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Künftiger OB von Freiburg über die alte Heimat
„Zweibrücken hat im Tourismus Potenzial“

Martin Horn mit seiner Gattin Irina und Sohn Thilo beim Genießen der gemeinsamen Zeit. Mittlerweile hat die Familie
Zuwachs bekommen, am 23. Mai wurde Sohn Titus geboren.
Martin Horn mit seiner Gattin Irina und Sohn Thilo beim Genießen der gemeinsamen Zeit. Mittlerweile hat die Familie Zuwachs bekommen, am 23. Mai wurde Sohn Titus geboren. FOTO: Fionn Große. / Fionn Große
Politik-Senkrechtstarter Martin Horn über Job und Familie und die Frage, was Zweibrücken von Freiburg lernen kann. Von Mathias Schneck

Herr Horn, haben Sie zu Ihrem Wahlsieg am 6. Mai, als Sie zum Oberbürgermeister der Stadt Freiburg gewählt wurden, viele Glückwünsche aus Ihrer alten Heimat bekommen?

Martin Horn: Glückwünsche kamen insbesondere aus Hornbach. Dort bin ich aufgewachsen und habe bis heute engste Kontakte. Darüber hinaus gab es viele Gratulanten aus der Region sowie aus Zweibrücken – auch von politischen Vertretern wie Landrätin Susanne Ganster,  Verbandsbürgermeister  Jürgen Gundacker,  dem Hornbacher Bürgermeister Reiner Hohn und der Bürgermeisterin von Althornbach, Ute Klein.

Können Sie abschätzen, wie viele Interviews Sie seit dem 6. Mai gegeben haben?



Horn: Eine gute Frage. Alleine am Montag nach der Wahl hatte ich sechs TV-Interviews. Am gleichen Tag hatte ich vier Radio-Gespräche, drei Print-Interviews und zwei Fotoshootings. Das Medienecho war enorm. Heute, einen Monat später, ist es etwas ruhiger geworden, aber ich habe immer noch mehrere Interviewanfragen pro Woche.

Am 23. Mai wurden Sie zum zweiten Mal Vater, Ihr Sohn Titus kam zur Welt. Dieses Ereignis überstrahlt vermutlich noch den triumphalen Wahlsieg in Freiburg?

Horn: Ja, definitiv. Ich habe immer betont, dass ich meine Familie weder im Wahlkampf noch als Oberbürgermeister verlieren möchte. Das gilt – daher habe ich aktuell auch Elternzeit und genieße nochmals eine Familienauszeit bevor es am 2. Juli offiziell los geht.

Sie wurden leider am Abend Ihres Wahlsieges von einem offenkundig verwirrten Mann attackiert. Waren die Sicherheitsvorkehrungen für Sie nicht streng genug?

Horn: Mein Wahlkampf war geprägt von wahnsinnig viel Engagement vieler verschiedener Personen. Mein Team ist ständig gewachsen und diese offene Art, Bürgernähe ohne Einschränkungen, hat meinen Wahlkampf authentisch und nahbar gemacht. Dementsprechend gab es auf meiner Wahlparty mit über 300 Gästen auch keine Beschränkungen oder Einlasskontrollen. Der Täter hatte zuvor nie Kontakt mit mir und war für uns komplett unbekannt, somit hätten wir das auch durch schärfere Kontrollen nicht verhindern können. Die Polizei war nach der Tat sofort zu Stelle und die Rettungskräfte haben hervorragend reagiert. Für meine Rückkehr aus dem Krankenhaus bekam ich Personenschützer an meine Seite gestellt.

Glauben Sie, dass Politiker in der heutigen Zeit noch intensiver beschützt werden müssen?

Horn: Erschreckend ist auf jeden Fall, dass die Angriffe in jüngster Zeit – zumindest gefühlt – deutlich zugenommen haben. Es wäre schade, wenn sich  Politiker nur noch mit Personenschützer bewegen könnten. Ich habe mich bereits in der Woche nach der Attacke wieder ohne Polizeischutz frei bewegt und möchte das auch in Zukunft weiterhin tun. Somit hoffe ich, dass ich auf Polizeischutz weitestgehend verzichten kann.

Im Juli übernehmen Sie das Amt des Oberbürgermeisters. Was wird sich mit Ihnen in Freiburg ändern?

Horn: Klar ist, dass ich nicht über Nacht alles umkrempeln werde. Das wäre auch gar nicht nötig, schließlich ist Freiburg eine wunderbare Stadt und steht in vielen Bereichen gut da. Dennoch gibt es eine Reihe von zentralen Herausforderungen, die ich aktiv und mutig angehen möchte. Neben neuen Impulsen für bezahlbaren Wohnraum und Familienförderung möchte ich als jüngster OB einer deutschen Großstadt vor allem Impulse im Bereich Digitalisierung und Start-Ups setzen. Hier sehe ich großes Potential. Zudem möchte ich im Kontext der Nachhaltigkeit weitere Akzente setzen und die jüngste Stadt Deutschlands mit einigen Modellprojekten voranbringen. Meine Amtseinführung findet am 2. Juli statt – um 15 Uhr. Um 18.30 Uhr darf ich bereits einen besonderen Termin wahrnehmen: Jean-Claude Juncker, Präsident der Europäischen Kommission, ist dann zu Gast. Ich freue mich sehr auf das Gespräch mit ihm.

Sie traten als parteiloser Kandidat an, unterstützt von der SPD. Ist das ein Modell für die Zukunft, als Parteiloser anzutreten – vielleicht gerade deshalb, weil die etablierten Parteien Abnutzungserscheinungen beim Wähler zeigen?

