| 20:40 Uhr

Kolumne Kindereien
Hüter der verlorenen Schätze

 Ein Fahrrad aus Maisstärke
Ein Fahrrad aus Maisstärke FOTO: Jan Althoff
Viele Menschen können sich nur schwer von Dingen trennen. Auch Merkur-Redakteur Jan Althoff geht das so. Besonders schwer tut er sich mit den Bildern und Zeichnungen seiner Kinder. Von Jan Althoff

Wer ist wohl der ärmste Hund in Grimms Märchen? Der Hofstaat in „Dornröschen“, der als Kollateralschaden eines Fluches, mit dem er nicht das Geringste zu schaffen hat, 100 Jahre verschläft? Frau Holle, die nach Goldmarie und Pechmarie ihre Betten wieder alleine ausschütteln muss? Weder noch. Es ist der Wildhüter in „Schneewittchen“. Der bekommt bekanntlich den Auftrag, Schneewittchen in den Wald zu führen und zu töten. Ist das nicht fies? Das arme Kind! Und der arme Jäger!

An diesen Jäger muss ich jedes Mal denken, wenn der engere Führungszirkel unserer Familie (meine Frau und ich) angesichts des schier unendlichen Berges an Kunstwerken, die vier Kinder ohn‘ Unterlass produzieren, beschließt, dass eine Auswahl getroffen werden muss und das eine oder andere Werk nicht archiviert wird.

Sicher, es gibt einfache Entscheidungen: schnell hingeworfene Kritzeleien, die nur aufgrund der Adleraugen übereifrigen Kindergartenpersonals den Weg ins Fach des Kindes gefunden haben („Das Fach wird von den Eltern jeden Tag geleert!“), auf der einen Seite – die werden diskret entsorgt. Glücklicherweise ist das Erinnerungsvermögen der Kinder in diesem Bereich wenig ausgeprägt. Auf der anderen Seite herzzerreißend goldige Familienporträts, Bilder, die komplexe Geschichten erzählen (auf der Rückseite von erwachsener Hand für die Nachwelt nachvollziehbar gemacht), mit ungelenken Buchstaben und in sehr spezieller Rechtschreibung versehene Glückwunschbilder zu Geburtstagen und anderen Jubiläen. Die werden genauso in Ehren abgeheftet wie Briefe an die Zahnfee („Leider habe ich meinen Zahn im Schwimmbad verloren…“) oder das Lied, das die Kinder gemeinsam zum 35. Geburtstag ihrer Mutter getextet, komponiert und vorgetragen haben (es trägt merkwürdigerweise den Titel „Wenn die Welt mal untergeht“). Oder sie werden, wie die Gebilde, die unser Sohn mit viel Fantasie und Energie an seiner Werkbank zusammengesägt, -geschraubt und –geleimt hat (ein paar davon haben es auf meine Instagram-Seite geschafft), in Gottes Namen irgendwo im Haus oder Garten aufbewahrt.



Leider fällt ein beträchtlicher Teil der Werke in keine der beiden Kategorien. Was soll man damit machen? Der Familienrat beschließt in solchen Fällen in der Regel mit einfacher Mehrheit: Das kommt weg. Und dann steht man da mit einem Packen Papier in der Hand oder einem Plastikeimer voller Dinosaurier, Bäume, Fahrräder und ähnlichen Dingen aus Maisstärke und dem Auftrag, sie wie der Jäger im  Märchen aus der Welt zu schaffen. Da braucht es eiserne Willensstärke und eine unbedingte Einsicht in die Notwendigkeit des eigenen Tuns.

Wahlweise einen großen Kofferraum.

Oder Stauraum im Büro.

Beides ist mir mittlerweile ausgegangen. Seither hoffe ich auf ein märchenhaftes Ende.

Bis dahin müssen die dienstlichen Unterlagen in den Schubladen weiter zusammenrücken und Platz für die privaten Kollegen machen. Ihnen sage ich regelmäßig: Nur noch zweieinhalb Jahre durchhalten! Dann wird Nummer Vier den Kindergarten verlassen haben und der Papier-Ausstoß aller Voraussicht nach auf ein verträgliches Ausmaß sinken. Das ist das Blöde am Erwachsensein: Aufs Happy End muss man nicht minuten-, sondern unter Umständen jahrelang warten.

FOTO: SZ / Robby Lorenz