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Schwache Persönlichkeiten, charismatische Führer

Die Türkei ist in den vergangenen Monaten mehrfach Ziel von Selbstmordattentäter geworden. Foto: EPA/TOLGA BOZOGLU
Die Türkei ist in den vergangenen Monaten mehrfach Ziel von Selbstmordattentäter geworden. Foto: EPA/TOLGA BOZOGLU FOTO: EPA/TOLGA BOZOGLU
Zweibrücken. Über 80 Zuhörer lockte der Vortrag von Professor Ortwin Buchbender über Selbstmordattentäter an. Der Militärhistoriker sagte, sie seien empfänglich für hochcharismatische Führer und Ausbilder. Kai-Uwe Hunsicker

"Sprengfalle Kopf: Zur Psychopathologie von Selbstmordattentätern" war das Thema eines Vortrages am Donnerstagabend in der Niederauerbach-Kaserne, zu dem Oberst a.D. Joachim Sanden über 80 Zuhörer begrüßte. Im Rahmen der Vortragsreihe der Gesellschaft für Sicherheitspolitik referierte Ortwin K. Buchbender, ehemaliger Leitender Wissenschaftlicher Direktor der Akademie der Bundeswehr für Information und Kommunikation.

"Wie kommt man eigentlich auf die Idee, sich selbst in die Luft zu sprengen?" fragte Buchbender zu Beginn. Selbstmordattentate seien eine Form der asymmetrischen Kriegsführung. Besagte Strategie orientiert sich an einem übermächtigen Gegner, der nicht in direkter Konfrontation zu besiegen ist. Versuchte der Schwächere, seine Kräfte ins offene Feld zu führen, verlöre er sofort. Er greift daher zu anderen Mitteln wie Guerillataktiken und gezielten Anschlägen, welche die Nachschublinien des Feindes angreifen, Stützpunkte mit Lkw-Bomben malträtieren und Kombattanten untergetaucht in Zivil kämpfen lassen. Was man früher Partisan nannte, werde seit Ende des 20. Jahrhundert zu einer eigenen, perfiden Kriegstechnik mit modernen Mitteln, so Buchbender. Der Feind sei nicht zu erkennen, schlage unsichtbar zu. Die letzten Anschläge in Paris, Brüssel und in Lahore seien Beispiele aus der jüngsten Zeit.

Zu den Ursachen sagte Buchbender: "Die religiöse Komponente wird vollkommen unterschätzt." Damit meine er nicht den Islam an sich, sondern eine bestimmte, extremistisch empfängliche Unterströmung, die den Schiiten zuzuordnen sei. "Wer sich umbringt, will zum Märtyrer werden. Das funktioniert nur, wenn ein starkes Feindbild vorhanden ist und sie eine Erlösung nach dem Tod erwarten", erklärte Buchbender. Der Gegner werde zum Bösen schlechthin in den Köpfen der Terroristen, der eigene Tod ein Mittel zum Zweck, das eine Belohnung nach der Selbstauslöschung verspricht.

Wie wird man zum Selbstmordattentäter ? Buchbender attestierte ihnen ein geringes Selbstwertgefühl, eine sozial eher unbedeutende Stellung und insgesamt ein schwaches Persönlichkeitsbild. Sie seien empfänglich für hochcharismatische Führer und Ausbilder . Was diese vorgeben, werde gelebt. "Kommunikative Kompetenz und Glaubwürdigkeit wirken eng zusammen." Die Attentate seien immer ein Gruppenphänomen; Erziehung, politisch-fundamentalistische Indoktrination und mediale Mittel wirkten zusammen. Buchbender schloss: "Gegenwärtig suchen wir noch nach konkreten Lösungen für diese Art der Kriegsführung und die Konflikte im Nahen Osten. Lassen Sie uns zuversichtlich bleiben."