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Kolumne  Moment mal
Uiuiuiuiuiuiui oder: Politiker und Narren in närrischen Zeiten

FOTO: Baltes, Bernhard / SZ
Die närrische Session ist kurz wie selten. Und schwer wie selten fällt es in dieser Kampagne, zwischen Narren und Politikern zu unterscheiden, findet (wahrscheinlich nicht nur) Merkur-Chefredakteur Michael Klein. Von Michael Klein

Auch wenn die meisten den Spruch schon mal gehört haben, passt er wie kein anderer, um heute an dieser Stelle zitiert zu werden. Die landläufige humoreske Feststellung nämlich, dass Weihnachten ein wirklich großes Fest ist, welches aber dennoch an Rosenmontag nicht tippen darf!

Rosenmontag. Genau den zelebrieren wir heute – als Hochfest der Narren. Und eigentlich auch als den ganz besonderen Tag der Margit Sponheimer. Die ist nämlich – so bekennt unser aller liewes goldisches Meenzer Maggitsche seit Jahrzehnten nicht nur auf den närrischen Bühnen – am Rosenmontag geboren, in Mainz am Rhein. Ist sie aber gar nicht, sondern in Frankfurt am Main. Und auch nicht am Rosenmontag, sonst hätte sie nicht schon am vergangenen Mittwoch ihren 75. gefeiert.

Aber so bierernst sehen wir das heute mal nicht. Erst recht nicht in dieser Kolumne.



Wie wir überhaupt eigentlich gar nichts mehr so bierernst sehen sollten. Das geht – oder wie CSU-Chef Horst Seehofer sagt: „Passt scho!“ Die Narren machen uns dies vor – in den zurückliegenden Tagen und Wochen mit einer Reihe zündender Büttenreden. Oder die Politiker – mit einer Koalitionsvereinbarung. Und mit dem mehr als närrischen Tohuwabohu beim Personalroulette der Eitelkeiten. Ganz aktuell sind die Narren am Zug, mit den originellen karikierenden und persiflierenden Motiv- und Mottowagen, die seit dem Wochenende landauf landab bei den Fastnachtsumzügen die Zuschauer am Straßenrand begeistern. Heute schauen Millionen Menschen besonders in die karnevalistischen Hochburgen Düsseldorf, Köln und Mainz am Rhein. Morgen schaut die Welt auf Zweibrücken – und den närrischen Lindwurm, der sich am frühen Mittag durch die Straßen der westpfälzischen Metropole schlängeln wird. Da ist gute Stimmung garantiert – und auch der eine oder andere Lacher. Ganz natürlich und nicht überraschend.

Wie anders ist dies doch eigentlich, wenn einer der einstmals höchsten Repräsentanten unseres Staates in diesen Tagen ans Mikrophon schreitet, um vor einer durchaus stattlichen Anzahl honoriger Menschen eine nachdenkliche Rede zu halten. Hand aufs Herz – die wenigstens vermuten bei einem solchen Auftritt selbst einen Tag vor dem Fetten Donnerstag eine in Teilen fastnachtsgleiche Darbietung oder die Aneinanderreihung der aus der überlegten Wahl wohlgesuchter Worte resultierenden Schenkelklopfer mit Tiefgang – wie sie Norbert Lammert am Mittwoch der vergangenen Woche in Mainz gehalten besser: zelebriert hat. Vielleicht waren es ja die hoch unter dem Dach der Rheingoldhalle unübersehbaren Trauben der bunten Luftballons in den Farben der Mainzer Garden. Vielleicht war es die inspirierende Nähe des Kurfürstlichen Schlosses, in dem am Freitagabend mit der Fernsehsendung „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht“ das Hochamt der Fernsehfastnacht in Konzelebration der vier Mainzer Korporationen gesungen wurde. Vielleicht waren es auch einfach nur die gelb, rot, blau, weißen Flaggen und Fähnchen in allen Straßen Moguntias, die den einstigen Präsidenten des Deutschen Bundestages in rhetorische Hochstimmung versetzten. Oder es war die finale Fassung des Koalitionsvertrages, die an diesem Tag bekannt wurde.

Sei’s drum: Lammert hatte beim Neujahrsempfang der Wirtschaft mehr als einmal die prustenden Lacher auf seiner Seite. Schon zu Beginn, als er sich freute, derart freundlich begrüßt worden zu sein. „Dies gelingt einem Politiker heute ja nur noch, wenn er freiwillig und frühzeitig aus seinem Amt ausscheidet“, kommentierte er den Applaus. Der hochaufgeschossene Redner in dezentem Grau agierte am Mikrophon oder sollte man schreiben in der Bütt so, als wolle er auf der anderen Seite der Peter-Altmeier-Allee in der nächsten Session die Nachfolge des 2015 verstorbenen Jürgen Dietz antreten, der über ungezählte Jahre in der Rolle des Boten aus dem Bundestag brillierte. An Martin Schulz und der SPD hätte der unvergessene Ausnahme-Karnevalist sicher seine besondere Freude gehabt.

Die Zitate Lammerts, den der eine oder andere ja bei einer Merkur-Veranstaltung im Februar 2010 im Zweibrücker Schloss live hören konnte und den ich in der Folge immer mal wieder in Berlin als begeisternden Redner erleben durfte, hätten bei jeder Fastnachtssitzung der Hauskapelle ein tuschendes „Tätä“ entlockt. Das legendäre „uiuiuiuiuiuiui auauauauau“ inclusive.

Den Koalitionsvertrag der Groko, der ersten SPD-Regierung unter Führung der CDU – wie Schwarze spötteln ohne rot zu werden –, hatte Lammert bis zum Abend und seinem Auftritt in Mainz quergelesen. Die Präambel fand er gut: „Da steht nichts Falsches drin! Und seien wir ehrlich – das hätte auch anders sein können!“ Mit fast bärbeißiger Ironie wies Lammert darauf hin, dass die kleinste Große Koalition die einzige sei, die ihr Sterbedatum schon in der Geburtsurkunde trägt. Ansonsten widerstehe er tapfer der Versuchung, leichtfertig seinen ersten Eindruck über das Ergebnis der Koalitionsverhandlungen zu sagen. Stattdessen bemühte er als Kronzeugen den einstigen US-Außenminister Henry Kissinger, der sagte: Ein guter Kompromiss ist ein Ergebnis, mit dem am Ende alle unzufrieden sind. Lammerts Schlussfolgerung: „Der Koalition ist ein guter Kompromiss gelungen!“ Drum sei es deutschlandweit auch nicht schwer zu übersehen, dass es für das rund 180 Seiten umfassende stramme Pflichtenheft keine schiere Begeisterung gebe. Auch nicht für die dort festgeschriebene Politik, erst recht nicht für die sie verantwortenden Politiker.

Im Gegensatz zu diesen sind wenigstens die Narren ab übermorgen wieder normal – möchte ich schließen. Wissend, dass an Aschermittwoch alles vorbei ist. Die Politik allerdings nicht!