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Zweibrücker Gedenkveranstaltung zu den Pogromen des 9. November
Wosnitza: Gedenktag aktueller denn je

 „Nie wieder Faschismus – nie wieder Krieg“ forderte das Bündnis Buntes Zweibrücken bei der Gedenkveranstaltung am Standort der ehemaligen Synagoge in der Ritterstraße.
„Nie wieder Faschismus – nie wieder Krieg“ forderte das Bündnis Buntes Zweibrücken bei der Gedenkveranstaltung am Standort der ehemaligen Synagoge in der Ritterstraße. FOTO: Charlotte Glück
Zweibrücken. Totalitäres Gedankengut falle heute wieder immer mehr auf fruchtbaren Boden, kritisierte der Oberbürgermeister bei der Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht am 9. November. Von Fritz Schäfer

„Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten habe ich geschwiegen, ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr der protestieren konnte“, zitierte Liane Weidmann-Lichtel am Samstag bei der Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht am 9. November 1938 den evangelischen Theologen Martin Niemöller, der sich im KZ Sachsenhausen zum Widerstandskämpfer entwickelte.

Anknüpfend an diesen Text rief Weidmann-Lichtel die Teilnehmer dazu auf, „was zu sagen“, wenn heute wieder rechte Parolen gebrüllt und hoffähig werden.

Auch die Schülerinnen Annabelle Schmidt und Lou Rottländer aus der Antirassismus AG des Hofenfels-Gymnasiums verknüpften bei ihrem Beitrag die Historie mit der aktuellen Situation, bei dem Populisten ihr Unwesen treiben. „Was bleibt uns?“, fragten sie in die Runde. „Lasst uns Hand in Hand leben“, gaben sie auch die Antwort – in einer Gesellschaft mit Christen, Juden, Muslems und Atheisten zusammenleben.



Die Schülerinnen erinnerten an den Beginn mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933, „als die SS schon unter dem Brandenburger Tor marschierten“, an das Parteienverbot, das erste KZ in Dachau, das Ermächtigungsgesetz, die Bücherverbrennung, die Nürnberger Rassengesetze, als den Juden die Bürgerrechte aberkannt wurden, bis zu der Pogromnacht (die lange unter dem von den Nazis geprägten Namen „Reichskristallnacht“ bekannt war).

Ein Gedicht von Karl Fischer über die Nacht in Zweibrücken trug Ingrid Sartory von der Bürgerinitiative „Bündnis Buntes Zweibrücken“ vor. Der „kleine Junge“ erlebte die Nacht als einige gezündelt haben, einige Schaufenster und Scheiben eingeworfen und dann geplündert haben, „und alle gegafft haben“.

An diese „Freveltaten“ gedachten bei der gemeinsamen Veranstaltung des Ökumenischen Arbeitskreises, der evangelischen, katholischen und methodistischen Kirche, des Historischen Vereins, des Bündnisses Buntes Zweibrücken und der Stadt rund 100 Personen vor dem Standort der 1938 zerstörten Synagoge an der Ritterstraße.

„Seit einiger Zeit wird immer wieder die Frage gestellt, ob solche Gedenkveranstaltungen noch notwendig sind“, sagte Oberbürgermeister Marold Wosnitza (SPD) bei seiner Ansprache. „Meine Antwort: Diese Gedenkveranstaltung – solche Gedenkveranstaltungen – sind wichtiger denn je.“

Niemand könne sich angesichts der Vergangenheit hinstellen und davon reden, dass „die Zeit des Nationalsozialismus ein Vogelschiss in der Geschichte ist“, rügte Wosnitza Aussagen des AfD-Bundesvorsitzenden Alexander Gauland. Auch wenn die zwölf Jahre nur eine kurze Spanne sei, seien in der kurzen Zeit „unsägliche Gräueltaten“ verübt worden, erinnerte Wosnitza. Damit seien „wahrlich historische Fußstapfen hinterlassen“ worden, prangerte er an.

Beim Blick auf Aufmärsche von Rechtsradikalen und Äußerungen des nationalistischen Flügels der AfD, den Morden des NSU oder des Terroranschlags in Halle am 9. Oktober erkannte der Oberbürgermeister, dass totalitäres Gedankengut heute immer mehr auf fruchtbaren Boden falle. Deshalb sei der Gedenktag aktueller denn je.

Die evangelische Pfarrerin Ursula Müller und der katholische Pfarrer Wolfgang Emanuel trugen Texte aus der Bibel vor.

Die in Nigeria geborene Rimschweiler Sängerin Efe hatte die Gedenkveranstaltung mit dem Lied „Amazing Grace“ eröffnet. Und bei dem Lied der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung „We shall overcome“, bei des es auch heißt, dass man Hand in Hand arbeiten soll, nahmen sich Teilnehmer bei der Hand. Ganz im Sinne der beiden Schülerinnen, die gesagt hatten: „Lasst uns Hand in Hand leben.“

 Eine Merkur-Leserin hat in der Nacht zum 9.11. diesen von Unbekannten am einstigen Standort der Synagoge abgelegten Zettel entdeckt. Auf weiteren Zetteln wurde, ebenfalls mit Rosen, verfolgter Zweibrücker Juden gedacht.
Eine Merkur-Leserin hat in der Nacht zum 9.11. diesen von Unbekannten am einstigen Standort der Synagoge abgelegten Zettel entdeckt. Auf weiteren Zetteln wurde, ebenfalls mit Rosen, verfolgter Zweibrücker Juden gedacht. FOTO: Marie Wagener