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Helgoland
Die Insel der putzigen Seeräuber

  Die Strände von Helgolands Nebeninsel Düne sind wegen der vielen jungen Robben, die hier im Winter geboren werden, bei Naturfreunden ein beliebtes Ausflugsziel. In der kalten Jahreszeit sind sie aber nur eingeschränkt begehbar. 
Die Strände von Helgolands Nebeninsel Düne sind wegen der vielen jungen Robben, die hier im Winter geboren werden, bei Naturfreunden ein beliebtes Ausflugsziel. In der kalten Jahreszeit sind sie aber nur eingeschränkt begehbar.  FOTO: dpa / Oliver Willikonsky
Helgoland. Kegelrobben bringen im Winter bei Helgoland ihre Jungen zur Welt. Der geschichtsträchtige Ort hat noch mehr zu bieten. Von Larissa Loges

Der Himmel ist trüb, die Scheibenwischer sind im Dauereinsatz. „Auch auf die Sonneninsel?“, fragt ein Mitarbeiter der Reederei an der Parkplatzeinfahrt. Er lacht über seinen Scherz und kassiert Geld für das Parkticket. Es geht auf hohe See, einmal von Cuxhaven nach Helgoland und zurück. Mitten im Winter. Nach einer etwa zweistündigen Fahrt mit der MS Helgoland ist der Hafen erreicht. Der Regen ist auf dem Festland geblieben. Am nächsten Morgen scheint sogar die Sonne. An der Landungsbrücke wartet die Dünenfähre „Witte Kliff“. Die Fahrt geht zu „einem Naturspektakel“, wie Damaris Buschhaus vom Naturschutzverein Jordsand sagt. Bis Ende Januar ist die Wurfzeit der Kegelrobben. Ein Grund, das abgelegene Nordsee-Eiland im Winter zu besuchen.

Wenige Minuten dauert die Überfahrt von Helgoland zur Nebeninsel Düne. Deren Strände sind im Winter nur eingeschränkt begehbar. Die Kegelrobben haben es sich darauf bequem gemacht. Der Weg führt entlang verblühter Dünenvegetation: Sanddorn, Kartoffelrose, Strandhafer. Dann weitet sich der Blick und wandert über den Nordstrand. Aussichtsplattform und Panoramaweg sind ganz nah an der Wiege der Robbenbabys. Mehr als 400 Geburten wurden im vergangenen Winter verzeichnet.

 Die putzigen, weißen Fellkegel sind die größten Raubtiere Deutschlands. „Abstand halten ist Selbstschutz. Kegelrobben haben ein kräftiges Gebiss“, warnt Buschhaus. Der Verein Jordsand organisiert täglich Führungen, vor allem aber geht es darum, die Besucher zu lenken – 30 Meter Abstand zu den Kegelrobben sind angezeigt. Meist werde aus Unwissenheit gestört, erzählt Buschhaus. Aber Touristen, die für ein Foto Steine werfen, gebe es auch. Das sei natürlich keine gute Idee – nicht nur wegen der Robbenbabys. Denn nach der Aufzucht- ist die Paarungszeit. Schon Anfang November liegen etliche Bullen mit 300 Kilogramm Gewicht am Strand und markieren ihr Revier. Sie sind viel schneller, als es ihre massive Gestalt erahnen lässt, und können, wenn sie angreifen, mit der Geschwindigkeit eines Radfahrers auf einen Störenfried losgehen.



Auf Helgoland fahren keine Autos, es gibt keine Abgase. Ab und an zuckelt ein E-Fahrzeug über die schmalen Wege. Die Infrastruktur der Insel wurde 1952 komplett neu aufgebaut, die Geschichte der Insel im Zweiten Weltkrieg lässt sich in den noch vorhandenen Bunkeranlagen mit Händen greifen. Der Eingang zur Helgoland-Unterwelt liegt bizarrerweise direkt neben dem Kindergarten.

Insgesamt 13,8 Kilometer unterirdische Wege existieren, wie Jörg Andres vom Museum Helgoland sagt. „Erschlossen sind aktuell 450 Meter, weitere in Arbeit“, erklärt der 62-Jährige. Der Inselhistoriker berichtet von den Kriegszeiten: „Nirgendwo gab es so oft Alarm wie hier. Täglich mehrfach, viermal, sechsmal. Bei jedem Angriff auf Norddeutschland oder Dänemark lag Helgoland in der Einflugschneise. Restbomben auf dem Rückflug wurden über Helgoland abgeworfen.“ Am 18. April 1945 war die Nordseeinsel offizielles Ziel. In etwa 100 Minuten warf die britische Luftwaffe rund 7000 Bomben ab. „In drei großen Wellen“, sagt Andres. „Sie konnten nicht alle auf einmal angreifen, dafür ist der Himmel über Helgoland zu klein.“

2500 Menschen, fast die gesamte Zivilbevölkerung, habe in den Bunkern überlebt, erzählt der Museumsleiter. Sie wurden am Tag darauf evakuiert. Zwei Jahre später, am 18. April 1947, sprengte die englische Armee bei der Operation Big Bang rund 6700 Tonnen Munition in den Bunkeranlagen. „Die größte nicht-nukleare, von Menschen gemachte Detonation“, erklärt der gebürtige Hamburger Andres.

Ein weiterer sehenswerter Ort ist das Museum Helgoland mit dem angrenzenden Museumsdorf. Viele kleine Hummerbuden informieren hier zu unterschiedlichen Themen. Der Besuch lohnt sich vor allem mit Kindern. Im Museum wurden Gegenstände zu einer Vielzahl von Ereignissen und Themen, die für Helgoland historisch von Bedeutung sind, zusammengetragen.