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Zeitgeschichte
Wie in der Rosenstadt der Erste Weltkrieg zu Ende ging

Die Leiterin des Zweibrücker Stadtarchivs, Charlotte Glück, mit Fotos vom Einmarsch der Franzosen am 1. Dezember 1918 und der Merkur-Ausgabe vom 2. Dezember 1918, die darüber berichtete.
Die Leiterin des Zweibrücker Stadtarchivs, Charlotte Glück, mit Fotos vom Einmarsch der Franzosen am 1. Dezember 1918 und der Merkur-Ausgabe vom 2. Dezember 1918, die darüber berichtete. FOTO: Klaus Friedrich
Zweibrücken. Vor genau 100 Jahren begann die Besetzung Zweibrückens durch französische Truppen. Besonders deren afrikanische Einheiten sorgten für Aufsehen. Von Klaus Friedrich

Vor 100 Jahren erlebte die Zweibrücker Bevölkerung innerhalb weniger Wochen den Zusammenbruch der bisherigen Ordnung, eine grundlegende Veränderung der Machtverhältnisse und schließlich mit dem Waffenstillstand von Compiègne die Einstellung der Kampfhandlungen zwischen dem Deutschem Reich und den „Entente-Mächten“. Damit einher ging die Besetzung der Stadt durch französische Truppen am 1. Dezember 1918.

Während man noch im September mit Aufrufen wie „Helft uns siegen“ an die Bevölkerung appellierte, mit ihrem Privatvermögen die Fortführung des Krieges zu finanzieren, kündigte sich an der Westfront bereits der unausweichliche militärische Zusammenbruch an. Beschleunigt wurde dieser durch Matrosenmeutereien in Wilhelmshaven und Kiel, die bald auf weitere Hafenstädte und das Binnenland übergriffen. Infolgedessen war es auch am 7. November 1918 in München zu Großdemonstrationen gekommen, wo wiederholt die Rufe „Nieder mit der Dynastie! Hoch die Republik!“ erklangen. Noch in der Nacht zum 8. November konstitutionierte sich ein provisorischer Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat unter Vorsitz Kurt Eisners, der nicht lange zögerte: Er verkündete, dass König Ludwig III. – er war ein Spross der Wittelsbacher-Linie Pfalz-Zweibrücken-Birkenfeld – abgesetzt und dass Bayern fortan ein Freistaat sei. Dies wiederum führte vor Ort umgehend zur Bildung des „Arbeiter-, Soldaten- und Bürgerrates Zweibrücken und Umgebung“, wozu der Pfälzische Merkur am 10. November 1918 – seit diesem Tag an für einige Wochen auch dessen amtliches Organ – auf seiner Titelseite einen Aufruf veröffentlichte, der mit den Worten begann: „Arbeiter! Soldaten! Bürger! Eine neue Zeit ist angebrochen, die alte Regierung hat abgewirtschaftet.“

„Eine Revolution wie in München oder Berlin hat es bei uns aber auf keinen Fall gegeben“, beurteilt Charlotte Glück, die Leiterin des Zweibrücker Stadtarchivs, die Umwälzungen des Novembers 1918 in Stadt und Bezirksamt. Dabei ist es für sie interessant zu beobachten, wie die Ereignisse in den Hauptstädten, die als „große Geschichte“ wahrgenommen werden, sich vor Ort oft ganz anders gestalteten.



Als der Merkur diesen Aufruf publizierte, war in Berlin bereits die „Deutsche Republik“ ausgerufen worden und hatte sich Kaiser Wilhelm II. schon am nächsten Tag ins holländische Exil geflüchtet. Am 11. November wurde dann zwischen dem Deutschen Reich und seinen Gegnern Frankreich und Großbritannien der „Waffenstillstand von Compiègne“ geschlossen, mit dem die Kampfhandlungen – zumindest offiziell – eingestellt wurden. Für Zweibrücken hatten die darin festgelegten Bedingungen fundamentale Auswirkungen: So hieß es im Artikel „Die Räumung auf beiden Rheinufern“ unter anderem, bis 1. Dezember mittags „muss geräumt sein … das Gebiet westlich des Rheins … etwa bis zur Linie … Neuborn-Langenbach-Gries-Landstuhl-Kaiserslautern-Neustadt und Speyer-Rhein bis zu Schweizer Grenze“. Infolgedessen durchzogen rasch zurückgehende deutsche Truppen Zweibrücken, das am 22. November 1918 auch vom bis dahin hier stationierten Königlich Bayerischen 22. Infanterie-Regiment „Fürst Wilhelm von Hohenzollern“ geräumt wurde.

