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Glücksspielsucht
Zweibrücker Spielhallen vor dem Aus?

Das verschärfte Glücksspielgesetz bedeutet voraussichtlich das Aus zahlreicher Spielhallen in Rheinland-Pfalz:
Das verschärfte Glücksspielgesetz bedeutet voraussichtlich das Aus zahlreicher Spielhallen in Rheinland-Pfalz: FOTO: Martin Wittenmeier / maw
Zweibrücken. 2021 müssen voraussichtlich mehrere Spielotheken in der Rosenstadt ihre Pforten schließen. Dann sind Spielhallen im Umkreis von 500 Metern um Jugendeinrichtungen verboten. Für Gesundheitsexperten eine sinnvolle Maßnahme. Doch die Glücksspielbranche läuft Sturm – und hofft auf Änderungen durch den Gesetzgeber. Von Eric Kolling und Mirko Reuther

Beim Glücksspiel haben Menschen schon mehr als nur den letzten Euro in der Tasche verzockt. Verschiedene Studien gehen davon aus, dass es in Deutschland zwischen 100 000 und 290 000 pathologische Glücksspieler gibt. Umgangssprachlich: Spielsüchtige, die dem Drang auch dann nicht widerstehen können, wenn dies bereits mit gravierenden persönlichen oder beruflichen Konsequenzen verbunden war. Damit Heranwachsende gar nicht erst in den Strudel der Sucht geraten, soll die Präsenz der Glücksspielhallen in Rheinland-Pfalz zum 1. Juli 2021 eingeschränkt werden. Dann nämlich endet die Übergangsfrist aus dem Glücksspielstaatsvertrag von 2012, der den Spielotheken im Land gewährt wurde. Der Inhalt des Vertragswerks: In Rheinland-Pfalz darf  im Umkreis von 500 Metern zu einer Jugendeinrichtung keine Spielhalle mehr stehen.

Das hat für Zweibrücker Betreiber Konsequenzen. Betroffen sind die „Merkur-Spielothek“ in der Fruchtmarktstraße und der Spielsalon „Winner“ an der Ecke Von-Rosen-/Fruchtmarktstraße. Sie müssen ihre Pforten schließen. Das „Löwen Play“ in der Gottlieb-Daimler-Straße muss sich verkleinern und Spielgeräte abbauen. Denn es handelt sich um eine sogenannte Zweifachspielhalle. Mehrfachspielhallen werden nach der Zahl der aufgestellten Automaten kategorisiert. Mehr als zwölf sind künftig nicht mehr erlaubt, erläutert Heinz Braun, der Zweibrücker Stadtsprecher. Die Merkur-Spielothek ist sogar eine Dreifachspielhalle. Sie hätte also Geräte abbauen müssen. Doch die Spielhalle liegt ohnehin weniger als 500 Meter vom Helmholtz-Gymnasium entfernt – und muss daher ganz dichtmachen. Einzig nicht betroffen ist laut Braun das noch recht neue „Löwen Play“ in der Saarpfalzstraße. Landesweit müssen infolge der Gesetzesänderung 2021 insgesamt 342 der 915 Spielhallen an 550 Standorten schließen.

Die Glücksspielbranche läuft gegen die Entscheidung Sturm. Allein bei der Trierer Stadtverwaltung hatten bis Ende Januar diesen Jahres 24 Betreiber Widerspruch gegen die Bescheide eingelegt. Mario Hoffmeister, Pressesprecher der Merkur-Spielotheken, bezeichnet den Staatsvertrag als „unausgegoren“. Er meint: „Hier wird nach dem Rasenmäher-Prinzip verfahren. Es wird nicht hingeschaut: Wer ist ein guter Betreiber, wer ist ein schlechter Betreiber. Sondern man sagt einfach: Hier stehen zwei Spielhallen – eine davon muss weg.“ Hoffmeister behauptet: „Unter Präventionsgesichtspunkten ist der Vertrag problematisch. Es kommt ja auch niemand auf die Idee, die Hälfte der Kneipen in einer Stadt zu schließen, weil dort Alkohol ausgeschenkt wird. Durch eine reine Ausdünnung der Spielotheken, verringert sich nicht die Suchtgefahr.“ Das bestätigten - laut Hoffmeister – sogar Glücksspielgegner.



