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Kopie der Totenmaske im Stadtmuseum
Der Wiederbeleber Zweibrückens starb vor 300 Jahren

Stadtmuseumsleiterin Charlotte Glück mit einer Kopie der Totenmaske sowie einem zeitgenössischen Stich König Karls XII. von Schweden.
Stadtmuseumsleiterin Charlotte Glück mit einer Kopie der Totenmaske sowie einem zeitgenössischen Stich König Karls XII. von Schweden. FOTO: Klaus Friedrich
Zweibrücken. An Schweden-König Karl XII. erinnert in der Ex-Herzogsstadt noch Vieles. Hier bewirkte er viel Positives, außenpolitisch dagegen ist er sehr umstritten. Von Klaus Friedrich

Als der schwedische König Karl XII. vor 300 Jahren – am 11. Dezember 1718 – bei der Belagerung der norwegischen Festung Frederikshald tödlich verwundet wurde, hatte das auch Auswirkungen auf die weit davon entfernte Westpfalz: Immerhin war das Herzogtum Pfalz-Zweibrücken zu diesem Zeitpunkt in Personalunion mit dem Königreich Schweden verbunden.

Diese Personalunion war das unerwartete Ergebnis einer diplomatischen Mission, die Pfalzgraf Johann Kasimir, der 1589 in Zweibrücken geborene Sohn von Herzog Johann I., im Auftrag der damals von seinem Bruder Johann II. geleiteten Protestantischen Union unternommen hatte: So war er 1613 nach Stockholm gereist, um dort den mächtigen König Gustav II. Adolf für ein Bündnis mit den evangelischen Fürsten Deutschlands zu gewinnen – mit Erfolg und weitreichenden Konsequenzen, denn Schweden griff auf Seiten der Protestanten in den Dreißigjährigen Krieg ein.

Johann Kasimir indes fand in Schweden sein privates Glück: 1615 hatte er Katharina Wasa, die Schwester des Königs, geheiratet. Nachdem Gustav II. Adolf 1632 im Krieg gefallen war und seine als Thronfolgerin bestimmte Tochter Christina zum Katholizismus übertrat, abdankte und nach Rom übersiedelte, wurde Johann Kasimirs Sohn als Karl X. überraschend König von Schweden. Unter dessen Sohn Karl XI. wiederum wurde das Herzogtum Pfalz-Zweibrücken schwedische Krondomäne.



Der schillerndste der drei Schwedenkönige aus dem Hause Pfalz-Zweibrücken-Kleeburg war zweifellos Karl XII., unter dem Schweden seine größte Ausdehnung, aber auch seinen tiefsten Fall erlebte. 1682 geboren, hatte er sich nach dem Tod seines Vaters mit 15 Jahren selbst zum König ausgerufen und regierte nun über ein solides Staatswesen, das eine Vormachtstellung im Ostseeraum innehatte. Dabei umfasste sein Reich nicht nur das heutige Schweden, sondern auch Finnland, Westpommern und das Herzogtum Bremen-Verden sowie beträchtliche Teile des Baltikums – und eben auch das Pfalz-Zweibrückische Stammland der „Wittelsbacher auf dem Wasa-Thron“. Diese verlockenden Territorien und das jugendliche Alter des – scheinbar – unbedarften Regenten weckten indes die Begehrlichkeiten seiner mächtigen Nachbarn, König Friedrich IV. von Dänemark, August II., „des Starken“, der als Kurfürst von Sachsen und König von Polen regierte, und des russischen Zaren Peter I., „des Großen“: 1700 fielen sächsische Truppen überraschend in Livland ein und in der Folge kam es zum letztlich 21 Jahre andauernden „Großen Nordischen Krieg“, in dem Karl XII. zunächst glänzende Siege errang, einen Gegner nach dem anderen in die Schranken wies – und nebenher dafür sorgte, dass Stanislaus I. Leszczynski König von Polen wurde. Die Wende kam 1708, als sein Heer auf dem Marsch nach Moskau in der Ukraine vernichtend geschlagen wurde. Nach jener katastrophalen Niederlage bei Poltawa suchte Karl XII. Zuflucht in der Türkei, wurde von Sultan Achmed III. zunächst aufgenommen, dann aber wegen seiner Intrigen festgesetzt. Daraufhin floh er 1714 und gelangte in einem 15-tägigen Gewaltritt, der ihn mehr als 2000 Kilometer quer durch Europa führte, nach Stralsund und endlich wieder nach Schweden.

