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Kolumne  Moment mal
Tierische E-Mobilität oder: Eine/r muss den Karren ziehen

FOTO: Baltes, Bernhard / SZ
Es sind bisweilen skurrile Ideen, aus denen Neuerungen entstehen. Vieles, was am Anfang müde belächelt wurde, fand ein gutes Ende. Drum sollte man auch die Überlegungen von Susanne Murer in Mörsbach nicht in Bausch und Bogen verdammen, findet Merkur-Chef­redakteur Michael Klein. Von Michael Klein

Tiefschürfende Diskussionen im Freundes- und Bekanntenkreis legen den Schluss nahe, dass es in Bezug auf den wohlmeinenden Austausch von Neujahrshöflichkeiten durchaus zwei sich diametral entgegenstehende Strömungen gibt: Die Einen glauben dem Vernehmen nach, dass es durchaus von Anstand und Charakter, Höflichkeit und wohlgeratener Bildung zeugt, demjenigen, den man zum ersten Mal im inzwischen wirklich schon recht alten neuen Jahr begegnet, bis Ostern ein frohgelauntes „Prost Neujahr!“ entgegenzuschmettern.

Für die Anderen ist allerallerspätestens damit Schluss, wenn die närrischen Schlachtrufe in den Hallen und Sälen ertönen. Wenn „Alleh hopp“, „Helau“, „Di-La-Hei“, „Nix wie druff“ oder gar „Käse roll“ – das haben sie in Käshofen in Orkanstärke exklusiv – erklingen, dann droht dem „Prost Neujahr“ der Abgang von der Bühne der Nettigkeiten. Gerne mit Büttenmarsch. So wie jetzt. Landauf, landab!

Ich gehöre der letztgenannten Fraktion an, zumal bei mir auch die Erinnerung an den Jahreswechsel schon ziemlich verblasst ist. Kein Wunder: Wir befinden uns schließlich im Februar des Jahres 2018. Ganz Deutschland ist von den ins Haus stehenden tollen Tagen und dem Finale der närrischen Kampagne beseelt. Ganz Deutschland? Nein! Ein kleines Dorf in der Westpfalz hört nicht auf, in vollstem Ernst eine von ihrer Chefin beim Neujahrsempfang launig propagierte Idee (oder auch zwei) fröhlich fortzuspinnen.



Allen voran die Chefin selbst: Susanne Murer, Ortsvorsteherin in Mörsbach, Mitglied der Grünen. Mit ihrer Idee – und damit ist weniger das Arche-Dorf als vielmehr das so genannte Esel-Taxi gemeint – hat sie es geschafft, ihr kleines Dorf bundes- und teils europaweit in die Schlagzeilen zu hieven. Denn nachdem ihre Worte anlässlich des Neujahrsempfanges erstmals in unserer Zeitung veröffentlicht worden waren, sprangen in Legionsstärke Nachrichten-Agenturen, Online-Portale und andere Zeitungen munter auf den Berichterstattungszug. Und das nicht nur in Deutschland!

Ein Indiz also, dass die Idee der querdenkenden Lokalpolitikerin definitiv keine Eselei ist, für die man sie möglicherweise auf den ersten Blick halten und sie entsprechend in die Schublade der Beklopptheiten einsortieren könnte. Nein, ganz im Gegenteil hat die Idee durchaus Charme, wenigstens seriös betrachtet und kommentiert zu werden. Dass dies in den sogenannten Sozialen Medien leider eher die Ausnahme ist (weil dort ja Häme und teilweise das Verstecken in der Anonymität das zuweilen wenig demokratische Portfolio befeuern), sei nur am Rande erwähnt.

Fakt ist: Susanne Murer traut sich was. Fakt ist zudem: Sie liefert derzeit nicht nur den nach lokalen Pointen heischenden Büttenrednern Munitionsstoff, sondern sie findet Verbündete und sie findet Widersacher. Was gleichermaßen logisch wie auch legitim ist.

In beide Lager mag sich jeder nach seinem Gusto einsortieren. Manch einer findet, dass die Idee von den von Kühen oder Eseln gezogenen Karren Charme hat – zumal ein paar Kilometer weiter ein ehemaliger Richter damit durchaus positiv rüberkommt, dass er seine Kutsche an ausgewählten Tagen von Pferden ziehen lässt. Mitten durch die Stadt. Und gut bestückt mit gut gelaunten Menschen. In dem Zusammenhang darf daran erinnert werden, dass sogar das Olympische Feuer auf seinem Weg ins südkoreanische Pyeongchang, wo diesen Freitag die Winterspiele eröffnet werden, ein paar Kilometer auf einem von Ochsen gezogenen Karren vorankam. Geht doch, sagen also all die positiv Denkenden.

Absoluter Unsinn, ereifern sich die anderen. Was soll das Ganze? Das kann ja wohl nicht ernst gemeint sein? Wer kann denn auf so eine tierische Idee kommen? Wenn’s dem Esel zu wohl wird, geht er aufs Eis, spotten sie. Und tadeln, dass das doch nie funktioniere. Vielleicht auch nur, weil sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht vorstellen können, dass denn wirklich einer den Eselskarren besteigt, um nach einer (knappen) Stunde auf dem verkehrsberuhigtem Grünstreifen am Zweibrücker ZOB oder über tradierte Trampelpfade gar in der benachbarten Kreis- und Universitätsstadt Homburg anzukommen. Um vielleicht Erledigungen zu erledigen. Oder ganz einfach aus purer Lust und Laune, der Neugierde auf das Spektakel. Und dass die Dorfjugend disco-like gestylt wohlduftend mit dem gutmütigen Grautier den Weg ins nächtliche Vergnügen antritt – nein, das sprengt mühelos auch alle Fantasien. Sie lesen: Auch die zuletzt genannten Bedenkenträger haben (vielleicht) Recht.

Recht hat aber vor allem Susanne Murer, die mit Kuh und Esel marketingtechnisch aufs richtige Pferd setzt und sich derzeit nicht vom Weg abbringen lässt. Sie schart Sympathisanten um sich. Arbeitet an der Realisierung ihres originell verwegenen Planes. In Sachen Arche-Dorf wächst die Zahl der Unterstützer. Und für den Esel und die damit besonders geförderte E-Mobilität (die ist ja schwer en vogue!) hat sie sogar schon einen Einspänner. Was, unter uns geschrieben, die Chance erhöht, dass wir von Zweibrücken am Ende mit dem Eselskarren schneller nach Homburg kommen als mit der noch immer nicht reaktivierten S-Bahn. Zumindest an manchen Tagen!