| 20:08 Uhr

Für Ex-Vizepräsident Joe Biden geht es bei den Vorwahlen ums nackte Überleben
Panikstimmung beim Favoriten der Demokraten

 Der ehemalige Vizepräsident der USA, Joe Biden    Foto: John Locher
Der ehemalige Vizepräsident der USA, Joe Biden Foto: John Locher FOTO: AP / John Locher
Manchester/New Hampshire. Es war eine Frage, die Präsidentschaftskandidaten nur ungern hören. Welche Chancen er sich denn im Bundesstaat New Hampshire ausrechne, nachdem er doch in Iowa so schlecht abgeschnitten habe und nur Vierter geworden sei, wollte eine 21-jährige Studentin am Sonntag von Joe Biden wissen. Von Friedemann Diederichs

Die Antwort des Demokraten bei einer Kundgebung in der Stadt Hampton schockierte die Anwesenden und verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Biden, acht Jahre lang Vizepräsident unter Barack Obama, bezeichnete die junge Frau als „Lügnerin mit einem Hunde-Gesicht“. Seine Mitarbeiter versuchten anschließend gegenüber Medienvertretern, den Schaden zu begrenzen. Der Kandidat habe doch nur im Scherz ein altes Zitat des Schauspielers John Wayne gebraucht, so die Helfer.

Doch der verbale Fehltritt Bidens steht auch für seine Bewerbung um das Präsidentenamt, die nach Ansicht vieler Beobachter derzeit auf der Intensivstation liegt und deren Überleben nicht garantiert ist. Biden, ein Politiker der Mitte mit jahrzehntelanger Erfahrung im Senat und in der US-Außenpolitik, räumte am Freitagabend ausgerechnet mit seiner ersten Aussage bei der Fernseh-Debatte der Kandidaten ein, dass er bei der heute in New Hampshire stattfindenden Vorwahlrunde voraussichtlich wieder schlecht abschneiden werde. Einen solchen Zweckpessimismus hatte die Öffentlichkeit seit langem nicht mehr gesehen. Doch die Umfragen zeichnen ein düsteres Bild für den 77-Jährigen, der rund zehn Prozentpunkte hinter Pete Buttigieg, dem 38 Jahre alten homosexuellen Bürgermeister aus Indiana und der Überraschung von Iowa, zurück liegt. Auch Bernie Sanders und Elizabeth Warren vom linksprogressiven Flügel der Partei dürften heute wieder vor Biden enden.

Der setzt derzeit voll auf Angriff – vor allem gegen Buttigieg. Dieser sei „kein Barack Obama“, lästerte Biden jetzt, und habe weder Visionen noch Erfahrung. Biden erwähnte natürlich nicht, dass sich Buttigieg niemals mit Obama gleichgesetzt hatte. Solche Fakten zählen nicht in einem Wahlkampf, wo die Nerven deutlich erkennbar blank liegen. Und wo die US-Medien bereits kräftig Untergangsszenarien für den ehemaligen Favoriten beschreiben. Das Wall Street Journal will bereits wissen, warum Joe Biden in Iowa scheiterte und weiter fallen dürfte. Er sei der „Kollateralschaden der Impeachment-Rakete“ geworden, die Nancy Pelosi gegen Donald Trump abgefeuert habe, kommentierte das Blatt. In der Tat verging kein Tag während des Amtsenthebungs-Verfahrens, an dem die Republikaner nicht Joe Biden und seinen Sohn Hunter thematisierten, der von der ukrainischen Energiefirma einen lukrativen Job bekommen hatte, während sein Vater im Auftrag Obamas die Kontakte zu Kiew aufrecht erhielt. Die Rechnung des Trump-Lagers, Biden maximal zu beschädigen, scheint also aufzugehen.



Ob dieser die mit seinem Fehlstart verbundene negative Medienbetrachtung überleben kann, wird sich spätestens in South Carolina am 29. Februar zeigen. Dort erhofft er sich starken Rückenwind von jenen Afro-Amerikanern, die stets Barack Obama unterstützt hatten. Siegt Biden dort nicht deutlich, steigen die Chancen nicht nur für Buttigieg und Sanders, sondern auch den im Hintergrund lauernden früheren New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg. Der hat – während Biden das Jahr mit gerade einmal neun Millionen Dollar Spenden begann – bereits 300 Millionen US-Dollar aus eigener Tasche in den Wahlkampf in jene Staaten gepumpt, in denen im März gewählt wird. Denn fährt der ehemalige Vizepräsident nur Niederlagen ein, werden sich seine Unterstützer neu orientieren.