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Die „Wilden Weiber aus der Pfalz“
Wenn „wilde Weiber“ zu Wort kommen

 Susanne Lilischkis faszinierte mit ihrem Multi-Mediavortrag über die „Wilden Weiber aus der Pfalz“ im Herzogsaal. Im Hintergrund zu sehen ist Gertrud Zimmermann („Struppi“) aus Speyer, die sich in den USA einen Namen als Artistin, Raubtierdompteurin und Zirkusdirektorin machte.
Susanne Lilischkis faszinierte mit ihrem Multi-Mediavortrag über die „Wilden Weiber aus der Pfalz“ im Herzogsaal. Im Hintergrund zu sehen ist Gertrud Zimmermann („Struppi“) aus Speyer, die sich in den USA einen Namen als Artistin, Raubtierdompteurin und Zirkusdirektorin machte. FOTO: Cordula von Waldow
Zweibrücken. Auf Einladung der Stadtbücher Zweibrücken holte Susanne Lilischkis mit ihrem Vortrag „Die wilden Weiber aus der Pfalz“ vielen unbekannte Schicksale vier bedeutender Frauen ans Tageslicht. Sie begeisterte ihr Publikum sowohl inhaltlich, als auch mit der Lebendigkeit ihres einzigartigen Multi-Mediavortrags – technisch meisterlich inszeniert von Ehemann Rainer Lilischkis. Von Cordula von Waldow

Eine gewisse Spannung liegt über dem mit weit über 60 Besuchern voll besetzten Herzogsaal. Ein Multimedia-Vortrag über die „Wilden Weiber aus der Pfalz“ und auf der großen Leinwand eingeblendet, das Bild einer Tierdompteurin im Zirkus. Was uns da wohl erwartet? Um es gleich vorwegzunehmen: So einen vielfältig gestalteten, damit farbigen und trotz der umfangreichen Informationen kurzweiligen Vortrag wie den von Susanne Lilischkis hatten die meisten Besucher noch nicht erlebt.

Eine Recherche der 100 bekanntesten Pfälzer ließ die Lehrbeauftragte für experimentelle Fotografie, die unter anderem als freie Mitarbeiterin für den Pfälzischen Merkur schreibt, aufhorchen. Wo sind die Frauen? Statt über die Männergesellschaft und die Benachteiligung der Frauen zu klagen, machte sie sich auf die Suche. Das Ergebnis ihrer umfangreichen und tiefgründigen Recherchen machte sie ihrem Publikum wortgewandt und bildreich, unter anderem in fingierten Telefon-Interviews, erlebbar.

Die Frau, die bereits 200 Jahre vor Alice Schwarzer die erste Frauenzeitschrift in Deutschland herausgab, stammte aus der Pfalz: Sophie Laroche (1730 bis 1807). „Hinter ihrem unscheinbaren Aussehen verbarg sich ein scharfer Verstand“, kommentierte Susanne Lilischkis das „brave“ Abbild der angesehenen Schriftstellerin, deren Vater größten Wert auf ihre vielfältige Bildung gelegt hatte. Eine Vernunftheirat ebnete ihr den Weg in die High Society.



Erschien ihr erster Roman „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ zunächst noch unter dem Namen ihres Vetters, da Frauen Ende des 18. Jahrhunderts keine eigenen Werke veröffentlichen durften, änderte sich das. Als Witwe verdiente sie als erste offizielle Schriftstellerin ihren Lebensunterhalt. „Ich habe jetzt die Freiheit, nach meinem Charakter zu leben“, berichtete sie von ihren Reisen und Expeditionen, unter anderem auf den Montblant-Gletscher, den sie 50-jährig besuchte.

Als erste Frau veröffentlichte sie mit „Pomona“ eine Frauenzeitschrift, in der es aus weiblicher Sicht um Bildung und Erziehung, Gesundheit und Kunst statt um Schönheit und Mode ging. „Die russische Zarin Katharina die Große kaufte gleich 500 Abonnements und verteilte sie an ihrem Hof“, berichtet Sophie Laroche im Telefon-Interview stolz.

Juliane Blasius (1781-1851) wurde als Räuberbraut des Schinderhannes bekannt. Drei Jahre tingelte und lebte die Bänkelsängerin und Geigerin mit ihm, gebar sein Kind. In Männerkleidung beteiligte sie sich bis zu dessen Hinrichtung an zum Teil brutalen Überfällen. Später erzählte die spätere Ehefrau des Ortspolizeidieners in Weierbach Neugierigen bei einem Schnaps von der „schönsten Zeit ihres Lebens“.

„Widerstand am Küchentisch“ leistete in der Zeit des Nationalsozialismus Elisabeth Groß (1899-1944). Engagiert bei der Internationalen Arbeiterhilfe IA, einer karitativen Unterorganisation der Kommunistischen Partei (KPD), bereiste sie Moskau und Leningrad, was ihr später unter anderem zum Vergängnis wurde. Sie schlug dem herrschenden System im Zweiten Weltkrieg manches Schnippchen – immer zum Wohle ihrer Familie. Vertrauensselig outete sie sich bei einem Freund ihres Sohnes, ohne zu wissen, dass dieser mit der Tochter eines bedeutenden Nazis verheiratet war. Er denunzierte sie und brachte sie damit in Gefangenschaft und aufs Schafott.

Gertrud Zimmermann aus Speyer, genannt „Struppi“, beeindruckte in der Nachkriesgszeit als „eine Frau unter Tigern“. Emigriert in die USA, trat sie zunächst am Trapez auf. Alte Filmsequenzen bezeugten ihren Zirkusauftritt später als Tajana mit ihrer Raubtierdressur. Mit 83 Jahren starb sie als spätere Zirkusbetreiberin 2014 in den USA.

„Ich freue mich, wenn ich Sie dazu inspirieren konnte, in Zukunft mal die Dinge ein bisschen anders zu machen!“, schloss Susanne Lilischkis. Sowohl die berührenden Schicksale der Frauen als auch die Art ihres Vortrags kamen bei den Gästen, darunter nicht wenige Männer, sehr gut an.

Anna Becker war besonders fasziniert von der „besonderen Art des Vortrags, so anschaulich und lebendig“. Besonders bewegend fand sie, wie Sophie Laroche trotz aller Restriktionen unbeirrt ihren Weg gegangen ist.

Norbert Pohlmann ist voller Respekt für den enormen Aufwand und die „harte Arbeit“. „Es hat wirklich Spaß gemacht. Die Frauen haben alle Bemerkenswertes geleistet,“ sagte er anerkennend.