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Das Leid der Waisen
Vernachlässigte Kinder haben ein deutlich kleineres Gehirn

Bochum. (np) Vernachlässigte Kinder haben später im Leben ein kleineres Gehirn als Gleichaltrige, berichtet die Universität Bochum. Bochumer Wissenschaftler um Professor Robert Kumsta untersuchten in einem internationalen Forscherteam Erwachsene, die im Kindesalter aus rumänischen Heimen adoptiert worden sind.

Je länger die Kinder damals im Heim lebten, desto geringer sei später ihr Gehirnvolumen gewesen, erklärten die Wissenschaftler. Die Veränderungen zeigten sich vor allem in drei Hirnregionen, die wichtig für Organisation, Motivation, die Verarbeitung von Informationen und das Gedächtnis sind. Die Untersuchung sei Teil der „English and Romanian Adoptees Study“ gewesen, die im Jahr 1990 kurz nach dem Sturz des kommunistischen Regimes begonnen habe.

Heimkinder in Rumänien hätten damals unter extrem schlechten hygienischen Bedingungen gelebt, Hunger gelitten und kaum persönliche Fürsorge erfahren. Das habe zu Langzeitfolgen für die psychische Gesundheit geführt. Die Testpersonen, die das Forscherteam nun mit einem Verfahren der Magnetresonanztherapie untersuchte, hätten bis zu 41 Monate in solchen Anstalten zugebracht und seien später von englischen Familien adoptiert worden. Die Daten ihrer Gehirnscans verglichen die Wissenschaftler mit denen von 21 englischen Adoptivkindern, die nicht in Heimen gelebt hatten. Das Gehirnvolumen der rumänischen Adoptivkinder sei durchschnittlich fast neun Prozent geringer als der Kinder aus der englischen Kontrollgruppe gewesen.

Jeder Monat im rumänischen Kinderheim sei damit einer zu viel gewesen, denn er habe die Unterschiede im Hirnvolumen statistisch um 0,3 Prozent vergrößert. Deshalb hätten viele rumänische Heimkinder als Erwachsene einen niedrigeren Intelligenzquotienten, erklären die Forscher. Es seien allerdings nicht alle Kinder im selben Ausmaß betroffen, und es gebe auch Zeichen für eine Anpassung, die die Folgen der Vernachlässigung wenigstens teilweise kompensieren könne.