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Kolumne Moment mal
Wo hängen Sie denn? oder: Profilsuche in Zeiten des OB-Wahlkampfs

FOTO: SZ / Baltes, Bernhard
In knapp vier Wochen wählen die Zweibrücker einen neuen Oberbürgermeister. Wahlkampf- und werbetechnisch ist bis dahin noch viel Luft nach oben, findet Merkur-Chefredakteur Michael Klein. Von Michael Klein

Der Blick auf den Kalender lässt keinen Zweifel aufkommen. Denn der fein säuberlich gegliederte und so vertraut gewordene Jahresweiser, der als papiernes Relikt aus anderen Zeiten irgendwann vermutlich auch mal der Modernität unterlegen sein und den Weg alles Irdischen gehen wird, lügt nicht. Und er sagt, kurz und knapp: Heute in genau vier Wochen wissen wir, wer am 14. Oktober in die Stichwahl um das Amt des Zweibrücker Oberbürgermeisters gehen wird. Am zweiten Sonntag im Oktober werden nur noch zwei Kandidaten auf dem Wahlzettel stehen. Weil vier Bewerber zuvor, am Abend des 23. September, die Segel streichen und ihre Hoffnungen begraben müssen – sobald die letzten Stimmzettel ausgezählt sind. Wage ich zu prophezeihen.

Darum geben bis dahin alle Gas! Alle? Nein, nicht wirklich.

Wer mit offenen Augen durch die Stadt geht (oder fährt), der findet nämlich momentan nur gut die Hälfte der Kandidaten, die sich am Dienstag, 18. September um 19 Uhr bei einer Podiumsdiskussion von „Pfälzischer Merkur und Die Woch“ in der Karlskirche präsentieren werden, wieder. Oder wenigstens ihr Konterfei, das inzwischen ungezählt Laternenpfosten, Brückengeländer und anderes ziert.



Die Bestandsaufnahme zum Wochenanfang: Hatte zu Ferienbeginn der SPD-Mann Marold Wosnitza mit seinen übergroß plakativ dargebotenen „Schöne Ferien“-Wünschen die Nase vorn, hat ihn mittlerweile der amtierende Bürgermeister Christian Gauf mit den uns allen als versierten Wahlbürgern hinlänglich bekannten kleineren Plakaten geschlagen. Und seit ein paar Tagen liegt Gauf, der wegen der bis auf ihn komplett verwaisten Stadtspitze („Christian allein zu Haus!“) kaum noch Wahlkampf im eigentlichen Sinne machen kann, auch großflächig vorn.

Der CDU-Mann, im saloppen Polo-Shirt abgelichtet, wirbt mit dem Slogan „gemeinsan.stark.gestalten“. Manch einer fragt sich allerdings, ob es nicht konsequenter gewesen wäre, neben Gauf auch den CDU-Landtagsabgeordneten Christoph Gensch abzulichten, der zuletzt ja eine Menge politischer Sträuße ausgefochten hat beziehungsweise noch ficht. Der eine gibt den good guy, der andere den bad guy – so, als bekäme ZW mit einem Kreuzchen gleich zwei OB. Vielleicht täuscht der Eindruck aber auch nur, weil Gensch im Begriff ist (oder sein könnte), sich fit zu machen für Auftritte auf einer anderen Bühne …

Doch auch Wosnitza gibt Raum für Spekulationen. Wer seine bislang augenscheinlich wenigen Plakate kreuzt, der stolpert schon mal über das herzige und von der Landespartei marketingtechnisch intensivst begleitete Bekenntnis des fern von Zweibrücken stark verwurzelten Hochschul-Professors: „,Zweibrücken: Wo mein Herz zuhause ist!“. Und doch hat manch einer hinter vorgehaltener Hand Bauchweh, ob Wosnitzas Herz wirklich aus voller Brust für unsere Stadt schlägt.

