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Wende in Geschäftspolitik der städtischen Wohngesellschaft
Gewobau steigt in Geschosswohnungsbau ein

 Nur ein Beispiel von vielen für privaten Mehrfamilienhaus-Neubau in Zweibrücken: das „Plateau Fasaneriewald“.
Nur ein Beispiel von vielen für privaten Mehrfamilienhaus-Neubau in Zweibrücken: das „Plateau Fasaneriewald“. FOTO: Lutz Fröhlich
Zweibrücken. Der neue Chef Jörg Eschmann will das gute Geschäft mit neuen Mehrfamilienhäusern nicht allein privaten Investoren überlassen. Von Mathias Schneck

Die Ansage von Jörg Eschmann ist klar und deutlich: „Wir sollten da einsteigen!“ Dieser Satz des neuen Geschäftsführers der Gewobau stellt eine Abkehr von einer Geschäftspolitik dar, die die städtische „Gesellschaft für Wohnen und Bauen“ viele Jahre, gar Jahrzehnte, betrieben hat. Nämlich, kein eigenes Engagement im Geschosswohnungsbau (also dem Neubau von Wohngebäuden über mehrere Etagen) vorzunehmen. Die Gewobau hat die Finger davon gelassen mit der Begründung, es gebe bereits genug Bausubstanz in der Rosenstadt, auch zu sanierende im Gewobau-Bestand, daher müssten keine neuen Wohngebäude hochgezogen werden. Zudem würde man privaten Investoren, die auf diesem Gebiet in Zweibrücken tätig werden wollten, dann nur Konkurrenz machen.

Mit der klaren Ansage von Eschmann, seit Juni Geschäftsführer der Gewobau, wird diese selbst auferlegte Zurückhaltung abgestreift.

Eschmann sagt auf Merkur-Anfrage, für ihn sei Geschosswohnungsbau „eine Kernaufgabe“, er wisse nicht, warum man dieses Geschäft den privaten Investoren überlassen sollte. Es gebe aktuell gleich mehrere ansprechende Projekte von Privaten in der Rosenstadt, diese zielten vor allem auf das höherpreisige Segment ab. Und da erkennt Eschmann reichlich Potenzial. „Ich sehe den Markt in Zweibrücken nicht als gesättigt an – gerade für hochpreisiges Wohnen“, geht er davon aus, dass diese Investoren mit ihren Projekten weiter Erfolg haben.



Eschmann gönnt den Privaten diesen Erfolg – sieht aber nicht ein, wieso die Gewobau auf diesem Markt nicht auch mitspielen sollte. Die Canada-Siedlung sei für ihn ein Wohngebiet, in dem er sich neuen Geschosswohnungsbau vorstellen könne.

Die Gewobau habe dort bereits einiges an vorhandener Bausubstanz gerettet, habe Wohngebäude saniert und in Top-Form gebracht. „Aber einige der Gebäude sind in einem zu schlechten Zustand“, so der Geschäftsführer. Es sei zu prüfen, ob diese nicht besser abgerissen und an ihrer Stelle neuer Geschosswohnungsbau realisiert werden sollte. Derzeit entwickelt die Gewobau, gemeinsam mit Diakonie und Sparkasse, ein Projekt zu betreutem, barrierefreiem Wohnen in der Canada-Siedlung – ein für die Stadt wichtiges Vorhaben, betont er.

Die Canada-Siedlung ist Eschmann eine Herzensangelegenheit, er zählt sie zu seinen wichtigsten Aufgaben. Diese Siedlung als Quartier neu zu denken, zu entwickeln, zu einer neuen Blüte zu führen, das ist für ihn eines der wichtigsten Ziele für die nächsten Jahre. Vor allem unter dem Ziel „Barrierefreiheit“. Die Gesellschaft werde älter, an Wohnungen würden heute ganz andere Anforderungen gestellt. „40 Prozent unserer Mieter sind über 60 Jahre alt“, verdeutlicht er, wohin die Reise geht. Diese Mieter verlangten immer stärker nach altersgerechten vier Wänden. „Es macht keinen Sinn, an alte Häuser einen Aufzug dranzubauen, stattdessen sollten wir neue Häuser entwickeln.“

Natürlich werde dann der derzeitige Durchschnittspreis für die Miete etwas nach oben gehen. Derzeit liegt dieser Miet-Durchschnittspreis der Gewobau bei 4,30 Euro pro Quadratmeter. Der Spitzenwert liege bei rund sechs Euro pro Quadratmeter und beziehe sich auf die frisch sanierten Wohnungen in der Canada-Siedlung in Top-Zustand.

„4,30 Euro als Durchschnitt – das ist sehr niedrig im Vergleich zu anderen Städten“, macht der frühere städtische Hauptamtsleiter deutlich. In Pirmasens sei der Durchschnittswert ebenfalls niedrig, aber in vielen anderen Städten in der Region würden teilweise deutlich höhere Mieten gefordert.

Entwicklung der Canada-Siedlung, Schaffung barrierefreier Wohnungen – das steht auf der Agenda also ganz oben. Aber natürlich hat die Gewobau noch ganz andere „Baustellen“, etwa den Hauptbahnhof, vor einem Jahr gekauft, der einer Kernsanierung bedarf, die Eschmann auf zirka sechs Millionen Euro taxiert (wir berichteten). Oder, das Alte Finanzamt mit neuem Leben zu füllen, hier gebe es mittlerweile bereits mehrere Anfragen von Investoren (wir berichteten). Oder, in eigener Sache: der Umzug der Gewobau vom Schlossplatz an den Busbahnhof (ZOB) in der Hauptstraße in die Räume der ehemaligen Passage Schreiner (wir berichteten).

Langweilig wird es dem neuen Geschäftsführer also nicht werden. Beruhigend ist es daher für ihn, die Gewobau auf einem stabilen Fundament zu wissen. „Wir machen 16 Millionen Euro Umsatz im Jahr, unsere Bilanzsumme beträgt 95 Millionen Euro, wir haben einen Eigenkapital-Anteil von 52 Prozent“, nennt er einige wirtschaftliche Eckpunkte. Die Gewobau investiere jedes Jahr einiges in den Bestand, im Schnitt würden fünf Millionen Euro per anno für die Sanierung ausgegeben.

Stand Anfang Oktober hatte die Gewobau 3010 Wohnungen in ihrem Bestand, zusätzlich 711 Garagen, dazu kommen die, so Eschmann, „Sonderprojekte“ Fasanerie (mit dem dort verpachteten Hotel), die Villa Ipser (mit der dort ansässigen, privaten Schönheitsklinik) sowie der Zustellstützpunkt der Post an der Gottlieb-Daimler-Straße, der ebenfalls der Gewobau gehört.

Die Leerstandsquote sei in Zweibrücken gering, sie betrage sieben Prozent. „Ein guter Wert. In Pirmasens sind es mit 13 Prozent fast doppelt so viele Wohnungen, die leer stehen“, sagt Eschmann.

Es sei aber auch nicht zu leugnen, dass es in Rheinland-Pfalz noch stärkere Wohnlagen gebe. Die Vorderpfalz, landschaftlich und kulturell attraktiv und viele gut verdienende Einwohner beheimatend, habe Orte, „da geht die Leerstandsquote Richtung null, oder vielleicht ein Prozent“.

 Jörg Eschmann ist seit Juni neuer Gewobau-Geschäftsführer.
Jörg Eschmann ist seit Juni neuer Gewobau-Geschäftsführer. FOTO: eck / Mathias Schneck