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„Arctic“ mit Mads Mikkelsen auf Blu-ray
Soweit die Füße tragen – mit einem Zeh weniger

 Mads Mikkelsen als im Eis Gestrandeter. Gedreht wurde  der packende Film „Arctic“ auf Island.
Mads Mikkelsen als im Eis Gestrandeter. Gedreht wurde  der packende Film „Arctic“ auf Island. FOTO: Koch Films / Helen Sloan
Zweibrücken. Die herausragende Heimkino-Premiere „Arctic“ mit Mads Mikkelsen erzählt – in aller Ruhe und mit kühler Konsequenz – vom Überleben im Eis. Von Tobias Kessler

Stoisch und stumm gräbt der Mann im Schnee, schiebt Geröll und Steine hin und her, macht immer weiter. Was er da genau tut, zeigt sich erst, als die Kamera ihn von oben zeigt, aus der Vogelperspektive: Ein großes „SOS“ hat er in den Schnee gebuddelt. So beginnt „Arctic“, ein filmisches Kammerspiel in der Antarktis, ein Zwei-Personen-Stück, von denen eine meist bewusstlos ist und im ganzen Film nur ein Wort flüstert. Reicht das für die 95 Minuten?

Das Langfilmdebüt von Musiker und Videokünstler Joe Penna (auch Ko-Drehbuch) hat enormen Mut zur Reduktion. So stoisch, wie der Mann sein „SOS“ freigräbt, so stoisch folgt der Film dem Tagesablauf des Gestrandeten: Sorgsam kontrolliert er das Loch im Eis, in dem er ein Seil als Angelrute versenkt hat; sitzt mit einem Funksender, den  er per Handkurbel antreibt, auf einer Anhöhe; verstaut gefangene Fische im Eis, nimmt einen davon mit in sein Flugzeugwrack, schneidet ihn in exakte Streifen, isst ihn, legt sich dick eingemummt schlafen und schaut vorher noch einmal nach seinen Zehen, von denen einer schon erfroren ist. Wieder einen Tag überstanden und überlebt.

Was genau passiert ist, warum die Maschine abstürzte, erfährt man nicht. Das große Abwarten des Mannes, das rigide Festhalten an einem Tagesablauf, scheint ein Ende zu haben, als nach Wochen ein Hubschrauber über ihm kreist. Doch die Landung misslingt im schlechten Wetter: Der Pilot stirbt sofort, die Kopilotin (María Thelma) überlebt verletzt – so schwer, dass sie einen Arzt braucht, und der Mann mit ihr das in Angriff nimmt, was er wohl schon einmal vergeblich versucht hat: zu Fuß eine Siedlung zu erreichen. Er schnallt die bewusstlose Frau auf einen Schlitten, beginnt die Reise durch die Einöde mit ihren mörderischen Anstiegen, Schluchten im Schnee und einem weiteren Fleischfresser: einem Eisbären.



Wie reißerisch hätte man das Alles inszenieren können – doch „Arctic“, für ein schmales Budget in Island gedreht, ist umso interessanter, als er konsequent  das unterlässt und unterläuft, was man von einem konventionelleren Film wohl erwartet hätte: eine Exposition etwa, die einem die Figur des Gestrandeten näher bringt, ein wenig persönlicher Hintergrund. Aber von dem Mann erfährt man kaum etwas, das darüber hinausgeht, was man sieht – die Figur definiert sich über ihre Handlungen. Immerhin einen schönen sprechenden Namen darf er (als Aufnäher an der Jacke) tragen, Overgard. Ein großer Behüter ist er ja durchaus. Aber Overgard erzählt nicht von einer Kleinfamilie, die zuhause auf ihn wartet und spricht auch nicht – wie etwa Tom Hanks in „Cast Away“  mit einem Volleyball – mit einem Gegenstand, um so dann doch ein paar Sätze ans Publikum zu richten. Die Konfrontation mit dem Eisbären wird auch nicht zum großen Action-Finale, sondern ist einfach eine von mehreren grausigen Situationen als Mensch in einer Natur, die weniger feindselig ist denn indifferent – der Mensch hat hier keinen rechten Platz.

Die ruhige Erzählweise mit minimalen Dialogen und sparsamer Musik ist riskant – mit einem ausdrucksarmen Schauspieler hätten sich Längen ergeben, doch die Leistung von Mads Mikkelsen ist herausragend. Ohne dass er allzu viel tut, keine Zusammenbrüche, keine Weinkrämpfe zu spielen hat, macht der Däne das Innenleben der Figur spürbar: die  Einsamkeit, die Angst, der Durchhaltewille, an dem die Kälte und die Widrigkeiten der Reise unablässig zehren; und auch ein kurzer Moment, in dem sein Wille zur Aufopferung für einen Anderen an seine natürliche Grenze kommt – wenn sich der Selbsterhaltungstrieb einfach als stärker erweist. Das Ende dieses Films soll hier nicht verraten werden. Aber es ist wunderbar zurückhaltend. 

„Arctic“ ist als Blu-ray, DVD und digital bei Koch Films erschienen.