Wie leicht hat es da doch Atilla Eren. Der setzt einfach auf seinen Namen. Während professionelle Grafiker und Marketingmenschen noch trefflich darüber streiten, ob es klug ist, Wortspiele mit Namen zu machen, macht es der unabhängige Unternehmer einfach. Auf das „h“ verzichtet er, verspricht stattdessen „Erensache statt Parteibuch!“ und „Geht nicht gibt’s nicht!“ Klingt vollmundig und von sich selbst überzeugt. Genauso wie die Tatsache, dass Eren auch schon mal die eine oder andere offizielle E-Mail kraftstrotzend mit der Signatur „Gruß OB Atilla“ versieht. Ansonsten grüßt er fröhlich „Eure Stadt, Euer Eren!“ und scheint sich, gemessen an der Plakatdichte in der Innenstadt, ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Gauf zu liefern.

Von Andreas Wente sieht man derzeit öffentlichkeitswirksam noch nicht viel. Immerhin: Sein erstes Plakat (an einem Zaun fixiert) präsentierte er am Freitagnachmittagstolz in Facebook, übers Wochenende sollten weitere folgen. Und auch Thomas Kewel, der dritte unabhängige Bewerber im Rennen um den Chefsessel im Rathaus, springt bislang kaum einem ins Auge.

Klaus Peter Schmidt? Auch nicht! Wobei der für die AfD antretende Kandidat augenscheinlich die meisten Anlaufprobleme in seiner neuen Rolle hat(te). Mehr als einmal sprach er an unterschiedlichen Stellen mit unterschiedlichen Menschen davon, dass er sich auf die fünfjährige Amtszeit als OB freut. Dabei hatte er ganz offensichtlich aus dem Auge verloren, dass der Nachfolger von Kurt Pirmann natürlich für acht Jahre gewählt wird.

Wobei – das kann schon mal passieren, weil man im föderativen Deutschland selbst bei bester politischer Bildung und Agilität nicht alle Sonderheiten im Kopf haben kann: Wie lange dauert die Amtszeit eines Bürgermeisters? Kann ein Bürgermeister abgewählt werden? Wo liegt die Höchstaltersgrenze? Oder: Sollte es überhaupt eine Höchstaltersgrenze geben? Die Antworten auf diese Fragen, die das Magazin ,,Kommunal“ in Verbindung mit dem deutschen Städte- und Gemeinbund einmal aufgelistet hatte, unterscheiden sich je nach Bundesland. In Rheinland-Pfalz müssen sich – wie erwähnt – die Kandidaten alle acht Jahre zur Wahl stellen. Ein Haus weiter, im Saarland also, ist zehn Jahre Ruhe an der Wahlurne. In Niedersachen hingegen wird bereits alle fünf Jahre neu gewählt. Schutz vor der Abwahl genießen nur die Bürgermeister in Bayern und Baden-Württemberg. In Brandenburg liegt das Höchstalter der Bürgermeisterkandidaten bei 62 Jahren, während es Schleswig-Holstein keine Beschränkung gibt.

Übrigens: Ein ganz besonderes, weil bisweilen bizarres Thema ist dabei die Wählbarkeitsgrenze: 75 Jahre trennen im Augenblick den jüngsten und den ältesten Bürgermeister Deutschlands. Die Geschichten von Marian Schreier (28), Bürgermeister in Tengen (Baden Württemberg), und Josef Rüddel (93), Bürgermeister in Windhagen, (Rheinland-Pfalz), der 2013 mit damals 50 Amtsjahren dienstältester amtierender Bürgermeister in Deutschland war, zeigen, dass das Alter nicht unmittelbar die Wahl eines (Ober)Bürgermeisters beeinflusst. Erst recht nicht bei den ehrenamtlichen Bürgermeistern, die weit übers Rentenalter hinaus regieren dürfen.

Ob es also am Ende dann doch die Plakate machen? Die Antwort geben die Wähler. An den beiden Wahlsonntagen, die Zweibrücken im September/Oktober ins Haus stehen.