Diese Darstellung deckt sich allerdings nicht mit den Angaben der Landeszentrale für Gesundheitsförderung (LZG) Rheinland Pfalz: „Ein Mindestabstand von Spielstätten zu Jugendeinrichtungen ist sinnvoll. Beim Glücksspielen ist der Anreiz ‚Verfügbarkeit‘ ein wichtiger Faktor. Die Verfügbarkeit steigt, je näher die Spielstätte ist. Jugendliche reagieren sehr stark auf Belohnungen wie kleine Gewinne oder Fast-Gewinne. Man geht davon aus, dass, je früher eine Person Kontakt zum Glücksspiel hat, umso höher die Wahrscheinlichkeit für eine spätere Glücksspielsucht ist.“ Das LZG ergänzt: „Auch das Verbot der Mehrfachkonzession ist aus suchtpräventiver Sicht eine sinnvolle Maßnahme.“

Mit Blick auf den Jugendschutz besonders bedenklich: Hersteller von Glücksspielautomaten wie „Automaten Krüger“, der auch die Zweibrücker Spielothek „Winner“ beliefert, bieten zwar Kindersicherungen für ihre Geräte an. Allerdings nur für einen saftigen Aufpreis. Betreiber von Spielotheken, die tatsächlich auf den Jugendschutz achten, greifen folglich tiefer in die Tasche als die Konkurrenz. In der Pflicht sei aber ohnehin das Personal vor Ort, erklärt das LZG: „Dort muss der Jugend- und Spielerschutz umgesetzt werden, sonst ist jede Kindersicherung zu umgehen. Darum müssen alle Anbieter von Glücksspielen ihr Personal  mehrmals auf Jugend- und Spielerschutz schulen lassen. Nur so kann die Verantwortung der Mitarbeiter gegenüber Kindern und Jugendlichen gestärkt werden.“

Generell empfiehlt das LZG: Werden wegen dem Spielen soziale Kontakte vernachlässigt, tritt beim Spielen ein zunehmender Kontrollverlust ein oder beginnt der Spieler zu lügen, um seine Tätigkeit zu verschleiern – dann sei es höchste Zeit, bei den regionalen Fachstellen Glücksspielsucht Hilfe zu suchen.

Für die Stadt Zweibrücken ist die Schließung der Spielotheken ein zweischneidiges Schwert. Rund 650 000 Euro Vergnügungssteuer haben die Unternehmen der Rosenstadt im vergangenen Jahr beschert. Auf der anderen Seite sind die Spielotheken dem Stadtrat offenbar ein Dorn im Auge. „Im Rat war die Stimmung gegenüber Spielhallen in der Vergangenheit tendenziell negativ. Im Rahmen der Diskussion um das Möbelhaus auf der Truppacher Höhe war dort auch die Ansiedlung einer Spielhalle im Gespräch. Da war die Mehrheit im Rat nicht begeistert“, sagt Stadtsprecher Braun.

In Stein gemeißelt ist die Schließung der Spielotheken aber offenbar nicht. „Ob sich bis 2021 etwas an der Gesetzgebung ändert, ist eine Frage, die nur die Politik beantworten kann“, sagt Marco Blum von der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) Rheinland-Pfalz in Trier.

Spätestens Ende Juni 2021 muss auch die „Merkur-Spielothek“ in der Fruchtmarktstraße ihre Pforten schließen.
Spätestens Ende Juni 2021 muss auch die „Merkur-Spielothek“ in der Fruchtmarktstraße ihre Pforten schließen. FOTO: Mirko Reuther / red