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Bundestagswahl in Zweibrücken
Viel Entsetzen über Zweibrücker AfD-Erfolg

Zweibrücken. Die große Koalition ist wohl Geschichte – aber eines vereinte gestern Abend die beiden Wahlpartys von SPD und CDU in Zweibrücken: lange Gesichter.

Die große Koalition ist wohl Geschichte – aber eines vereinte gestern Abend die beiden Wahlpartys von SPD und CDU in Zweibrücken: lange Gesichter.

„Die Stimmung ist ziemlich niedergeschlagen“, berichtete SPD-Orts­vereins- und Fraktionschef Stéphane Moulin. Denn obwohl die SPD in der Koalition „viele Dinge durchgesetzt und gut gemacht hat“, habe man das schlechteste Wahlergebnis der Nachkriegsgeschichte. Auch dass die CDU sogar noch massiver verloren habe, zeigt für Moulin, dass es keinen Wählerauftrag für eine weitere große Koalition gibt. Dass die AfD in Zweibrücken mit 14,5 Prozent trotz geringer Präsenz noch besser als bundesweit abschnitt, sei „entsetzlich“.

Mit Leichenbittermiene hatte der Zweibrücker CDU-Vorsitzende Christian Gauf (als einziger Kommunalpolitiker) im Rathaus die 18-Uhr-Prognose und den Absturz der CDU verfolgt. Schockiert sei man über das gute AfD-Ergebnis. „Die AfD hat uns viele Wähler genommen.“ Das habe sich im Wahlkampf in Zweibrücken schon abgezeichnet: „Wir haben an den Infoständen mit vielen Protestwählern gesprochen“, denen die Erfolge der CDU, einschließlich zuletzt der Sicherung der EU-Außengrenzen, nicht zu vermitteln gewesen seien. Die Wiederwahl der Wahlkreis-Abgeordneten Anita Schäfer (CDU) mit 8,1 Prozentpunkten Vorsprung auf Angelika Glöckner (SPD) sei „ein toller Erfolg“, so Gauf.



Das vor allem für Westdeutschland deutlich überdurchschnittliche AfD-Ergebnis in Zweibrücken kommentiert die Vorsitzende Doris Will mit „toll, das ist was zum Feiern“. Als Ursache vermutet sie, „dass es sehr viele Russlanddeutsche in Zweibrücken gibt, ich schätze von denen haben uns 80 Prozent gewählt; außerdem hatten wir viel Zulauf von Migranten, die schon 20, 30 Jahre hier leben“.

Linken-Vorsitzender Gerhard Burkei konnte sich nicht recht darüber freuen, dass die Linken in Zweibrücken mit 9,3 Prozent weit über dem westdeutschen Schnitt landeten: „Mich macht richtig zornig, dass zum ersten Mal seit Kriegsende wieder Nazis im Reichstag sitzen!“ „Fassungslos“ sei er, dass auch viele Ex-Linken-Wähler nun ihr Kreuz bei der AfD gemacht hätten.

Auch die Vertreter von FDP, Grünen und FWG entsetzten sich über den AfD-Stimmenanteil.

Für die FDP-Vorsitzende Erika Watson ist „die hohe Wahlbeteiligung“ das erfreulichste Wahlergebnis. Zudem hätten die Wähler die Neuaufstellung der FDP honoriert. Dies wolle sie nicht durch eine Regierungsbeteiligung um jeden Preis gefährden: „Das Ergebnis der Koalitionsverhandlungen wird zeigen, ob wir unsere Sachthemen wie Einwanderungsgesetz und Digitalisierung umsetzen können – oder wir in die Opposition gehen.“

Deshalb sagt auch die Zweibrücker Grünen-Chefin Carola Schmidt-Sternheimer „nicht Hurra zu einer Jamaika-Koalition“. Angesichts der „gravierenden Unterschiede zwischen Grünen, FDP und CSU“ müsse man das Verhandlungsergebnis abwarten. Wegen des AfD-Erfolgs „müssen alle Parteien schauen, was die Wähler bewegt hat, und sich mit diesen Themen in den nächsten vier Jahren beschäftigen“.

FWG-Ratsfraktionschef Kurt Dettweiler erwartet eine Jamaika-Koalition. „Wichtig ist mir, dass es keine Minderheitsregierung gibt.“