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Medizin
Zähne sind ein Leben lang in Bewegung

 Das Gewebe unseres Gebisses ändert sich ein Leben lang. Und auch die Zähne selbst verändern ständig ihre innere Struktur.
Das Gewebe unseres Gebisses ändert sich ein Leben lang. Und auch die Zähne selbst verändern ständig ihre innere Struktur. FOTO: pa/obs/proDente e.V. / Prodente E.v.
Berlin. Ein Zahn muss sehr viel aushalten und deshalb möglichst fest sein. Doch unser Gebiss ist überraschend flexibel.

Von Nagetieren ist bekannt, dass ihre Vorderzähne permanent wachsen. Ohne dieses Zahnwachstum wäre schnell Schluss mit dem Nagen. Die Gebissentwicklung von Menschen unterscheidet sich grundlegend, obwohl auch menschliche Zähne Teil eines dynamischen Systems sind. „Unsere Zähne wachsen im eigentlichen Sinne nur, bis ihre Wurzelspitzen fertig gebildet sind. Das bedeutet jedoch nicht, dass das Gebiss dann eine endgültige Form hat, die es über all die Jahre bis ans Lebensende beibehält“, erklärt Ralf Radlanski, Kieferorthopäde und Direktor der Abteilung für Orale Struktur- und Entwicklungsbiologie („Center for Dental and Craniofacial Sciences“) an der Berliner Charité.

Abhängig von der Ernährung schleifen sich Zähne unterschiedlich ab. Heutzutage ist die menschliche Nahrung in Westeuropa jedoch in der Regel fast frei von härteren Bestandteilen. Das Gebiss wird daher im Laufe des Lebens nur noch sehr wenig abgenutzt. Nächtliches Knirschen unter Stress oder spezielle Angewohnheiten, wie permanentes Nägelkauen, können den Zähnen aber ähnlich zusetzen, wie harte, faserreiche Nahrung.

„Damit die Zähne trotz dieser leichten, stetigen Abnutzung möglichst optimal ineinanderpassen und unser Essen gut zerkleinern können, wachsen sie auch im Erwachsenenalter noch weiter“, sagt Peter Gängler, Zahnmediziner und ehemaliger Dekan des Departments für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde der Fakultät für Gesundheit an der Universität Witten/Herdecke. Mit „die Zähne wachsen“ meint er dabei eine im Erwachsenenalter noch stattfindende Entwicklung, die lebenslange Anpassung der Zähne an Veränderungen im Gebiss. Ein Zahn verändert sich permanent, wächst unter Umständen aus dem Kiefer heraus oder passt seine Position an.



Entscheidend für die Entwicklung jedes einzelnen Zahns ist der Gegendruck, den er von den Zähnen über oder unter ihm bekommt. Schwächt sich dieser ab, schiebt sich der Zahn aus seinem Zahnfach, der Alveole, soweit heraus, bis der Druck wieder ausgeglichen ist. Unter Umständen verlängert sich manchmal sogar die Wurzel etwas. Bricht oder fällt ein Zahn aus, kann sein gegenständiger Partner im Extremfall bis an den gegenüberliegenden Kiefer, also in die Zahnlücke, wachsen. Dabei verliert er zwar leicht an Stabilität, die Wurzeln der meisten Zähne sind jedoch lang genug, damit sie nicht ausfallen. Ein solcher Zahn kann allerdings aus der Reihe kippen und das Kauen behindern. Um das zu vermeiden, ist eine regelmäßige Kontrolle durch den Zahnarzt und nötigenfalls rechtzeitiger Zahnersatz auf der Gegenseite so wichtig.

Das Gewebe um jeden einzelnen Zahn herum verändert sich auch bei gesunden Zähnen andauernd. Der Körper baut das Knochenfach selbst und auch die vielen Fasern, mit denen ein Zahn im Kiefer verankert ist, täglich um. Wird der Druck auf einen Zahn zu stark, entzünden sich im Wurzelbereich einzelne Abschnitte der Wurzelhaut und der Alveole. Dadurch wird der umgebende Knochen angegriffen und abgebaut. Der Zahn kann in die entstehende Kuhle rutschen und so dem Druck ausweichen. Diese Prozesse nutzen Kieferorthopäden auch zur Gebisskorrektur, indem sie mit kleinen Eingriffen den Knochenumbau und die Zahnbewegung steuern.

Ufert dagegen eine Entzündung des Zahnfleischs in den Wurzelbereich hinein aus und wird nicht schnell behandelt, verliert der Zahn seinen Halt und kann ausfallen.

Die Kräfte, die jeden Tag auf Zähne wirken, sind sehr unterschiedlich. Um sie möglichst gut auszugleichen und das Gebiss funktionsfähig zu erhalten, sind die Zähne fest, aber beweglich im Kiefer verankert. „Am besten ist unser Gebiss mit einem Hafen zu vergleichen: Die Zähne sind wie Boote an den Stegen festgemacht. Sie können sich in alle Richtungen bewegen, ohne ihren Platz zu verlassen. Wir haben praktisch Schaukelzähne“, veranschaulicht der Berliner Kieferorthopäde Ralf Radlanski.

Nicht nur auf Kauen, Knirschen und Pressen müssen Zähne reagieren, auch die Gesichtsknochen verändern sich. Röntgenuntersuchungen zeigten, dass die Kieferknochen bei erhaltenem Gebiss noch in hohem Alter stetig wachsen. Das Gesicht könne sich dadurch um bis zu eine Fingerbreite verlängern, sagt Radlanski. Dabei verändern sich natürlich die Zahnfächer, der Unterbau der Zähne, mit. Und auch die Zähne selbst verändern ständig ihre Struktur: Über ihrem Inneren, der sogenannten Pulpa, bildet sich permanent neue Zahnsubstanz, das Dentin. So ist auch bei starker Belastung gesichert, dass die Krone nicht irgendwann abgeschliffen ist, die Pulpa geöffnet ist und der Nerv frei liegt. Natürlicherweise halten sich also der Auf- und Abbau in einem gesunden Gebiss im Gleichgewicht.

Schwierig wird es, wenn in diese Abläufe eingegriffen werden muss, etwa weil ein Zahn abgebrochen oder durch Karies angegriffen ist. „Heute gibt es viele verschiedene Materialien, um Zahnschäden zu versorgen und jeder Patient hat eigene Wünsche. Um das individuell passende Material zu finden, muss der Zahnarzt eine gute Kenntnis der Werkstoffkunde haben, auf dem neuesten Stand der Forschung sein und diese auch anwenden können“, betont Radlanski. „Leider beschränken die Vorgaben der Krankenkassen meist die Auswahl, weil sie schon vorab entscheiden, was die Behandlung eines Zahnes kosten darf – ohne Berücksichtigung der individuellen Situation.“

Unter Umständen kann falsch gewähltes Zahnersatzmaterial oder eine falsch rekonstruierte Zahnform starke Schmerzen, Schäden an bisher gesunden Zähnen, Verspannungen der Muskulatur und sogar orthopädische Probleme verursachen. Denn der Kiefer ist praktisch eine der Wasserwaagen des Körpers. Sitzt der Kopf schief, können sich über Muskelketten auch andere Verschiebungen ergeben. „Es sollte also bei der Wahl des Zahnersatzes nicht nur auf die kosmetische Erscheinung geachtet werden, sondern vor allem darauf, dass das Material sich gegebenenfalls anpassen kann, also abkaufähig ist und das biologische Muster des menschlichen Kauapparats berücksichtigt. Je jünger ein Patient, desto wichtiger ist diese Eigenschaft“ ergänzt Zahnmediziner Peter Gängler.