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Buchkritik
Ursula März’ Hommage an die Zweibrücker Tante Martl

Zweibrücken. Man könnte fast meinen, dieses Buch habe so sehr als Erstes aus ihr rausgemusst, dass sie vorher kein anderes schreiben konnte. Denn Autorin Ursula März hat vor „Tante Martl“ viel geschrieben, Literaturkritiken, Porträts von Schriftstellern - nur eben kein eigenes Buch. Von Sebastian Dingler

Der Stoff von „Tante Martl“ konnte aber aus Pietätsgründen unmöglich zu Lebzeiten der Protagonistinnen erscheinen. Es handelt sich ja schließlich hauptsächlich um März’ Patentante und deren Schwestern Bärbl und Rosa, die Mutter der Autorin. Besonders letztere kommt eher schlecht weg in dem Buch, das eine Liebeserklärung an die Titelfigur ist.

Doch der Reihe nach. Nach zwei Mädchen ist es dem Großvater der Autorin der dringendste Wunsch, dass nun endlich ein Junge auf die Welt kommt. Wir schreiben das Jahr 1925, der Ort ist Zweibrücken. Als das dritte Kind wieder ein Mädchen wird, will der Großvater das in seiner Verbohrtheit einfach nicht wahrhaben, geht aufs Standesamt und meldet dort einen Martin an. Nur auf massiven Druck der Großmutter lässt er widerwillig Namen sowie Geschlecht korrigieren. Klar, dass die kleine Martina Mericault, genannt Martl, so keine ungetrübte Kindheit und wohl auch kein unbeschwertes Leben führen kann. Hinzu kommt noch, dass ihre mittlere Schwester Rosa allgemein als große Schönheit gilt, sie selbst aber nicht, was zu lebenslang ausgetragenen Differenzen führt.

Tante Martl steht auch für eine Generation von Frauen, die es auf dem Heiratsmarkt nicht einfach hatten, war doch die Zahl möglicher Partner durch den Zweiten Weltkrieg schwer dezimiert. Allerdings: Sie habe auch gar nicht nach einem Mann gesucht, schreibt die Autorin und vermutet, ihre Tante habe sich erst gar nicht in Konkurrenz zu Rosa begeben wollen.



Tante Martl bleibt also ihr Leben lang unverheiratet und entwickelt einen grantigen und verqueren Charakter, an den der Leser sich nach und nach gewöhnen muss. März schafft es aber, dass man diese eigentümliche und so gegensätzliche Frau sehr ins Herz schließt. „Tante Martls Geschichte lässt sich in zwei Versionen erzählen“, schreibt die Autorin. Einerseits habe die Tante in Restaurants immer den hintersten Tisch angesteuert, von dem sie glaubte, er sei nicht „für bessere Leut“ reserviert. Andererseits ist Martl die eigenständigste der drei Schwestern, fährt als einzige ein Auto, geht selbst auf die Bank oder ruft die Handwerker, wenn sie gebraucht werden.

Glanzstück der Autonomie und Höhepunkt des Buchs ist jedoch sicher der Fernsehauftritt von Tante Martl in der Fernsehsendung „Gold und Glitter“ im dritten Programm, offenbar einem Vorläufer von „Bares für Rares“. Für die bewirbt sich die Tante mittels eines geliehenen Silberlöffels und schafft es damit ins Fernsehstudio, derweil der Nichte in Berlin beim Fernsehschauen Glückstränen übers Gesicht laufen. Sie weiß, dass Tante Martl mit dem Auftritt in ihrer Lieblingssendung ein Lebensziel verwirklicht hat.

Allzuviel Lokalkolorit sollte der Leser von dem Buch nicht erwarten. Tante Martls gesamtes Leben spielt sich zwar in Zweibrücken ab, sie besitzt jedoch wenig Bezug zur Stadt und deren Bewohnern. Auch muss man leider kritisieren, dass die Autorin das Pfälzische, das ihre Tante sprach, vielleicht hätte von einem Zweibrücker Korrektur lesen lassen sollen. Oder sagt man hierzulande „da habbe wir doch was gemeinsam“? Wohl nicht. Aber das sind Kleinigkeiten gegenüber dem großen Lesespaß, den die bewegende Lebensgeschichte von „Tante Martl“ bietet.

Ursula März: „Tante Martl“ Piper Verlag, 192 S., 20 Euro.