Horn: Zunächst einmal möchte ich betonen, dass ich der Freiburger SPD sehr dankbar bin, dass sie sich für mich aufgrund fachlicher und persönlicher Kompetenzen entschieden haben, obwohl ich kein Parteibuch besitze. Parteien spielen eine zentrale Rolle für unsere Demokratie und ich schätze dementsprechendes Engagement sehr wert. Trotzdem glaube ich, dass es gerade auf der kommunaler Ebene auch eine gute Option sein kann, eine Person ohne Parteibuch zu nominieren, wenn es fachlich und menschlich passt. Diese individuellen Qualifikationen sollten im Zweifel – gerade bei einer Persönlichkeitswahl wie beim Amt der Oberbürgermeisters – mehr zählen, als die Farbe des Parteibuchs.

Kommen wir zu Ihren Wurzeln. Sie sind in Annweiler geboren und haben einen Großteil Ihrer Jugend in Hornbach verbracht: Sind Sie noch regelmäßig in der Südwestpfalz?

Horn: Ja, mein Vater lebt in Zweibrücken und die Familie meiner Frau wohnt in Hornbach. Somit bin ich nach wie vor immer mal wieder in der wunderschönen Südwestpfalz und habe viele gute Kontakte hier in der Region.

Wie sehen Sie die Entwicklung der Südwestpfalz und der Stadt Zweibrücken, der kleinsten kreisfreien Stadt Deutschlands? Beide, die Südwestpfalz und Zweibrücken, sind hochverschuldet . . .

Horn: Ja, das stimmt. Der finanzielle Druck hat sich in den vergangenen Jahren kontinuierlich erhöht. Für viele Kommunen binden die finanziellen Altlasten so viele Ressourcen, dass kaum Spielraum für aktives Gestalten bleibt.

Sicher haben Sie verfolgt, wie der Flughafen der Stadt Zweibrücken – auf Druck aus Brüssel – dichtgemacht wurde. Wie werten Sie diese Entscheidung?

Horn: Als Hornbacher habe ich Freunde, die ihre Jobs durch die Schließung verloren haben. Somit habe ich hier erstmal Mitgefühl und bedauere den weiteren wirtschaftlichen Rückschlag für die Region. Aber auch hier möchte ich mir kein vorschnelles Urteil erlauben, da ich die Fakten nicht genau kenne.

Neben dem Flughafen ist die B10 ein wichtiger Infrastruktur-Faktor. Nach jahrelangem Hin und Her soll nun der vierspurige Ausbau von Pirmasens bis Landau kommen. Wird das Impulse freisetzen für die wirtschaftlich schwache Südwestpfalz?

Horn: Ich kenne die B10 privat sehr gut, diese Strecke fahre ich ja, wenn ich meine alte Heimat besuche. Der vierspurige Ausbau ist sinnvoll. Ich teile allerdings die Euphorie nur bedingt, dass das wirtschaftlich außerordentliche Impulse freisetzen wird. Zuerst einmal wird dadurch sicher eine deutliche Verkehrsentlastung stattfinden – und das ist ja schon mal eine gute Sache. Ich wünsche der Region einen wirtschaftlichen Aufschwung. Gleichzeitig hat der Pfälzerwald einen besonderen Charme von überregionaler Bedeutung. Meiner Meinung nach gilt es, diesen zu schützen und Natur nachhaltig zu bewahren.

Was können Zweibrücken und die Südwestpfalz von der prosperierenden Stadt Freiburg lernen?

Horn: Zunächst einmal muss ich leider anmerken, dass auch Freiburg finanzielle Herausforderungen hat. Dennoch unterscheidet sich die Situation natürlich grundlegend, denn Freiburg boomt und wächst aktuell in Rekordtempo. Aktuell planen wir einen komplett neuen Stadtteil für 15 000 Einwohner – und das reicht bei weitem noch nicht aus. Somit sind pauschale Vergleiche wenig zielführend. Ich glaube, dass in Zweibrücken noch mehr Pozential in Kooperationen mit der Hochschule liegen könnte und sich die Stadt auf ihren eigenen Charme fokussieren sollte.

Wo sehen Sie denn für Zweibrücken noch Potenzial?

Horn: Ich glaube, dass vor allem im touristischen Bereich Potenzial liegt. Die neu angelegte „Stadt am Wasser“ finde ich sehr gelungen. Das Areal auf dem Exerzierplatz, der Wasserspielplatz am Seniorenheim oder der Guldenweg sind sehr schön geworden und machen die Stadt attraktiver. Die Stadt Zweibrücken hat als schön gelegene Stadt im kleinen Dreiländereck die Chance, weitere Besucher anzulocken. Ebenso wie die gesamte Region Südwestpfalz, auch für diese sehe ich gerade im naturnahen Tourismus Chancen.

Wie erholen Sie sich eigentlich von Ihrem Alltag als Politiker?

Horn: Vor meiner Pressekonferenz am 9. Januar habe ich mich ja noch nie in meinem Leben als Politiker bezeichnet. Erholen tue ich mich durch Auszeiten mit meiner Familie, sportlichen Aktivitäten (vor allem Joggen und Radfahren) sowie Spaziergängen mit Freunden. Und ab und zu schalte ich bei einer „Drei Fragezeichen“-Hörspielkassette ab, ganz „oldschool“ mit einem Walkmann. Das tut mir gut (lacht).

Das Interview führte
Mathias Schneck