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Streit um Braunkohle-Abbau
Polizei schützt Räumung im Hambacher Forst

Ein Großaufgebot der Polizei hat gestern im Hambacher Forst in NRW die Räumung des Protestcamps beaufsichtigt. Es blieb friedlich.
Ein Großaufgebot der Polizei hat gestern im Hambacher Forst in NRW die Räumung des Protestcamps beaufsichtigt. Es blieb friedlich. FOTO: dpa / Oliver Berg
Kerpen. Seit Jahren besetzen Aktivisten das Braunkohlerevier. Jetzt haben RWE-Mitarbeiter mit dem Abbau ihres Camps begonnen. Von Christoph Driessen, dpa

Das Gefühl der Beklemmung ist fast greifbar, als die ersten Polizisten gestern früh den Pfad in den Hambacher Forst betreten. Es ist ein Moment, den wohl alle Beteiligten mit Bangen erwartet haben: die mit blauen Helmen, Schutzschilden und gelben Leuchtwesten ausgestatteten RWE-Arbeiter, die an diesem Tag Barrikaden und andere Hindernisse vom Boden wegräumen müssen, die Polizisten, die die Arbeiter schützen sollen, und wohl auch die Waldbesetzer, die teilweise seit Jahren hier ausharren. RWE will den Wald roden. Das wollen die Aktivisten verhindern.

Ein paar Meter in den Forst hinein hängt an einem mächtigen Stamm das erste Baumhaus. Etwa 60 gibt es davon mittlerweile im Wald, teils ausgestattet mit Heizung und Küchenzeile. An die Baumhäuser gehen RWE und Polizei an diesem Tag noch nicht ran – zunächst soll lediglich der Boden von „waldfremden Gegenständen“ gesäubert werden. Die Baumhäuser kommen vielleicht später an die Reihe. Und dann irgendwann die Bäume. Denn unter ihnen liegt Kohle, mitten im Rheinischen Tagebaurevier.

Tiefer in den Wald hinein liegt das Hüttendörfchen „Oaktown“. Es gibt eine Art Versammlungsplatz, drumherum Baumhäuser. Dazwischen hängen Transparente mit Aufschriften wie „Unser Leben ist keine Geschäftsidee“ oder „Schaukeln ist wichtiger als baggern.“ Als die Polizei näher kommt und das Dorf umstellt, drohen die Bewohner per Megaphon: „Das werdet ihr büßen!“ Und im Sprechchor: „Wo, wo, wo wart ihr in Chemnitz?“ Nach den Worten von NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) hat man es bei den Waldbesetzern teilweise mit „extrem gewaltbereiten Linksextremisten“ zu tun. Sieben Polizisten wurden in den vergangenen Wochen verletzt.



Wenn Bäume gefällt werden, wird es oft emotional in Deutschland, spätestens seit den 80ern. Doch der Hambacher Forst steht für mehr. Er ist ein Symbol für den Widerstand gegen die Kohle. Eine Kommission in Berlin arbeitet an einem Zeitplan für den Ausstieg aus dem fossilen Energieträger, damit Deutschland seine Klimaziele nach dem Pariser Abkommen erfüllen kann. Und derweil soll noch ein ganzer Wald abgeholzt werden? Für die Gegner eine beispiellose Provokation. Auch wenn alle Genehmigungen vorliegen.

RWE will für den Braunkohleabbau mehr als 100 der verbliebenen 200 Hektar Wald abholzen, darf damit frühestens zur Rodungssaison ab 1. Oktober beginnen. Das Protestcamp „Oaktown“ ist am Ende der Aktion abgebaut, zumindest am Boden. „Kaputtmachen, das könnt ihr“, schallt es aus den Bäumen. „Dass ihr euch nicht schämt!“ Aber dabei bleibt es. Die Waldbesetzer verharren in sicherer Höhe, und die RWE-Leute und Polizisten bleiben am Boden.