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Uwe Timm: Ikarien
Vom Ende einer Utopie als Wurzel des Holocausts

Ikarien von Uwe Timm
Ikarien von Uwe Timm FOTO: Randomhouse
Zweibrücken. Uwe Timm zeichnet in seinem Hörbuch „Ikarien“ das Leben des Eugenikers Alfred Ploetz nach, auf den die Nazi-Überlegungen zur sogenannten „Rassenhygiene“ und dem damit verbundenen millionenfachen Mord zurückgehen. Von Eric Kolling

Was tut ein Schriftsteller, wenn in der Familie eine der umstrittensten Figuren der Nazi-Zeit auftaucht? Klar, er schreibt ein Buch darüber. So wie es Uwe Timm getan hat. Der rote Faden seines im Nachkriegsdeutschland spielenden „Ikarien“ ist die Geschichte von Alfred Ploetz, dem Ex-Kommunisten und Mediziner, auf den die Überlegungen zur „Rassenhygiene“ im NS-Reich zurückgehen, die die Grundlage für Konzentrationslager und generalstabsmäßig geplanter Massenvernichtung bildeten. Timm ist mit Ploetz Enkelin Dagmar liiert, einer Übersetzerin.

Ein fiktiver Freund von Ploetz erzählt in Gesprächen mit einem amerikanischen Soldaten, der Deutschland gegen Kriegsende im April 1945 für den US-Geheimdienst Hintergründe zu den Nazi-Gräueln für die anstehenden Gerichtsverhandlungen sammeln soll, wie dieser schon Jahrzehnte vor dem Dritten Reich und Hitlers Aufstieg Gedanken über natürliche Auslese, Degeneration durch Alkoholkonsum und Züchtung von „besseren“ Lebewesen nachhing. Qualvollen Experimenten mit tausenden Kaninchen inbegriffen.

In dem Zusammenhang eine wichtige Rolle spielt das titelgebende „Ikarien“, eine auf dem Buch „Voyage en Icarie“ von Étienne Cabet zurückgehende Form des gesellschaftlichen Zusammenlebens, das eine Gruppe Auswanderer um eben Cabet ab 1848 in Iowa in Amerika praktizierte. Eine Kommune in der Gleichheit und Brüderlichkeit gelten, jeder handwerklich aktiv ist und es keinen Privatbesitz gibt. Was wie ein Paradies klingt, steckt doch voller Probleme, wie Ploetz 1884 bei einem Besuch feststellte: ein Aufstand der Frauen wegen mangelnder Mitbestimmungsrechte etwa, später das Scheitern dieser Utopie. Ploetz‘ Lehre aus „Ikarien“: Eine biologische Revolution ist nötig. Mit dem bekannten, grausamen Ergebnis.



14 Tage umfasst „Ikarien“ und besteht strukturell weitgehend aus den Gesprächen zwischen Soldat Michael Hansen, der mit seiner Familie in jungen Jahren ausgewandert war, und dem Dissidenten Kurt Wagner, der in den Episoden mit dem Ploetz dessen Lebensgeschichte und Gesinnungsentwicklung ausbreitet. Dazwischen beschreibt Timm immer wieder Hansens Wahrnehmung und Erlebnisse im Nachkriegsdeutschland und mit der eigenen Administration im so gut wie besiegten Land. Es geht um Frauengeschichten, das Fraternisierungsverbot und eben die Schuldfrage, die vor allem seine Geliebte Molly mit ihm diskutiert. Was haben die Deutschen gewusst, wann hätten sie einschreiten müssen, waren es nur einzelne, wie konnte man das Massenmorden zulassen? Und sind die Amerikaner weniger verbrecherisch, warfen sie doch gleich zwei Atombomben über Japan ab?

All das bringt Timm unterschwellig, feinfühlig und sprachlich derart filigran herüber, dass man in einen lange anhaltenden Nachdenkprozess einsteigt, sich nicht etwa belehrt fühlt. Hier soll sich der Leser selbst sein Urteil bilden.

Die Schilderungen des (Nach-)Kriegsdeutschlands gestaltet er dabei intensiv und authentisch, wenngleich auch die Zeiten bis ins Jahrhundert davor – mitsamt ihren Strömungen, Ideologien, Ereignissen – ausgiebig und transparent beleuchtet werden. Einziger Nachteil bei der Hörbuchfassung: Das von Ulrich Noethen, dem Träger des Deutschen Hörbuchpreises 2017, zurückhaltend und eher bedächtig vorgetragene Werk ist so anspruchsvoll, dass man beim Nebenbeihören zwar dem roten Faden folgen kann, aber so viele Details verpasst, dass das Werk in seiner ganzen Opulenz ein wenig zu verrauschen droht. Ein zweiter Hördurchgang tut not.

Uwe Timm: Ikarien, Randomhouse
Audio/Bayern, 29,99 Euro,
Laufzeit: 13 Stunden und 36 Minuten,
ISBN: 978-3-8371-4001-9