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Wundermittel aus dem Krieg wiedererkannt

 Ohler bei der Lesung. Foto: tja
Ohler bei der Lesung. Foto: tja FOTO: tja
Zweibrücken. Der 45-jährige Wahl-Berliner und Romanautor Norman Ohler hat am Freitagabend vor 60 Zuhörern in seiner Heimatstadt Zweibrücken sein erstes Sachbuch vorgestellt. Aus dem Publikum gab es viele Fragen. Katja May

"Rauschpolitik ist immer auch Machtpolitik", erklärt Norman Ohler. Gestern Abend las der gebürtige Zweibrücker vor sechzig Zuhörern in der hiesigen Thalia-Buchhandlung aus seinem Sachbuch "Der totale Rausch - Drogen im Dritten Reich".

Darin beschreibt Ohler ausführlich den Drogenmissbrauch von Hitler und innerhalb der Wehrmacht (wir berichteten). Das Wundermittel damals hieß Pervitin - und einige der älteren Zuschauer nicken wissend, als Ohler den Namen des Medikaments nennt. In den dreißiger Jahren war das Medikament freiverkäuflich in den Apotheken erhältlich und auch später verschrieben Ärzte gerne Pervitin als Mittel gegen die verschiedensten Leiden wie Erschöpfung, Wochenbettdepressionen oder aber auch Schizophrenie. Neben dem üblichen Kaffee nahmen viele Reichsbürger jeden Morgen ihre tägliche Dosis Pervitin ein und für die gestresste Hausfrau gab es sie sogar in Form einer süßen Praline, so Ohler.

Der Wehrmacht habe die kleine Pille von der Firma Temmler ungeahnte Kräfte erschlossen: Mit Leichtigkeit konnten die Soldaten so bis zu vierzig Stunden ohne Ermüdung durcharbeiten. Im Krieg habe das natürlich eindeutige Vorteile, so Ohler. Für die Frankreichinvasion orderte Heeresphysiologe Otto Ranke deshalb 35 Millionen Pillen Pervitin, die von Sanitätsoffizieren an die Soldaten weiter verteilt wurden. "Warum hat man nicht schon früher davon gehört? Das stellt doch unser ganzes Wissen über das Dritte Reich in Frage", bemerkte ein Zuhörer erstaunt. Auch wenn immer mal wieder Berichte über Drogenmissbrauch im Dritten Reich bekannt wurden, so biete sein Buch die erste umfassende Bestandsaufnahme, antwortete Ohler. Der Clou bei dieser Thematik liege darin, dass Pervitin damals, trotz erheblichem Suchtpotenzial und Nebenwirkungen, nicht als Droge tituliert war. "Aber hätten unsere Großväter und Väter dann nicht als Junkies aus dem Krieg zurückkehren müssen?", wundern sich mehrere Zuhörerinnen. Eine eindeutige Antwort blieb Ohler ihnen allerdings schuldig und verwies auf die freie Verfügbarkeit des Medikaments.

"Ich finde das Buch absolut faszinierend", erklärte ein anderer Zuhörer: "Wenn man die Wirkung der Droge kennt, kann man den psychopathologischen Hintergrund der damaligen Zeit ganz anders nachvollziehen". Eva Jekal hat die Lesung ebenfalls sehr gut gefallen: "Ich habe schon ein paar Reportagen zu dem Thema gesehen und wollte mehr darüber erfahren."

normanohler.de