Wie nahmen die Zweibrücker das auf? „Ich glaube, dass die Menschen erleichtert waren, dass der Krieg endlich zu Ende ging, und aufgrund der allgemeinen Notlage vor allem mit sich selbst beschäftigt gewesen zu sein scheinen.“, beschreibt Charlotte Glück die allgemeine Stimmungslage bei Bekanntwerden dieser Umwälzungen und der sich ankündigenden Besetzung durch die Franzosen. Diese erfolgte schließlich am Sonntag, 1. Dezember 1918, worüber der Merkur am nächsten Morgen berichtete: „Die Besetzung Zweibrückens durch feindliche Truppen ist gestern Vormittag ohne Zwischenfalls vollzogen worden. Kurz nach 9 Uhr in der Frühe fuhren Kraftwagen mit Offizieren, die über Art und Umfang der Besetzung mit dem Bürgermeister verhandelten, am Rathaus vor“. Es folgten Kavallerie – darunter „Braune Reiterabteilungen … aus Madagaskar“, Bagagewagen und Infanterieeinheiten, „auf der Ixheimer- und Hauptstraße auf dem Marsch in die Umgebungen“.

„Vor der Alexanderskirche“, so der Merkur-Bericht weiter, „nahm der Oberbefehlshaber, umgeben von einem Scheich und einer Kavalkade algerischer Spahis Aufstellung, worauf die Truppen, während die Regimentsmusik neben den Kandelaber am Marktplatz einschwenkte, im Vorbeimarsch defilierten … Ein mehrhundertköpfiges Publikum verfolgte das militärische Schauspiel, das ans Herz jedes deutschdenkenden Menschen rührte.“

Mit diesem letzten Satz war zum einen der Einmarsch der französischen Truppen an sich, aber auch die als Demütigung empfundene Besetzung durch afrikanische Einheiten („Der größte Teil der Truppen gehört zu einer marokkanischen Division.“) gemeint. „Soldaten war man ja gewohnt“, so Charlotte Glück, „was offenbar auffiel, waren aber die Kolonialtruppen“.

Für die zu diesem Zeitpunkt noch zum Freistaat Bayern gehörende Stadt Zweibrücken brachte die – übrigens bis 1930 andauernde – Besetzung massive Einschränkungen mit sich, sowohl was die Versammlungs- und Meinungsfreiheit anbelangte als auch den Verkehr innerhalb der Pfalz sowie zwischen ihr und dem rechtsrheinischen Teilen Deutschlands, der schließlich völlig gesperrt wurde. Dem Zweibrücker Bezirksamt wurde ein Kontrolloffizier zugewiesen, und – diese Verordnung betraf auch den Pfälzischen Merkur – die Presse der Zensur durch die Besatzungsmacht unterstellt. In diese unerfreuliche Situation mischte sich die Sorge um das tägliche Überleben, die noch immer in Gefangenschaft befindlichen Angehörigen und die unsichere politische Zukunft der Pfalz und Deutschlands, das sich de facto nach wie vor im Krieg befand, da der Friedensvertrag von Versailles erst im Juni 1919 geschlossen wurde.

„Die Zweibrücker Bevölkerung konnte zum Ende des Jahres 1918 noch nicht absehen, was sich aus all dem Monate und Jahre später alles entwickeln sollte“, so Charlotte Glück, die meint, dass hier die Saat für jene Tendenzen gelegt wurde, die später zum Nationalsozialismus und zum Zweiten Weltkrieg führten.