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Kolumne
Wo ist Kewel? oder: Kandidaten- und Themensuche in Wahlkampfzeiten

FOTO: SZ / Baltes, Bernhard
In Wahlkampfzeiten ist den Parteisoldaten kaum etwas heilig, zeigt die Diskussion um Bahnhof und AOK. Da bleibt der Nikolaus vorsichtshalber in Deckung – und Merkur-Chefredakteur Michael Klein kann’s nachvollziehen.

Oberste Reihe, neuntes Foto von links beziehungsweise achtes von rechts. Da hängt vis à vis von meinem Schreibtisch Hendrik Hering. Und mit Blick in sein, mein eigenes, aber auch in die Gesichter der um den Tisch sitzenden Redaktionskollegen, die auf dem Bild verewigt sind, muss er schon eine ganze Weile her sein – der Besuch des damaligen rheinland-pfälzischen Wirtschaftsministers in unserer Redaktion. Links an der Wand neben dem Hering-Foto hängt das Foto mit der Sopranistin Deborah Sasson, die uns an einem Samstagmorgen besucht, ihre noble Karosse unter dem Staunen der vormittäglich Einkaufenden unter der Redaktion genau in der Fußgängerzone geparkt hatte. Und unter Hering sind auf einem Foto zwei ehemalige Zweibrücker Oberbürgermeister zu sehen. Der verstorbene Werner von Blon und Jürgen Lambert.

Am 23. September wird dessen, also Lamberts, Nach-Nachfolger gewählt.

Wer es wird – das weiß am heutigen Montag definitiv keiner. Ein Sextett tritt an. Und alle sechs hoffen natürlich, im Idealfall wenigstens schon mal die Stichwahl am 14. Oktober zu erreichen, von der die meisten Beobachter wohl ausgehen. Und so musste ich auch Hering, der inzwischen Präsident des rheinland-pfälzischen Landtages ist, die entsprechende Antwort logischerweise schuldig bleiben, als wir vor ein paar Tagen am Rande des parlamentarischen Abends in Mainz ins Gespräch kamen. Auch in der Landeshauptstadt ist die Ur-Wahl in Zweibrücken ein Thema. Insbesondere die SPD sorgt sich, den Chefposten in der saarländischsten der rheinland-pfälzischen Städte zu verlieren, während die CDU darauf setzt, eben jenen Posten den Sozialdemokraten abzuholen.



Nun sind Prognosen ja allein schon deshalb schwer zu stellen, weil sie in die Zukunft zielen. Was eine Vorhersage im konkreten Zweibrücker Fall umso schwerer macht, ist die stattliche Zahl der unabhängigen Bewerber, deren Chancen schon traditionell nicht ganz so leicht zu bewerten sind. Immerhin nimmt die plakatierte Offensive seit Tagen in der Stadt erkennbar zu. Marold Wosnitza hängt. Christian Gauf hängt. Klaus Peter Schmidt hängt – „bald!“, sagt die AfD. Atilla Eren hängt – sofern Un-Demokraten ihn nicht abgehängt haben. Andreas Wente hängt. Die Wähler nehmen es zufrieden zur Kenntnis: Bis auf Thomas Kewel, den neben mir auch noch kein anderer aus der Redaktion erspäht hat, zeigen alle Kandidaten Gesicht! Kewel wäre vielleicht ein Fall für den verstorbenen Sportreporter Bruno Morawetz, dessen sorgenvolle Frage „Wo ist Behle?“ bei den Olympischen Winterspielen in Lake Placid in die Geschichts- und Hörbücher Einzug hielt. In Zweibrücken würde Morawetz fragen: „Wo ist Kewel?“

Derweil frage ich mich, ob Politik wirklich so laufen muss, wie sie gerade läuft. Hier in Zweibrücken. Und mit Blick auf die großen Parteien. Meinen sehr persönlichen Unmut, was den doch lange Monate so kultivierten Umgang von CDU und SPD augenblicklich angeht, hatte ich ja erst am Samstag in deutlichen Worten bezüglich der unsäglichen Debatte um den Verkauf des Bahnhofsgebäudes formuliert.

Inzwischen haben die Parteien respektive deren Einpeitscher ein weiteres Betätigungsfeld entdeckt – vor allem in den sozialen Medien. Da werden die Granden der CDU nicht müde, ihren Kandidaten Christian Gauf in den höchsten Tönen dafür zu loben, dass uns in Zweibrücken die AOK-Geschäftsstelle erhalten bleibt. Zumindest in homöopathischen Dosen – oder wie sollte man das, was an Service und Öffnungszeiten noch bleibt, anders nennen? Die SPD dagegen haut drauf, entlarvt die so positive Mitteilung als Mogelpackung.

Spätestens da fällt mir wieder ein, dass ich ja eigentlich gar nichts über den Wahlkampf schreiben wollte. Heute an der Stelle. Hatte ich jedenfalls mal gesagt. So im lockeren Plaudern mit den Kollegen. Und garniert mit der Frage, was es denn sonst an bedeutenden Themen gäbe.

Die Gewobau vielleicht? Nein, nicht wegen ihres geplanten Kaufs des Bahnhofsgebäudes sondern eher wegen der Tatsache, dass dort exakt 33 Kandidaten von Zweibrücken und außerhalb der Stadtgrenzen in den Startlöchern stehen, zum 1. Januar des kommenden Jahres den Marxismus zu beenden. Hintergrund: Werner Marx, der auf eigenen Wunsch 2014 als Geschäftsführer einen Schritt zurückgetreten war, scheidet zu Beginn des neuen Jahres aus. Im Oktober vollzieht der derzeitige Gewobau-Chef Rolf Holzmann diesen Schritt ebenfalls und scheidet aus. Das Thema wird uns also noch lange beschäftigen.

Der EU-Kommission wollte ich nicht vorgreifen in Sachen Sommerzeit. Da müssen wir nach dem klaren Votum in Europa erst mal abwarten, welche Zeitrechnung uns demnächst ins Haus steht. Das Aus der Halogenlampen zum 1. September hatte sich ja auch über Jahre angekündigt. Ist also zum Wochenanfang auch nicht mehr ganz so spektakulär. Wir alle wissen ja längst, dass seit Samstag alle Halogen-Leuchtmittel mit einer geringeren Energieeffizienzklasse als B, die rundum Licht abgeben, das heißt einen typischen Glaskolben besitzen und ohne Trafo betrieben werden, verboten sind. Die Techniker unter uns wissen außerdem: Die meisten dieser Lampen, von denen wir zu Hause noch eine Menge im Keller gehortet haben, haben die weit verbreiteten E27- oder E14-Fassungen in Glühlampen-, Tropfen- oder Kerzenform. Diese werden meist für Allgemein- oder Eingangsbeleuchtung verwendet. Auch für die so genannte Stimmungsbeleuchtung taugen diese „Birnen“. Was meine Stimmung aber nicht hebt.

So wenig wie das Wissen darum, dass – so ist aus gut informierten Kreisen in unserer Redaktion zu hören – in dem einen oder anderen Zweibrücker Geschäft schon Nikoläuse angeliefert sein sollen. Wenn die dann in den nächsten Tagen in ihren roten Mänteln bei 20 Grad die Supermarktregale erobern, werden Schwarze und Rote in Zweibrücken wahrscheinlich auch darüber wieder in scheinheiligen Streit geraten, wer den kalorienreichen Heiligen in Zweibrücken eingeführt hat.

Wie immer, wenn gerade Wahlkampf ist…