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US-Wahlkampf
Das große Warmlaufen im Winter von Iowa

 Im verschneiten Iowa (hier der Ort Storm Lake) beginnen seit 1972 traditionell die Vorwahlen zum US-Präsidentschaftsrennen.
Im verschneiten Iowa (hier der Ort Storm Lake) beginnen seit 1972 traditionell die Vorwahlen zum US-Präsidentschaftsrennen. FOTO: AP / John Locher
Marshalltown. Im Mittleren Westen der USA starten die Vorwahlen. Trumps Gegner sind längst auf Betriebstemperatur. Von Frank Herrmann

Der Weg in die Zukunft führt zunächst in den Keller. Im Souterrain des Lokals „The Port“ hat Andrew Yang zum Bürgerforum geladen, in Panora, an einem zugefrorenen Stausee mitten in Iowa. An der Wand hängt ein drei Meter breites Stück Stoff. „A New Way Forward“, ist darauf zu lesen, was so beliebig klingt, als hätte eine Werbeagentur den Auftrag bekommen, sich einen Spruch auszudenken, mit dem man bei keinem, wirklich keinem, anecken kann.

„Wenn ich Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika bin“, beginnt Yang Sätze, in denen er seinen Politikentwurf skizziert. Wenn, nicht falls. Als wäre jetzt schon klar, dass der nächste Präsident nur Andrew Yang heißen kann. Der selbstsichere Optimismus gehört zum Standard-Repertoire der Kandidaten fürs Weiße Haus, so wie es dazugehört, im Winter kreuz und quer durch das verschneite Iowa zu fahren. Durch eine öde, flache Landschaft, aus der hier und da Getreidesilos aufragen oder Windräder. Bei Yang stehen an diesem Tag auf dem Programm: Creston, Panora, Jefferson, Laurens, Storm Lake. Orte, die jenseits von Iowa kaum einer kennt. Orte, die man mindestens einmal besucht haben sollte, wenn man ins Oval Office einziehen will. Auch wenn man, wie Yang an diesem Vormittag, vor gerade mal 24 Interessierten in einem kalten Restaurantkeller spricht.

Alle vier Jahre wird Iowa zum Nabel des nationalen Politikbetriebs. Seit 1972 beginnt hier, in einem Agrarstaat mit drei Millionen Einwohnern, der Marathon der Vorwahlen, an dessen Ende ein Präsidentschaftskandidat gekürt wird. Diesen Montag ist es wieder so weit. 1976 gewann hier ein kaum bekannter Gouverneur namens Jimmy Carter, womit er sich einen Schwung holte, der ihn bis ins Weiße Haus trug. Mit Ausnahme Bill Clintons (1992) hat seither kein Demokrat das Rennen um die Nominierung gewonnen, wenn er nicht entweder in Iowa oder in New Hampshire, auf der zweiten Etappe, als Erster durchs Ziel ging. Das alles begründet eine Sonderrolle, die viele als ungerecht empfinden, ist doch der „Hawkeye State“ kein Spiegelbild des Landes – weniger urban, weniger industriell, 87 Prozent der Leute sind Weiße.



Yang, der Newcomer, weiß trotz seiner gespielten Zuversicht im Grunde genau, dass er chancenlos ist. Er nimmt es mit Selbstironie. „Ein Mann mit asiatischen Wurzeln, der Mathematik mag, ist das nicht der beste Gegenentwurf zu Donald Trump?“ Das Augenzwinkern verrät: Sie kann auch Spaß machen, die Ausdauerübung in Iowa.

Ortswechsel. Michael Moore schiebt sich die Baseballkappe aus der Stirn. In einem Kinosaal der Universitätsstadt Ames ruft er mit theatralischer Geste in Erinnerung, wie ihm manche Parteifreunde seine Prognose verübelten. Damals, im Sommer 2016, als der filmemachende Provokateur einen Sieg Trumps voraussah, mit der Begründung, dass der Tycoon im Rust Belt die Nase vor Hillary Clinton haben werde. „Wisst ihr es noch? Die eigenen Leute haben mich ausgebuht. Niemand wollte die Wahrheit hören.“ Und heute sei dies die Wahrheit: „Trump hat an seiner Basis nicht einen Zoll an Rückhalt verloren, und wer glaubt, jemand, den wir irgendwie halbherzig ins Duell gegen ihn schicken, könnte ihm Paroli bieten, dem sage ich: Wacht endlich auf!“ Um Trump zu besiegen, müsse man schon die eigenen Anhänger begeistern, sagt Moore. Keiner könne das so gut wie Bernie Sanders.