Während Karl dafür sorgte, dass sein Schützling und Verbündeter Leszczynski im fernen Zweibrücken Asyl erhielt und eine seiner Person angemessene, allerdings das Land finanziell überstrapazierende Hofhaltung pflegen konnte, führte er den Krieg gegen Dänemark fort. Im Zuge dessen kam er am Abend jenes verhängnisvollen 11. Dezembers 1718 unter für viele seltsam anmutenden Umständen durch einen Kopfschuss zu Tode. Eine Einbuchtung an der rechten Schläfe in der im Zweibrücker Stadtmuseum ausgestellten Kopie von Karls Totenmaske legt davon Zeugnis ab.

Neben einigen Exponaten im Stadtmuseum erinnert in Zweibrücken die von ihm beauftragte Karlskirche in der ebenfalls nach ihm benannten Karlstraße an den „Löwen des Nordens“, der zugleich auf einem im Innenraum aufgehängten Porträt dargestellt ist. Ebenfalls in die Regierungszeit Karls XII. fällt zudem die erstmalige Erwähnung jener Zeitung, deren Traditionslinie zum heutigen Pfälzische Merkur führt: So bat der Zweibrücker Drucker Georg Nicolay am 26. Januar 1713 den schwedischen Gouverneur Adlerflycht in einer „unterthänigen Bittschrift … betreffend meinen Zeitungs-Extract um die Erlaubnis, das von ihm herausgegebene Nachrichtenblatt solang aufzugeben, bis sich etwa die geldklamme Zeit ändert“. Dies macht deutlich, dass sich die Auswirkungen des weitab von Zweibrücken ausgetragen „Großen Nordischen Krieges“ auch in Zweibrücken bemerkbar machten.

Bis heute sind die Meinungen über den Pfalz-Zweibrücker Wittelsbacher auf dem schwedischen Thron gespalten. „Er hat die Hälfte seines Lebens lang Krieg geführt, neigte zeitweise zu Größenwahn und sorgte mithin dafür, dass Schweden aus der Liste der europäischen Großmächte gestrichen wurde“, fasst Stadtmuseumsleiterin Charlotte Glück sein außenpolitisch wenig glückliches Wirken zusammen. „Für Zweibrücken hingegen muss man sein innenpolitischen Wirken als sehr positiv ansehen“, betont sie zugleich. So entsandte er fähige Gouverneure und Beamte ins Land – und kam so unter anderem auch der zunächst als Landvermesser und später als Baumeister wirkende Jonas Erikson Sundahl hierher. „Vor allem aber sorgte sein ‚Freiheitsedikt‘ von 1698 dafür, dass das zuvor ruinierte und fast menschenleere Land nachhaltig wiederbesiedelt wurde“, so Glück, die darauf verweist, dass damit letztlich auch die Grundlagen für die barocke Blütezeit im 18. Jahrhundert geschaffen wurden.

„In Schweden ist Karl XII. immer noch präsent“, weiß Camilla Atmer-Steitz, die Vorsitzende der Deutsch-Schwedischen Gesellschaft „Schwedenkönige im Herzogtum Zweibrücken“, zu berichten. „Er war eine interessante Persönlichkeit und wurde auch interessant gemacht, vor allem im 19. Jahrhundert, als es eine regelrechte Verehrung dieses Monarchen gab“.

Zu einem Gedenk-Treffen an den 300. Todestag laden die Paneuropa-Union Rheinland-Pfalz und mehrere von Werner Euskirchen geführte Zweibrücker Vereine für Dienstag, 11. Dezember, elf Uhr, in die Karlskirche ein. Robert R. Denndorf aus Hamburg stellt dabei kurz sein Buch über den Aufenthalt des Schwedenkönigs bei den Türken bis 1714 vor.