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Rosenstadt bei 450 Bewerbern unter letzten drei
Zweibrücken landet fast den Tesla-Coup

 Tesla-Chef Elon Musk stellt in den USA den Tesla Model 3 vor (Archivfoto). Seine neue Mega-Fabrik hätte er fast in Zweibrücken bauen lassen. Die Stadt kam unter die letzten drei Bewerber.
Tesla-Chef Elon Musk stellt in den USA den Tesla Model 3 vor (Archivfoto). Seine neue Mega-Fabrik hätte er fast in Zweibrücken bauen lassen. Die Stadt kam unter die letzten drei Bewerber. FOTO: dpa / Andrej Sokolow
Zweibrücken. Im Rennen um Mega-Ansiedlung schafft es die Stadt von 450 Bewerbern unter die letzten Drei. Großes Bedauern im Rat. Von Mathias Schneck

Katzenjammer und Riesenstolz – so lassen sich die Gefühle in der Stadtratssitzung am Mittwochabend zusammenfassen.

Katzenjammer, weil die Stadt um Haaresbreite einen Ansiedlungscoup gelandet hätte, der in dieser Größenordnung wohl ohne Beispiel gewesen wäre. Riesenstolz auf der anderen Seite, dass die Rosenstadt überhaupt so weit kam.

Oberbürgermeister Marold Wosnitza (SPD) hatte die Information über die Gespräche mit dem US-Autobauer Tesla auf den Beginn der Ratssitzung gesetzt. Ihm zur Seite stand Hans-Günther Clev, Geschäftsführer der Zukunftsregion Westpfalz, einer Wirtschaftsinitiative, der Zweibrücken angehört.



Wosnitza erklärte den Stadträten: „Wie Sie wissen, hat sich Tesla-Chef Elon Musk dafür entschieden, die Giga-Factory nahe Berlin zu bauen. 450 Standorte haben sich darum beworben – auch die Stadt Zweibrücken. Wir haben es bis unter die letzten Drei geschafft!“, sagte der Oberbürgermeister stolz. Wosnitza waren die Gefühlsschwankungen anzusehen. Fast hätte die Rosenstadt einen Mega-Coup gelandet, Zweibrücken hatte fast alle 450 Bewerber ausgestochen. Fast.

Tesla baut seine Mega-Produktionsstätte für Elektro-Autos und Batterien nun auf einer riesigen Fläche in Brandenburg, zirka 35 Kilometer von Berlin entfernt (wir berichteten bereits gestern auf der Titelseite).

Wosnitza streute Salz auf die Wunden und verdeutlichte die Größenordnungen, um die es bei dieser Ansiedlung geht: „In den Verhandlungen mit Tesla war die Rede von 7000 bis 10 000 Arbeitsplätzen, einer Produktionsfläche von einer Million Quadratmetern und rund 500 000 zu produzierenden Fahrzeugen im Jahr.“

Die Verwaltung der Rosenstadt habe alles vorangetrieben, Hürden aus dem Weg geräumt: „Wenn im Januar der Spatenstich gewesen wäre, hätte die Produktion – spätestens  – im Dezember starten können.“ Das Rathaus habe alle Kräfte mobilisiert, die Stadttöchter hätten alles gegeben, ebenso Wirtschaftsförderin Anne Kraft.

Clev, Geschäftsführer der Zukunftsregion Westpfalz, die gemeinsam mit Wosnitza eng in die Verhandlungen mit Tesla eingebunden war, sagte, erstmals habe man Anfang 2017 darüber nachgedacht, ob eine Bewerbung bei Tesla sinnvoll sei. Kurz zuvor hatte Tesla-Boss Elon Musk öffentlich erklärt, in Europa eine „Giga-Factory“ eröffnen zu wollen. Nach erstem Zaudern, so Clev, sei die Einstellung gewachsen: „Die anderen kochen auch nur mit Wasser.“ Also ging es ab Mitte 2017 ran an die Bewerbung.

Unter anderem der inzwischen verstorbene Ex-Oberbürgermeister Kurt Pirmann, Wirtschaftsförderin Anne Kraft, die Triwo als Eigentümerin des Flughafen-Areals in Zweibrücken (denn nur gebe es entsprechende Flächen) hätten bei Tesla angeklopft.Für 50 000 Euro wurden hochwertige Bewerbungsmaterialien gefertigt, darunter ein professionelles Video. Clev spielte es ab  – und den Räten glänzten die Augen.In dem Video ist ein Sprecher zu hören, der auf englisch, mit sonorer Stimme, vom Potenzial, den Zweibrücken und die Region bieten, berichtet. Eindrucksvolle Bilder vom riesigen Flugplatz-Gebiet sind zu sehen, ein Tesla,  glänzend in der Sonne, fährt auf der Landebahn, Menschen gruppieren sich dort zu einem „T“ für Tesla. „We are ready“  – „Wir sind bereit“, endet das drei, vier Minuten dauernde Bewerbungsvideo.

Diese Bilder müssen Eindruck auf Tesla-Chef Musk gemacht haben. Vor wenigen Wochen erst kam Musk mit einem Stab an Mitarbeitern nach Zweibrücken, auf dem Flughafen-Areal sei sieben Stunden lang verhandelt worden, berichtete Clev.

Doch nun setzte sich Brandenburg durch. Aber es war wohl vielmehr das nahe gelegene Berlin, die Strahlkraft dieser Metropole, die den Ausschlag gab, kann sich Wosnitza vorstellen. Als der Zuschlag für Brandenburg gefallen sei, habe es, so der OB, beim  Tesla-Team geheißen, „Berlin ist sexy“.

Clev räumte ein, dass in der „letzten Selektionsrunde“ des Bewerbungsverfahrens die Luft für Zweibrücken dünn geworden sei. „Zu Beginn des Bewerbungsverfahrens war die Rede von 80 Hektar Fläche, die Tesla benötige, dann wurden 110 verlangt, später 150, schließlich meinten die Manager, es müssen gar 300 Hektar sein. „Eine solche Fläche – das war dann schon ein Problem“, blickt Clev auf die Verhandlungen zurück.

Auch die Sache mit dem Bahnanschluss sei ein Punkt gewesen. Tesla habe vor einiger Zeit ein Werk in China eröffnet, dort habe man „riesige Verkehrsprobleme“, aus diesen Erfahrungen heraus hätten die Manager eine entsprechende Bahnanbindung gefordert.

Die Autobahn-Anbindung, die sonstige Infrastruktur, das hätte auf jeden Fall gepasst. Hätte.

Also alles nur Essig für die Rosenstadt? Mitnichten, betonten Wosnitza und Clev. Die Stadt Zweibrücken habe sich „auf der Landkarte der Investoren einen Namen gedacht“, sagte der Oberbürgermeister stolz. Dass die Stadt dermaßen viele Mitbewerber ausgestochen habe, sei ein großer Achtungserfolg. Dem stimmten die Räte unisono zu. Von 450 Bewerbern unter die letzten Drei, das sei eine ganz starke Leistung.

Die Hoffnung schwang bei vielen Räten mit, dass die Stadt sich nun derart bekannt gemacht hat in der Investoren-Szene, dass vielleicht ein anderer, wenn auch nicht ganz so großer Fisch bald einmal an der Angel zappeln wird.

Clev sagte, Tesla habe erklärt, vielleicht werde in den nächsten Jahren gar eine zweite Fabrik ein Europa gebaut. Dann könnten die, die jetzt das Nachsehen gehabt hätten, eventuell zum Zuge kommen. Aber das sei natürlich „Zukunftsmusik“.