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Reisebericht
Ein Spaziergang durch Stockholms Straßen

Von der Insel Skeppsholmen, im Zentrum von Stockholm, schweift der Blick hinüber zur Altstadt Gamla Stan. Im Wasser treibt das alte Segelschiff AF Chapman, heute eine Jugendherberge, gemächlich vor sich hin.
Von der Insel Skeppsholmen, im Zentrum von Stockholm, schweift der Blick hinüber zur Altstadt Gamla Stan. Im Wasser treibt das alte Segelschiff AF Chapman, heute eine Jugendherberge, gemächlich vor sich hin. FOTO: Henrik Trygg
Stockholm. Hinter den beschaulichen Häuserfronten der schwedischen Hauptstadt kommt das pulsierende Leben Skandinaviens zum Vorschein. Von Nina Scheid

Ruhig ist es an diesem Vormittag. Am Wasser sitzt ein einsamer Angler und hält seine Rute in die eiskalten Fluten der Ostsee. Ein paar Meter weiter ist eine Möwe gelandet und sucht nach Futter, doch heute hat sie kein Glück. Zu wenige Besucher haben sich an diesem Tag hierher verirrt. Die Ruhe an diesem Ort lässt einen glatt vergessen, dass man sich in einer Metropole befindet. Und zwar nicht am Rande eines Vorortes, sondern mittendrin.

Im Vergleich zu anderen Hauptstädten dieser Welt ist die schwedische recht klein. Nicht einmal eine Million Menschen leben in Stockholm, und doch spielt sie eine wichtige Rolle im Weltgeschehen. Hier werden seit 1901 Jahr für Jahr fünf der sechs Nobelpreise verliehen. Die Stadt gilt neben dem kalifornischen Silicon Valley als wichtiger Standort für Tech-Unternehmen. Und in Sachen Nachhaltigkeit hat sie die Nase vorn: Die Busse fahren mit Biogas, Ethanol oder Strom und bescherten der Stadt 2010 den Titel als erste grüne Umwelthauptstadt Europas. Stockholm ist jung, lässig und modern. Und doch ist die Tradition in jedem Winkel der mit Pflastersteinen ausgekleideten Altstadt zu spüren.

Unser Spaziergang beginnt in Skeppsholmen, eine der kleineren von insgesamt 14 Inseln, über die sich Stockholm erstreckt. Früher wurde das Eiland als Marinebasis genutzt, heute geht es hier friedlich zu. Viele Museen haben sich auf Skeppsholmen niedergelassen, unter anderem das Moderne Museum und das Architekturmuseum.



Eine weitere beliebte Sehenswürdigkeit treibt vor der Insel gemächlich vor sich hin: das alte Segelschiff AF Chapman. Zu seiner letzten Reise lief es 1934 aus, seit 1949 dient es Besuchern aus aller Welt als Jugendherberge. Auch viele Touristen, die nicht hier schlafen, kommen vorbei, um sich vor oder auf der AF Chapman zu fotografieren. Lange verweilen sie nicht auf Skeppsholmen. Wenige Meter vom Schiff entfernt verlassen sie die Insel wieder über eine Brücke, um zum Stadtteil Norrmalm zu gelangen, dem Zentrum Stockholms.

Hier angekommen bricht sofort der Trubel über den Besucher herein. Menschen drängen sich dicht aneinander vorbei, strömen zum Kungsträdgården, einer der ältesten Parkanlagen Stockholms, und stadtaufwärts zu den Einkaufsstraßen. Sobald man die prächtigen Häuser an der Wasserfront hinter sich gelassen hat, wechselt die Stadt blitzschnell ihr Gewand. Rechts und links ragen nun Hochhäuser in den Himmel, Geschäftsleute eilen vorbei und auf der Straße drängt sich ein Auto ans nächste. Stockholm, das eben noch so gemütlich gewirkt hat, zeigt sich hier von seiner großstädtischen Seite.

Geschäftig geht es auch in der Fußgängerzone Drottninggatan zu. Internationale Modeketten reihen sich an kleine, schwedische Boutiquen. Beide scheinen große Anziehungskraft auf die Fußgänger zu haben, die in Scharen die Geschäfte stürmen. 2017 erlangte die Drottninggatan traurige Berühmtheit, als fünf Menschen bei einem Terroranschlag mit einem Lkw ihr Leben lassen mussten.

Zurück auf den Straßen der Norrmalm geht es am Mood Stockholm vorbei. Das moderne Einkaufszentrum spricht vor allem eine junge Kundschaft mit außergewöhnlichem Geschmack und prall gefülltem Geldbeutel an. Mittags treffen sich im Mood viele Geschäftsleute zum schnellen Gourmet-Lunch.

