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Auf Spurensuche nach dem Strache-Skandal
Die Insel, auf der die Ibiza-Affäre begann

 Die Finca auf Ibiza, in der Österreichs Ex-Vizekanzler Strache (FPÖ) 2017 bei einem Treffen mit einer angeblichen russischen Oligarchen-Nichte auf einem Video heimlich aufgenommen wurde, kann man im Juli bereits für 1100 Euro pro Nacht mieten.
Die Finca auf Ibiza, in der Österreichs Ex-Vizekanzler Strache (FPÖ) 2017 bei einem Treffen mit einer angeblichen russischen Oligarchen-Nichte auf einem Video heimlich aufgenommen wurde, kann man im Juli bereits für 1100 Euro pro Nacht mieten. FOTO: dpa / Clara Margais
Ibiza-Stadt. Der Strache-Skandal in Österreich rückte das Balearen-Eiland in den Fokus. Was sagen die Einwohner auf der Promi-Party-Insel dazu? Von Patrick Schirmer Sastre, Carola Frentzen dpa

Von der Landstraße geht es auf einem unscheinbaren Sträßchen rechts ab, an Baustellen und Einfamilienhäusern vorbei. Ein Kaninchen überquert die Straße, ein Wiedehopf fliegt über ein angrenzendes Feld. Nach rund 600 Metern Fahrt steht sie da, eher unscheinbar, im typischen Weiß der Baleareninsel Ibiza: Die Finca, in der die Affäre um den österreichischen Vizekanzler Heinz-Christian Strache ihren Anfang nahm.

Ein eisernes braunes Tor versperrt die Einfahrt. Durch den mit Schilf verhangenen Zaun kann man teilweise in den Hof schauen, aus dem Haus dringen Stimmen – offenbar haben sich Touristen eingemietet, denn die Finca wird von einem Italiener auf der Plattform Airbnb unter dem Namen „Architect Country Villa“ für einen Inselurlaub angeboten. „Zehn Gäste, vier Schlafzimmer, fünf Betten, vier Bäder“, heißt es auf der Webseite – das Ganze, etwa im Juli, für 1100 Euro pro Nacht.

Hier wurden im Juli 2017 heimliche Videoaufnahmen gemacht, auf denen zu sehen ist, wie Strache einer vermeintlichen russischen Oli­garchin öffentliche Aufträge in Aussicht stellte, wenn sie seiner FPÖ zum Wahlerfolg verhelfe. Am Montag gipfelte der Skandal in einem Misstrauensvotum gegen Kanzler Sebastian Kurz und dem Sturz der Regierung in Wien.



Im Nachbardorf Sant Rafael, keine fünf Autominuten von der Villa entfernt, nimmt man das politsche Drama, das hier entfesselt wurde, gelassen. In der hintersten Ecke der Dorfkneipe „Es Cruce“ sitzen sieben ältere Herren beim Kaffee zusammen. Beim wöchentlichen Stammtisch gibt es viel zu besprechen: Die Europawahl und die Regionalwahlen in Spanien etwa, oder das spanische Pokalfinale, bei dem Valencia am Wochenende den FC Barcelona geschlagen hat. Die „Ibiza-Affäre“ hingegen, wegen der die Insel in Österreich und Deutschland in aller Munde ist, gehört nicht dazu. „Ich habe das in den Nachrichten gesehen mit dem Politiker“, sagt einer der Männer im Valencia-Fußballtrikot. „Aber hier im Dorf war das kein Thema.“

Diese unaufgeregte Haltung gegenüber Promis findet man häufig bei den Ibizenkern, wie die Bewohner der ehemaligen Hippie-Hochburg genannt werden. Heute tummeln sich hier im Sommer die Reichen und Schönen. „Wer alles da ist, bekommt man aber kaum mit“, sagt ein Lehrer aus Santa Eulària. Auf der Insel gebe es viele versteckte, nur über schmale Wege erreichbare Häuser in den Bergen.

Ob VIP oder nicht – Ibiza boomt, wie Statistiken belegen. Landeten 2005 noch 4,1 Millionen Passagiere auf Mallorcas kleinerer Nachbarinsel, stieg die Zahl laut des Flughafenbetreibers AENA im Jahr 2018 auf 8,1 Millionen – und das bei einer Bevölkerung von nur 145 000 Menschen, die fest auf der Insel leben. Eine Studie der Balearenregierung zum Urlaubsverhalten aus dem Jahr 2016 verrät zudem, welches Publikum besonders gerne kommt: Demnach waren fast 75 Prozent der Urlauber auf Ibiza jünger als 44 Jahre.

Und die wollen tagsüber Strand und abends Party – aber mit Stil. Clubs wie das „Pacha“ oder das „Amnesia“ sind seit Jahrzehnten berühmt. Die Eintrittspreise können schon mal bei 70 Euro für das einfache Ticket liegen, Getränke exklusive. Celebrity-Tische gibt es für ein Vielfaches. Dafür bekommt man aber auch etwas geboten: Während die Touristen am Ballermann auf Mallorca zur Musik teils drittklassiger Schlagersänger tanzen, hat man auf Ibiza in diesem Sommer gleich mehrmals die Möglichkeit, Stars wie Maluma, J. Balvin oder David Guetta live zu erleben.

Ana Gordillo, die gerade mal 28-jährige Chefin des Hoteliersverbands der Insel, sagt: „Das Schöne an Ibiza ist, dass es für jeden ein Angebot gibt.“ Etwa im Partyviertel West-End in Sant Antoni, das wohl noch am ehesten mit dem Ballermann vergleichbar ist. Der Partytourismus konzentriert sich auf ein paar verkehrsberuhigte Straßen und ist hier komplett auf britische Gäste ausgerichtet. Und wer die Küstenstraße vor dort aus Richtung Süden läuft, findet zwischen heruntergekommenen Appartement-Blocks auch sie: die Bars mit Longdrinks für 3,90 Euro.

Die Mieter der teuren „Strache-Villa“ sind hier wohl kaum anzutreffen. Der Vermieter will kein Interview geben. Aber immerhin lässt er auf Anfrage durchblicken, dass ihm die Insel-Affäre keine Flut an neuen Buchungen eingebracht hat. Auch Schaulustige sind nirgends zu sehen.