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Zeitgeschichte
Zweibrücker NS-Geschichte aufarbeiten – aber wie?

Zweibrücken. Von Margarete Lehmann

Der Vortrag im Stadtmuseum war am Donnerstagabend so gut besucht, dass man vom kleinen in den großen Saal umzog: „Es ist jetzt an der Zeit, die Geschichte des Nationalsozialismus und seine Auswirkungen in Zweibrücken genauestens zu untersuchen. Diese Distanz von 1945 bis heute ist notwendig. Geschichte braucht Abstand“, sagte Charlotte Glück, Leiterin des Stadtarchivs und des Stadtmuseums. Der Referent Michael Martin aus Landau, ehemaliger Leiter des Stadtarchivs daselbst, hat ein Buch über die nationalsozialistische Vergangenheit Landaus herausgegeben und viele Seiten selbst beigesteuert. „Drei bis vier Jahre sind für solch eine detaillierte Aus- und Aufarbeitung nötig. Die Kosten betrugen rund 17 000 Euro“. In Speyer habe das Thema 40 000 Euro verschlungen, in Neustadt gar 150 000.

Der Vortrag beschäftigte sich ausschließlich mit den Möglichkeiten, an notwendige Quellen heranzukommen, nichts auszulassen. „Seine Erfahrungen sollen nun der Stadt Zweibrücken helfen, systematisch an die geplante Aufarbeitung zu gehen“, sagt Charlotte Glück. Ortsansässige Personen sollten unbedingt mitarbeiten, da ihre Kenntnisse sehr wertvoll sind. Viele Dokumente lagern in Frankreich und in Deutschland in Personallisten, in Kliniken, in Vereinsarchiven, in Schulen, Zeitungen, bei Notaren, beim Finanzamt in Wiedergutmachungsfragen, im Bundesarchiv Berlin und bei anderen Einrichtungen mehr. Bauwerke aus der Zeit gehörten dazu und zum Beispiel die Vornamen der damaligen Kinder, in denen sich subtiler Widerstand zu erkennen gibt oder eben Bewunderung. Anschließend wurde verhalten  diskutiert. Meistens ging es um Vorfahren der Anwesenden, wohin man sich wenden könne. Ein älterer Herr fühlte seine Frage unzureichend beantwortet und verließ empört den Raum.

Der Vortragende zeigte sich in seinem Vortrag fassungslos, wie wenig Schuldige nach 1945 vor Gericht gestellt wurden, ja unbehelligt ihrem Beruf nachgehen konnten, wie unverfroren SA- und SS-Größen nach dem Krieg Anträge auf Schadenersatz stellten und Recht bekamen. Aktuell wurde der jetzige Wille zur vollständigen Aufarbeitung durch die Naziverstrickung von Hans Woelbing, einem Zweibrücker Gymnasiallehrer und Leiter der VHS und der Bibliotheca Bipontina: Er war Mitinitiator und „Feuerredner“ bei der Bücherverbrennung in Dortmund 1933.