüberflutung in einer industrialisierten Welt vermeidet er, indem er sich als Betrachter die Dinge vom Leib hält, sie nur aus der Distanz anschaut. Wie im Kino läuft das Leben mit seinen unzähligen Simultan-Eindrücken an ihm vorüber. So wie auf den Fotographien, die Brassaї 1933 auf dem „Boulevard du Montparnasse“ oder André Kertész 1969 in New York auf dem „Washington Square“ machte.

Mit multiperspektivisch verschachtelten Raumbildern von Corinne Wasmuth und einer Wandcollage von Beat Streuli, auf der neben Fotos von Straßenszenen in Istanbul auch bewegte Filmaufnahmen der Stadt zu sehen sind, endet die sehenswerte Ausstellung. Mag der Begriff „Flaneur“ in der Welt von heute auch ein wenig anachronistisch anmuten – das Phänomen als solches hat nichts an Aktualität eingebüßt. Sind die Globetrotter, die auf der Flucht vor sich selbst als Touristen rastlos um die Welt jetten, immer auf der Suche nach dem neuesten Kick, nicht auch in gewissem Sinn Flaneure? Verlieren sich die Menschen nicht immer noch wie damals Ende des 19. Jahrhunderts in der anonymen Menge? Den einen Typus des Flaneurs gibt es nicht und gab es nie. Seine Gestalt ist vielfältig. Das zeigt die Ausstellung in Bonn ­exemplarisch – und macht daraus ein Fest der Kunst.

Bis 13.Januar. Dienstag bis Sonntag 11 bis 18, Mittwoch 11 bis 21 Uhr.
www.kunstmuseum-bonn.de

Vincent van Goghs „Le Moulin de Blute-Fin“ von 1886. Foto: Museum de Fundatie, Zwolle and Heino/Wijhe, The Netherlands
Vincent van Goghs „Le Moulin de Blute-Fin“ von 1886. Foto: Museum de Fundatie, Zwolle and Heino/Wijhe, The Netherlands FOTO: Museum de Fundatie, Zwolle and Heino/Wijhe, The Netherlands