| 20:29 Uhr

Historisches Tagebuch
Strafversetzt in die Pfalz

Anne Katharina Staut vor dem handschriftlichen Tagebuch, das sie bearbeitet hat.
Anne Katharina Staut vor dem handschriftlichen Tagebuch, das sie bearbeitet hat. FOTO: Margarete Lehmann
Zweibrücken. Im Stadtmuseum wurde das Tagebuchs eines Zweibrücker Schuldirektors, der die Wirren des 1. Weltkrieges erlebte, vorgestellt. Von Peter Fromann

Die Zusammenarbeit der Universität des Saarlandes mit der Bibliotheca Bipontina, die sich zu einer richtigen Forschungsbibliothek gemausert hat, trägt wieder reiche Früchte. „Schlummernde Schätze konnten gehoben werden“, berichtete Professor Dr. Nine Miederna. Gemeint ist die Edition des handschriftlichen Tagebuchs des Schuldirektors Hans Stich (1854 bis 1937), das jetzt durch die Studentin Anne Katharina Staut in ihrer Masterarbeit im Rahmen von „Literatur und kulturelle Praxis“ zum zweiten Mal das Licht der Welt erblickte.

Die Referentin führte in ihrem Vortrag im Zweibrücker Stadtmuseum in die Struktur der Editionswissenschaft ein. Sie ging näher auf die Herausgabe neu entdeckter Werke ein, behandelte die Probleme beginnend bei einfachen Faksimileausgaben bis hin zu historisch-kritischen Ausgaben, die auch die Entstehungszeit in all ihren Facetten widerspiegeln sollten. Die Besucher der Ausstellung über Leben und Werk des Hans Stich, die Katharina Staut zusammen mit Unterstützung der Leiterin der Bibliothek Dr.Sigrid Hubert-Reichling kuratiert hat, konnten per Handzettel bestimmen, ob sie das Tagebuch editiert sehen wollen und wenn ja – in welcher Form.

Stich war Direktor des humanistischen Herzog-Wolfgang-Gymnasiums und Leiter der Bibliothek in diesen wahrhaft stürmischen Zeiten des ersten Weltkriegs und der Folgezeit, von der Kaiserzeit in die Nazizeit. Er war ein überzeugter Pazifist, und stieß der Obrigkeit in seiner fränkischen Heimat (Nürnberg)gehörig auf, so dass er in die Pfalz „strafversetzt“ wurde. Die Kollegen und die Umstände hier in Zweibrücken behagten ihm anfangs überhaupt nicht, wie er in seinem Tagebuch schreibt, doch später hinzufügte „so schlimm wars gar nicht“.



Historisches, Kulturelles und Privates fließen in diesem Tagebuch oft ineinander, so dass eine eventuelle Edition nicht ohne klärende Fußnoten und ein Register auskäme. Stich war äußerst geschichtsbewusst und so ein wichtiger Zeitzeuge. Die Schrecken des ersten Weltkrieges machte allein die Klassengröße deutlich: Vor dem Krieg unterrichtete Stich die neunte Gymnasialklasse mit 25 Schülern, im Verlauf des Krieges schmolz die Zahl auf einen bis fünf Schüler zusammen. „Man sollte dieses Tagebuch unbedingt veröffentlichen“, so der Tenor unter den rund 50 Zuhörern, auch wenn es „nur“ um ein Egodokument hendele. Doch vielleicht macht das ja auch gerade seinen Reiz und Wert aus.

Die Ausstellung in der Bibliotheca Bipontina wurde eröffnet und gleich wieder geschlossen, denn die Bibliothek macht bis zum 3. August Ferien. Dann aber geht’s ohne Pause bis Anfang September weiter.