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Geringe Streitzahlen in Zweibrücken
Von der Zoff-Hochburg weit entfernt

Die Rechtsschutzversicherung Advocard hat bundesweit 1,7 Millionen Streitfälle von 2002 bis 2016 ausgewertet.
Die Rechtsschutzversicherung Advocard hat bundesweit 1,7 Millionen Streitfälle von 2002 bis 2016 ausgewertet. FOTO: Karl-Josef Hildenbrand / picture alliance / dpa
Zweibrücken/Saarbrücken. Der Advocard-„Streitatlas“ sieht Zweibrücken bei den Zwistigkeiten im unteren Bereich, doch die Tendenz steigt. In der Südwestpfalz sieht es noch harmonischer aus. In den größeren Städten der Region geht es krawalliger zu. Von Eric Kolling und Oliver Schwambach

Wer Streit sucht, ist in Berlin genau richtig. Nirgendwo sonst in Deutschland kriegen sich Leute wegen Privatem oder Ärger im Straßenverkehr häufiger in die Haare. Auch bei Stress mit dem Chef und dem Vermieter droht der Berliner gern mal mit dem Anwalt: Schadet ja nischt, wa? Auf stolze 31,2 Streitfälle pro 100 Einwohner im Jahr kommt man in der Bundeshauptstadt. In NRW, Rang zwei im Ländervergleich, sind es immer noch 28,8 Fälle. Das hat die Rechtsschutzversicherung Advocard jetzt herausgefunden, nachdem sie bundesweit 1,7 Millionen Streitfälle von 2002 bis 2016 ausgewertet hat. In Zweibrücken geht es ein gutes Stück harmonischer zu. 24,9 Streitfälle pro 100 Einwohner sind hier der Richtwert. Aber auch in der Rosenstadt werden immer öfter Juristen bemüht, sagt die Rechtsschutzstatistik: 2014 waren es noch 21,9 Streitfälle.

Rheinland-Pfalz und das Saarland sortierten sich insgesamt auf einem Mittelplatz ein. Rang sieben und zehn unter den Bundesländern: mit 25,7 beziehungsweise 25,5 Streitfällen auf 100 Einwohner pro Jahr.

Generell gilt: Die Streitlust wächst und wächst. In die Statistik fließt alles ein, vom Zoff mit dem Nachbarn, der noch via Moderation beigelegt werden kann bis hin zur gerichtlichen Auseinandersetzung über mehrere Instanzen. „Es wird immer mehr gestritten, auch wegen eher geringer Streitwerte“, sagt Advocard-Vorstandssprecher Peter Stahl (Die liegen in Zweibrücken bei drei Vierteln der Fälle bei unter 2000 Euro). Was er auch darauf zurückführt, dass die Zahl der Gesetze in Deutschland steige. Er beobachte eine „Verrechtlichung der Gesellschaft“. Gut fürs Geschäft eines Rechtsschutzanbieters.



Bei juristischen Auseinandersetzungen ergibt sich ein klares Stadt-Land-Gefälle. In Ballungsräumen steigen offenkundig mit der Zahl der Menschen auch die Gelegenheiten die Klingen zu kreuzen. Da macht unsere Region keine Ausnahme. In der Südwestpfalz herrscht mit 22,7 Streitfällen pro 100 Einwohnern fast Harmonie pur, Pirmasens bringt es schon auf 25,3. Im Saarland rangieren Saarbrücken und sein Regionalverband (26,5 Fälle pro 100 Einwohner) etwa deutlich vor dem Kreis St. Wendel (22,9). Während in Birkenfeld (20,4 Fälle) und Kusel (20,1 Fälle) das Leben noch harmonischer verläuft, ist man in Kaiserslautern (27,3) und Mainz (27,2) erkennbar mehr auf Krawall gebürstet.

Wenn Zweibrücker den Rechtsanwalt bemühen, dann meist wegen privatem Zwist. Der Zoff übern Gartenzaun zählt dazu, aber auch familiäre Differenzen: mit 38 Prozent der Löwenanteil aller Fälle. Ansonsten haben Arbeitnehmer (14,8 Prozent) ebenso öfters Ärger wie Autofahrer (26,1 Prozent). Doch auch Mieter und Vermieter (12,7 Prozent) finden Anlässe sich zu kabbeln, ob nun die Heizkostenabrechnung zu hoch schien oder der Wasserhahn tropft.

Das Bild von den Streithähnen kommt übrigens nicht von ungefähr. Denn meist machen Männer Stunk. 68,7 Prozent der Streitfälle in Zweibrücken gehen etwa auf ihr Konto. Doch auch der Anteil der jüngeren Streithansel steigt. Vorwiegend streiten zwar Menschen zwischen 46 und 55, wenn die Midlife-Crisis zuschlägt (bundesweit 28,4 Prozent der Fälle), die Unter-36-Jährigen haben aber seit 2002 mächtig aufgeholt: Damals waren es 3,1 Prozent, 2016 aber schon 23,7 Prozent. Fast acht Mal mehr. Es sei eine Generation, die „anspruchsvoll und zukunftsorientiert“ sei, erklärt man sich das bei Advocard: „Und diese Generation fordert ihre Ansprüche selbstbewusst ein.“ Dabei werden die Deutschen statistisch immer streitlustiger: Laut Streitatlas 2017 dauern knapp 43,7 Prozent der Streitfälle länger als ein Jahr, in Zweibrücken sogar 46,8 Prozent.

Wer in Frieden leben möchte, muss wohl nach Bayern auswandern. Mit 21,3 Streitfällen pro 100 Bajuwaren ist es das mit Abstand ruhigste Bundesland. Und im Landkreis Freyung-Grafenau gar, rund 30 Kilometer nördlich von Passau, muss man als Anwalt wohl verarmen. Bloß 14,2 Streitfälle. Glückliches Bayern.