| 00:53 Uhr

Bibliotheca Bipontina
Von Knossos in die Welt: Spannender Vortrag über Labyrinthe

Gerhard Kaiser bei seinem Vortrag in der Bibliotheca Bipontina.
Gerhard Kaiser bei seinem Vortrag in der Bibliotheca Bipontina. FOTO: Margarete Lehmann
Zweibrücken. Gerhard Kaiser referierte mal wieder spannend in der Bibliotheca Bipontina, es ging um Labyrinthe, die er in knapp 90 Minuten gänzlich entwirrte. Er brauchte dazu keinen Ariadnefaden wie einstmals Theseus, als er ins Labyrinth auf Kreta stieg, um den Minotaurus zu besiegen, wie Homer berichtet – ein Mythos natürlich. Von Peter Fromann

Doch so beginnt die Geschichte der Labyrinthe an diesem Abend – und überhaupt.

Gerhard Kaiser ist der richtige Mann für dieses Thema, denn er studierte einst Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte, sein Ariadnefaden durch die Geschichte gewissermaßen. Der Vortrag konzentrierte sich auf die möglichen Bedeutungen und Verwendungszwecke der Kirchenlabyrinthe des Hohen Mittelalters in den Kathedralen Nordfrankreichs, insbesondere in der Kathedrale von Chartres, soweit die historischen Quellen es hergeben. „Als Weg der (Selbst-)Erkenntnis, wie er schon von Platon beschrieben wird, sollte das Labyrinth auch dem modernen Menschen verständlich sein“, betont Kaiser. Auf die Zahlensymbolik in den Labyrinthen soll hier nicht weiter eingegangen werden. Bis zu Renaissance war ein Labyrinth meist eine kreisförmige geometrische Figur als maximal langer, geschlungener, aber kreuzungsfreier Weg zwischen Begrenzungslinien. Vertikal und horizontal verläuft eine Gerade durch den Mittelpunkt, eine Kreuzform, die den Kreis in vier Quadranten teilt. Der Weg des Menschen führt vom ersten zum vierten Quadranten, durch Richtungswechsel, Perspektivwechsel, Spiegelung hin zum Mittelpunkt, zu Glück, Seligkeit, Erkenntnis, Gott, Auferstehung oder gar bis hin zur endgültigen Erleuchtung, wenn man so will. Doch viele andere Deutungen sind möglich. Das Chartres-Labyrinth ist im Mittelschiff im Boden installiert und zu begehen, in elf Umläufen mit 28 Richtungswechseln.

Jeder Besucher erhielt ein Blatt Papier mit der Kopie des Chartres-Labyrinths und einen Zahnstocher, mit dem er jetzt den labyrinthischen Weg „abgehen“ konnte. Geduld war hier gefragt. „Wie auch der wirkliche Weg des Lebens, der Weg zur Erkenntnis, eine beinahe unendliche Geduld verlangt. Auf dem Fußboden der Bipontina markierte ein roter Faden ein Labyrinth, das erschwerend durch Vitrinen und Bücherregale verstellt war. Nur wer sie leergelesen hat, gelangt in den vierten Quadranten des Glücks. Die Geschichte der Labyrinthe ist noch nicht zu Ende geschrieben. Esoterischen, feministischen und christlichen Gruppen dient es heute als Projektionsfläche ihrer Vorstellungen. Und Meditation geht immer.