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Serie Film der Woche
Am Rande des Nervenzusammenbruchs

 Sandrine Kiberlain (vorn) als Heloïse und Thaïs Alessandrin als ihre jüngste Tochter Jade in einer Szene des Films „Ausgeflogen“.
Sandrine Kiberlain (vorn) als Heloïse und Thaïs Alessandrin als ihre jüngste Tochter Jade in einer Szene des Films „Ausgeflogen“. FOTO: dpa / -
Zweibrücken. „Ausgeflogen“ von Lisa Azuelos ist eine Familienkomödie aus Frankreich ums Klammern und Loslassen. Manche Eltern dürften sich in diesem Spielfilm wiedererkennen. Sandrine Kiberlain überzeugt in der Rolle als Mutter.

Heloïse (Sandrine Kiberlain) ist eine selbstbewusste Frau Ende 40. Sie führt ein Restaurant und hat drei Kinder groß gezogen. Die Jüngste, Jade (vital: Thaïs Alessandrin), lebt noch zu Hause, will aber bald ein Studium in Kanada aufnehmen. Mutters Herz will fast zerspringen vor Stolz und Glück.

Trotzdem hat sie neuerdings ständig das Handy zur Hand, um auch nichtigste Alltäglichkeiten mit Jade zu filmen. Fast zu spät wird Heloïse klar, wie nah sie angesichts eines sich abschließenden Lebensabschnitts an den Rand des Nervenzusammenbruchs zu rutschen droht.

Klammern oder Abnabeln, das sind klassische Pole im Verhältnis von Eltern und Kindern. Das Spektrum der Zwischentöne ist beträchtlich und würde zahlreiche Akzentuierungen erlauben. Die französische Filmautorin Lisa Azuelos bringt dafür allerdings nur geringfügigen künstlerischen Aufbruchswillen mit. Ihre Ambitionen kreiseln um mütterliche Befindlichkeiten im Zeichen technischer Spielereien und sprachlicher Neuausrichtungen, wie schon in ihren zuvor entstandenen Filmen „LOL“ und „Ein Augenblick Liebe“.



Das plakative Spaßmoment von bis zur Karikatur überzeichneten Frauenklischees und Rollenzuweisungen ist der Filmemacherin anscheinend Grund zur Selbstzufriedenheit genug. Weshalb Azuelos mit ihrer Strategie einer Hera Lind a la Parisienne eine ideale Erfüllungskraft im Kreativkosmos des öffentlich-rechtlichen deutschen Unterhaltungsangebots am Mittwoch- und Freitagabend sein könnte. Aber obwohl das so ist, kann diese Regisseurin immer wieder das Interesse von Filmprominenz wecken, die hier ein dankbares Umfeld vorfinden, um geschliffene Schauspielkunst mit lässiger Starpräsenz aus dem Ärmel zu schütteln. Bisher war Sophie Marceau dafür der dekorative Blickfang, jetzt rückt mit Sandrine Kiberlain ein spröderer Typ in Erscheinung. Kiberlain, Jahrgang 1968, ist hoch aufgeschossen, mit langem Hals und leicht fliehendem Kinn. Es war aber ihr ironisches Zwinkern in den Augen- und Mundwinkeln, das sie zu einer führenden Protagonistin für selbstbewusste und bisweilen gefährlich unberechenbare Frauenrollen mit einer unterschwellig brodelnden Erotik werden ließ.

Und wie fast alle ihre Kolleginnen aus Frankreich verfügt auch Kiberlain über den genetischen Vorteil der Zeitlosigkeit; sie reift, aber sie altert nicht. Mit einer solchen Hauptdarstellerin, die der komödiantisch ausgerichteten, aber nicht immer passgenau hervorbrechenden Hysterie in Buch und Regie mit souveräner Fraulichkeit und unaufdringlichem Sexappeal zu begegnen weiß, kann nicht allzu viel schiefgehen.

Lisa Azuelos hat das gewusst und genutzt. Das ist ihre wirkliche Regieleistung.

Fra/Bel 2019, 85 Min.; Camera Zwo (Sb); Regie und Bich: Lisa Azuelos; Kamera: Antoine Sanier; Musik: Yael Naim; Besetzung: Sandrine Kiberlain, Thais Alessandrin, Victor Belmondo, Kyan Khojandi.

 Vater Mufasa und Sohn Simba halten gemeinsam Ausschau.
Vater Mufasa und Sohn Simba halten gemeinsam Ausschau. FOTO: 2019 Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved.
(dpa)