Partystimmung in Ames. Nach Moore hält Alexandria Ocasio-Cortez, die jüngste Abgeordnete des Kongresses, eine Laudatio auf den ältesten Bewerber des Feldes. Als der schließlich die Bühne betritt, wird er gefeiert wie ein Rockstar. Der Senator aus Vermont ist 78. Im Oktober erlitt er einen Herzinfarkt, aber statt kürzerzutreten, stürzte er sich danach erst recht ins Gewühl. In Iowa jedenfalls ist von physischer Schwäche nichts zu spüren. Sanders‘ Themen sind dieselben wie vor vier Jahren, als er der Favoritin Clinton im parteiinternen Zweikampf kräftig zusetzte. Wachsende Ungleichheit bei den Einkommen, eine Lawine von Studienschulden, ein Gesundheitssystem, das sowohl das teuerste der Welt als auch chronisch ineffizient ist. Dazu die Erderwärmung. Ein Präsident Sanders, ruft er in die Arena, werde auf alle Nationen zugehen, um etwas gegen den Klimawandel zu tun. „Klar ist doch, wir sitzen alle zusammen in diesem Boot.“

Der Senior kann sich auf die jüngste Anhängerschaft stützen – das allein ist schon ein Phänomen. Adam Day, ein Student Anfang zwanzig, erklärt es mit zwei Stichpunkten: Sozialismus und Authentizität. „Ich weiß, für Generationen von Amerikanern war Sozialismus ein Schimpfwort, für meine Generation klingt es cool. Wir denken nicht an die Sowjetunion, wir denken eher an Dänemark.“ Sanders sei authentisch, „der macht dir nichts vor“.

Der Jüngste des Feldes, Pete Buttigieg, 38 Jahre alt, kommt eher bei mittleren Jahrgängen an. Das Frontier Opera House in Fort Dodge hat er flächendeckend mit Tüchern in den Nationalfarben Blau, Weiß und Rot schmücken lassen – rein optisch das konservative Kontrastprogramm zu Sanders‘ aufregender Show. Bis Silvester war Buttigieg Bürgermeister von South Bend, einer Industriestadt in Indiana. Nach zwei Amtszeiten wollte er sich nicht für eine dritte bewerben, zumal er nach Höherem strebt. Wer eine Stadt verwalten könne, finde sich auch im Weißen Haus zurecht, entgegnet Buttigieg Kontrahenten, die ihm mangelnde Erfahrung vorwerfen. „Außerdem bin ich der einzige Kandidat, der mit einer Waffe in den Krieg zog.“ 2014 wurde er als Reservist für sechs Monate nach Afghanistan beordert. Mit seiner Vita, betont er, könne er im Herbst auch im konservativen Lager punkten. Bei „künftigen Ex-Republikanern“.

„Es ist schon verdammt schwer in diesem Jahr“, stöhnt Janet Wahl. Die Lehrerin hat ein halbes Dutzend Bewerber aus nächster Nähe studiert, jetzt steht sie in Ames im Grillrestaurant Jethro’s BBQ unter grünen Postern mit der Parole „Amy for America“. Was Wahl am meisten umtreibt: Wählbarkeit. Damit verbindet sich die Frage, ob der Sieger des Wettlaufs der Demokraten im Herbst auch in der gesellschaftlichen Mitte punkten kann. Wegen der Wählbarkeit, sagt Janet Wahl, müsse sie wohl ihre Ideale herunterschlucken. Ihr Herz schlage eher links, eher für Elizabeth Warren, die Senatorin aus Massachusetts. Doch zu weit nach links dürfe es nicht gehen, sonst verliere man gegen Trump. „Amy for America“, Amy Klobuchar, die Senatorin aus Minnesota, politisch moderat, für manche ein Geheimtipp, redet von nichts anderem als vom Brückenschlag in der politischen Mitte.

Anderswo in Iowa: Joe Biden setzt ein strahlendes Zahnpasta-Lächeln auf, nachdem er in Marshalltown, einer Kleinstadt mit großen Schlachthöfen, aus seinem Wahlkampfbus gestiegen ist. „The Battle for the Soul of the Nation“, „Die Schlacht um die Seele der Nation“, steht auf dem Gefährt. Was sein Programm skizziert. Die Rückkehr zur alten Ordnung, zu Anstand und Würde nach dem gehässigen Grundton der Trump-Jahre. „Fired up and ready for Joe“, hat jemand auf ein Blatt Papier geschrieben, das nun neben der Bühne an der Wand einer Lagerhalle hängt. Von flammender Begeisterung, wie das Plakat sie beschwört, ist allerdings nichts zu spüren. Bidens Helfer haben gerade mal 150 Stühle in die Halle getragen, obwohl mindestens dreimal so viele hineinpassen würden. Doch als der 77-Jährige vom wahren Charakter Amerikas spricht, von Irrwegen und überfälligen Korrekturen, hängen die Leute an seinen Lippen. „Ich weigere mich zu glauben, dass wir dieses düstere, zornige Land sind, das Trump mitten in der Nacht in seinen Tweets beschreibt“, sagt Biden. „Im Weißen Haus brauchen wir einen, der sich aufs Heilen von Wunden versteht.“

 Seine Favoritenrolle bei den Demokraten bröckelt: Joe Biden.
Seine Favoritenrolle bei den Demokraten bröckelt: Joe Biden. FOTO: Frank Herrmann
 Ein Newcomer will ins Weiße Haus: Der Demokrat Pete Buttigieg.
Ein Newcomer will ins Weiße Haus: Der Demokrat Pete Buttigieg. FOTO: Frank Herrmann