| 21:49 Uhr

Tourismus
Was ist den Zweibrückern ihr Urlaub wert?

Sommer, Sonne, Palmen – davon dürften zurzeit auch viele Zweibrücker träumen. Einer Studie zufolge knausern sie allerdings beim Thema Tourismus im Bundesvergleich.
Sommer, Sonne, Palmen – davon dürften zurzeit auch viele Zweibrücker träumen. Einer Studie zufolge knausern sie allerdings beim Thema Tourismus im Bundesvergleich. FOTO: Thomas Cook / dpa-tmn
ZWEIBRÜCKEN. Gibt man in der Rosenstadt weniger fürs Reisen aus als im Umland? Das sagt das Pestel-Institut, doch Skepsis tut Not. Von Mirko Reuther

Sind die Zweibrücker etwa Reisemuffel? Eine Studie des Pestel-Instituts in Hannover erweckt zumindest diesen Eindruck. Im Auftrag der Initiative „Auf Zukunft gebucht“ des Bundesverbandes der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW) hat das Institut die touristischen Pro-Kopf-Ausgaben in ganz Deutschland, darunter auch die von 33 rheinland-pfälzischen Städten und Landkreisen untersucht. Das erstaunliche Ergebnis: 2800 Euro gibt jeder Zweibrücker im Schnitt jährlich für „touristische Zwecke“ aus. Das hieße, der Urlaub einer vierköpfigen Zweibrücker Familie würde jährlich mit über 11 000 Euro zu Buche schlagen.

Laut der Studie rangiert die Rosenstadt damit in Rheinland-Pfalz sogar am unteren Ende der Skala. Nur die Menschen in Kaiserslautern (2500 Euro) und Pirmasens (2700 Euro) geben weniger für Tourismus aus. Durchschnitt seien hierzulande Ausgaben von 3200 Euro (Spitzenreiter: Bayern mit 3500 Euro). Achim Lehnen, Inhaber des Tui-Reisecenters in Zweibrücken, überraschen die Zahlen. Insbesondere die Gesamtsumme von 13 Milliarden Euro, die die Rheinland-Pfälzer angeblich jedes Jahr in den Tourismus stecken, betrachtet Lehnen mit Skepsis: „Das wäre eine ganz schöne Hausnummer. Ich kann mir nur vorstellen, dass da auch Pensionsaufenthalte oder Geschäftsreisen miteinbegriffen sind“, vermutet Lehnen. Auch Gereon Haumann, den Präsidenten des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) Rheinland-Pfalz, macht das Ergebnis stutzig: „Mir liegt eine niedrigere Zahl vor. Nämlich 7,6 Milliarden Euro“, sagt Haumann. Woher kommt die Differenz von 5,4 Milliarden Euro?

Diplom-Ökonom Matthias Günther ist der Leiter des Pestel-Instituts. Er sagt: „Es ist verständlich, dass die Zahlen im ersten Moment irritieren. Aber der standardisierte internationale Tourismusbegriff ist sehr breit gefasst.“ Günther ergänzt: „Im Grunde fällt jede Entfernung vom Wohnort, die nicht der Arbeit oder dem Einkauf von Lebensmitteln dient, unter Tourismus. Das fängt schon dann an, wenn man sich mit Freunden in der Pizzeria im Nachbardorf trifft. Oder wenn man in der nächsten Stadt Kleidung kauft. Shoppingtourismus eben.“ Ausgaben für Tourismus umfassen für Günther folglich nicht nur Strandurlaub, Sightseeing und Städtetrips. Auch der Cocktail an der Strandbar oder das Eis auf der Piazza werden berücksichtigt. Außerdem: Mindestlohnempfänger, deren Anteil an der Gesamtbevölkerung in Deutschland stark variiert (1,5 – 21,8 Prozent) wurden nicht berücksichtigt. „Unser Ziel war es, herauszufinden, was der Urlaub den Menschen in den Regionen wert ist. Dass jemand nicht in Urlaub fahren kann, weil er von Hartz IV leben muss, sagt über diese Frage nichts aus“, erklärt Günther. Für Gereon Haumann zeigt die Pestel-Studie vor allem eines: „Die große Differenz zwischen den 13 Milliarden in der Studie und unseren eigenen Zahlen ergibt sich aus der Leistungskette, die der Tourismus mit sich bringt. Das zeigt, wie wichtig Tourismus als Wirtschaftsfaktor ist. Das ist in vielen Köpfen leider noch nicht angekommen. Wenn bei Opel Menschen entlassen werden, gibt es Proteste. Aber wenn die nächste kleine Kneipe schließen muss, fällt das kaum jemandem auf.“



Doch auch wenn das Rätsel um die hohen Zahlen gelüftet ist – ist den Zweibrückern der Urlaub tatsächlich weniger Wert als den Menschen anderswo? Lehnen kann das zumindest aus eigener Erfahrung nicht bestätigen: „Wir haben zwar registriert, dass die Ausgaben für Tourismus in der Universitätsstadt Homburg in der Vergangenheit ein wenig höher waren als in der Arbeiterstadt Zweibrücken. Dass die Menschen hier grundsätzlich weniger Lust auf Urlaub haben als im Umland, kann ich aber nicht bestätigen. Im Gegenteil: Die Ausgaben steigen.“

Glaubhafter erscheint Lehnen hingegen, dass die jährlichen Ausgaben im Landkreis Mainz-Bingen mit 4100 Euro im Rheinland-Pfalz-Vergleich besonders hoch sind. „Landeshauptstadt und Umgebung sind eine eigene Geschichte. Das kann man im kleineren Maßstab mit München vergleichen. Die Lebenserhaltungskosten sind dort hoch – aber die Menschen haben in der Regel eine Menge Kaufkraft.“ Günther bestätigt: Je höher das Einkommen, desto höher fällt der ‚demonstrative Konsum’ aus. Darunter fallen Urlaub und Kleider – alles was andere Menschen sehen können.“

Und selbst wenn den Zweibrückern der Urlaub nicht ganz so teuer ist wie anderen Rheinland-Pfälzern: Bundesweit bedeuten 2800 Euro pro Kopf und Jahr laut Studie Durchschnitt. In Zweibrücken steht Tourismus demnach deutlich höher im Kurs als in Thüringen, Sachsen (beide 2400 Euro) oder in Mecklenburg-Vorpommern (2300 Euro).