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Medientechnik
Als Facebook noch aus Nussbaum war

Das Grammophon „Riesen-Lyra“ von 1911: Der Trichterdurchmesser beträgt 70 Zentimeter.
Das Grammophon „Riesen-Lyra“ von 1911: Der Trichterdurchmesser beträgt 70 Zentimeter.
Mannheim. Fast jeder ist heute immer und überall erreichbar. Wo liegen die Wurzeln dieser medialen Revolution? Das Technoseum in Mannheim zeigt historische Entwicklungslinien: vom Morsecode über Radio und TV bis zum Internet. Von Volker Hasenauer

Der Multimedia-Player der 1950er Jahre ist eine Nussbaum-Schrankwand – mit  Schwarz-Weiß-Fernseher, einem Plattenspieler und einem Nachrichten-Radioempfänger. Selbstverständlich bleibt noch ein Fach für die Hausbar. Ein halbes Jahrhundert später ist der Schrank auf Smartphone-Format geschrumpft. Statt einer Nachrichtensendung pro Tag gibt es  Twitter und Facebook in Echtzeit.

Historische Entwicklungslinien hin zur heutigen, digital-mobilen Informationsgesellschaft zeichnet die neue Ausstellung des baden-württembergischen Landestechnikmuseum in Mannheim nach. „Wir wollen Technik- mit Sozialgeschichte verbinden und fragen, wie Medien und Rundfunk seit dem 19. Jahrhundert die Lebenswirklichkeit der Menschen verändert haben“, sagt Museums-Chef Hartwig Lüdtke. Und dabei auch die Ambivalenzen aufzeigen: Ohne Volksempfänger, dem günstigen Radio für Jedermann, so ein Beispiel der Schau, hätten die Nationalsozialisten niemals so schnell ihre Ideologie unters Volk gebracht.

Ausgangspunkte des in vier Themen gegliederten Ausstellungsbereichs sind jeweils die Endgeräte der Mediennutzer. Der Morseempfänger aus den 1850er Jahren, der zunächst nur Staat und Bahn zur Verfügung stand, aber ab den 1870er Jahren die ganze Welt nachrichtentechnisch zusammenrücken ließ. Das elegant schwarz-glänzende Telefon, mit dem man ab 1881 in Berlin und Mannheim als den ersten Städten Deutschlands fernmündlich sprechen konnte.



Oder die frühen Farbfernseher. Den Startschuss zum bunten Fernsehen in Westdeutschland gab 1967 der damalige Vizekanzler Willy Brandt. Der von ihm symbolisch gedrückte rote Startknopf ist nun in Mannheim ausgestellt. Die meisten Deutschen guckten aber noch lange in die schwarz-weiße Röhre. „Anfangs gab es nur wenige Tausend Buntfernseher“, erklärt Ausstellungsmacherin Anke Keller.

Insgesamt präsentiert die Mannheimer Schau rund 700 Exponate. Zahlreiche Radios, Fernseher, Plattenspieler oder Rundfunk-Übertragungstechnik stammen aus den Archiven des Südwestrundfunks (SWR) und des Deutschen Rundfunkarchivs. „Wir können nun den Besuchern erstmals einen Querschnitt dieser Zeugnisse der deutschen Radio- und Fernsehgeschichte präsentieren“, so Kuratorin Keller.

In einer Hörstation ist die älteste Tonband-Konzertaufzeichnung der Welt zu bestaunen: der Auftritt der Londoner Philharmoniker 1936 in Ludwigshafen, aufgenommen auf dem weltweit ältesten erhaltenen Tonband, dem Magnetophon K2 von AEG. Ergänzt werden die klassischen Exponate mit Präsentations-Hightech: Per Smartphone-App und „Augmented Reality“ können Besucher ins Innere eines Röhrenfernsehers schauen, die Funktion eines Rundfunkempfängers nachvollziehen oder einen Telegrafenarbeiter beim Verlegen von Drähten beobachten. Dies ist ein vom Land Baden-Württemberg gefördertes Pilotprojekt zur Digitalisierung von Museen: „Ich bin davon überzeugt, dass uns dies künftig ganz neue Ausstellungsmöglichkeiten eröffnen wird“, hofft Museumsleiter Lüdtke.

Mitmachstationen wollen einladen, selbst in die Rolle des „Fräuleins vom Amt“ zu schlüpfen und Telefonverbindungen zu vermitteln. Zurück in die 1990er führen Computerspielkonsolen mit Klassikern wie Pacman oder Tetris. Der chronologische Rundgang endet in der Gegenwart bei Smartphone und Sozialen Medien. Eindrucksvoll ist der Mobiltelefon-Stammbaum von den koffergroßen ersten Autotelefonen über die C-Netz-Knochen bis zu den Design-Modellen der Gegenwart. Ein Container mit Hunderten Althandys verweist auf die ungeklärte Recycling-Frage: In 5000 Handys, so die Ausstellungsmacher, steckten beispielsweise 120 Gramm Gold oder 43 Kilogramm Kupfer.

Insbesondere für Schulklassen will das Museum Sonderführungen anbieten. „Dabei geht es nicht um den moralischen Zeigefinger, sondern wir laden zum Nachdenken über Mediennutzung ein“, erklärt Lüdtke. Etwa darüber, wie Algorithmen die Nachrichten-Auswahl steuern und so die Weltsicht verändern. Oder was es bedeutet, wenn US-Präsident Donald Trump per Twitter Politik macht. Für jeden überall empfangbar. Der 1950er-Jahre-Fernsehschrank hatte noch verschließbare Türen.

Geöffnet täglich von 9 bis 17 Uhr.
Kontakt: Tel. (06 21) 429 89
und www.technoseum.de

Nostalgie aus Kunststoff: Unterhaltungselektronik von anno dazumal.
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