Das exquisite Kaufhaus scheint ein Vorbote für den nächsten Stadtteil zu sein, denn drei Blocks weiter taucht Östermalm auf, der Nobelbezirk von Stockholm. Das war nicht immer so, früher lebten hier die Armen. Wer aber heute hier vorbeischlendert, spürt den exklusiven Einfluss der Oberklasse. Wohl auch deshalb, weil in Östermalm das Botschaftsviertel und viele Luxus-Hotels ihren Platz gefunden haben. Der Spaziergang führt zurück an die Wasserfront und direkt auf Strandvägen zu. Über eine Strecke von 1,2 Kilometern reiht sich an dieser Flaniermeile ein prachtvolles Gebäude ans nächste.

Nach rund Dreiviertel der Strecke führt eine Brücke hinüber nach Djurgården. Ein großer Teil dieser Insel ist mit Wald bedeckt, und auch der Rest des Eilands lässt die Herzen Naturverbundener höher schlagen: ein Zoo, mehrere Parkanlagen, ein Freilichtmuseum und das Stockholmer Naturkundemuseum haben sich hier niedergelassen. Auch die schwedischen Poplegenden von ABBA wurden hier in Djurgården mit einem eigenen Museum verewigt.

Von der Anlegestelle Allmänna gränd fährt eine Fähre nach Gamla Stan, der Altstadt Stockholms, wo die ältesten Gebäude der Stadt stehen. Unübersehbar thront hier das Schloss der schwedischen Königsfamilie um König Carl Gustaf und seine aus Deutschland stammende Gattin Silvia. Mit über 600 Zimmern zählt es zu den größten Königshäusern der Welt. Heute wird der Bau von den royalen Mitgliedern fast nur noch zu repräsentativen Zwecken genutzt. Ein Teil wurde zum Museum umfunktioniert und steht für Besucher offen.

Inmitten der Altstadt befindet sich der einstige Marktplatz Stockholms, Stortorget genannt, mit seinen bunten Kaufmannshäusern das beliebteste Motiv der Stadt für Fotos und Postkarten. Doch der Platz hat eine blutige Vergangenheit: 1520 ließ der dänische König auf dem Stortorget fast 100 seiner politischen Gegner ermorden, um Schweden an sich zu reißen. Heute ist Gamla Stan bei Einheimischen und Touristen gleichermaßen beliebt für seine gepflasterten Gassen, pittoresken Häuserfronten und die charmanten Kaffeehäuser und Restaurants, die sich dahinter verstecken.

In die ziehen sich die Menschen schon bald zurück, denn draußen wird es kalt und dunkel. Die Schweden lieben ihren Kaffee, nur die finnischen Nachbarn trinken pro Kopf gerechnet noch mehr davon. Kein Wunder, lässt sich die skandinavische Sonne doch im Winter nur wenige Stunden am Tag blicken.

Aus dem Genuss haben die Schweden eine Lebenseinstellung gemacht. „Fika“ nennen sie das, was übersetzt so etwas wie „Kaffeepause“ heißt, aber so viel mehr bedeutet als ein schneller Coffee-to-go. Im hohen Norden ist Fika ein fester Teil der Kultur, ein kurzer Moment der Ruhe. Zum Kaffee gehört unbedingt eine Süßspeise. Wie zum Beispiel ein „kanelbullar“, eine Zimtschnecke aus schwedischer Herstellung.

Auch das Stockholmer Nachtleben zeigt sich in Gamla Stan von seiner besten Seite. Wer nachts um die Häuser zieht, findet nicht nur eine große Auswahl an Bars und Clubs, sondern bei den geselligen Schweden auch schnell Anschluss.

Sobald sich der Tag zu Ende neigt, endet auch der Spaziergang durch die Straßen von Stockholm. An einem Tag hat man die vielen Seiten der Stadt kennengelernt, Geschichten aus der Vergangenheit gelauscht und die Zukunft gesehen. Morgen kann es weitergehen. Denn Stockholm hat noch viel mehr zu bieten.

Die pittoresken Gebäude der Altstadt sind das beliebteste Fotomotiv Stockholms. Doch der Platz hat eine blutige Vergangenheit: 1520 ließ der dänische König hier zahlreiche seiner Gegner enthaupten.
Die pittoresken Gebäude der Altstadt sind das beliebteste Fotomotiv Stockholms. Doch der Platz hat eine blutige Vergangenheit: 1520 ließ der dänische König hier zahlreiche seiner Gegner enthaupten. FOTO: Nina Scheid / Staffan von Zeipel
Stockholm in Schweden
Stockholm in Schweden FOTO: SZ / Müller, Astrid