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Stadtwerke drehen Leitung zu
Retter in der Not stehen Schlange

Bei der betroffenen Zweibrücker Kleinfamilie fließt wieder Wasser – ob die Geschichte damit ein gutes Ende genommen hat, ist aber ungewiss.
Bei der betroffenen Zweibrücker Kleinfamilie fließt wieder Wasser – ob die Geschichte damit ein gutes Ende genommen hat, ist aber ungewiss. FOTO: dpa / Lukas Schulze
Zweibrücken. Sogar Bürger vom Bodensee und aus Österreich überweisen die offene Wasserrechnung für die junge Zweibrückerin und ihren achtjährigen Sohn. Die Spender bekommen ihr Geld aber bald zurück, denn ein Zweibrücker hat bereits bar bezahlt. Das Wasser fließt damit wieder – vorerst. Von Eric Kolling

Sankt-Martins-Tag mitten im Hochsommer? Die ausstehende Wasserrechnung, die eine junge Zweibrücker Mutter mit ihrem achtjährigen Sohn nicht beglichen hatte, haben gestern gleich mehrere hilfsbereite Bürger bezahlt. Die Wasserleitung ist wieder geöffnet. Wegen des Zahlungsrückstands hatten die Stadtwerke nach mehreren ignorierten Mahnungen der Kleinfamilie gestern vor einer Woche das Wasser abgedreht. Die Merkur-Berichterstattung vom Samstag über den Fall hatte bei Facebook für mächtig Resonanz gesorgt. Und schlug Wellen bis nach Österreich.

Ein dem Merkur bekannter Mann vom Bodensee, der anonym bleiben möchte, las nach eigenen Worten die Nachricht und ließ aus dem Urlaub in Portugal Taten folgen. Er habe erst beim Zweibrücker Bürgermeisteramt angerufen, von wo ihm die Daten des Stadtwerkechefs Werner Brennemann geschickt worden seien. Von dort habe man ihm die nötigen Bankdaten zukommen lassen und er den fälligen Betrag direkt überwiesen. In der Merkur-Berichterstattung war bisher von 260 Euro die Rede: 183,20 Euro Zahlungsrückstand und Gebühren. Doch von dem Spender habe man plötzlich 326 Euro verlangt – die bekannte Summe inklusive weiterer Gebühren. Unverschämt viel Geld, wie sich der Mann echauffiert. „Ich habe den Stadtwerken angeboten, das mit den hohen Gebühren zu überdenken. Wenn sie einen Teil an mich zurückerstatten, dann äußere ich mich nicht. Wenn sie den Gesamtbetrag wollen, gebe ich der Presse Auskunft“, gibt er wider, was er gegenüber den Stadtwerken deutlich gemacht haben will. Dem Merkur erklärt er, sich erst in einigen Tagen zu den Gründen der Überweisung äußern zu wollen – je nachdem, wie die Stadtwerke sich verhalten. Der Mann habe allerdings keine Verbindungen nach Zweibrücken, kenne auch die Betroffene nicht. Er wird sein Geld aber wieder zurückbekommen. Das stellte Werner Brennemann gestern klar. Denn während das überwiesene Geld gestern noch nicht auf dem Stadtwerke-Konto angekommen war, habe bereits ein Anderer die Wasserrechnung bezahlt.

Dass der zu zahlende Betrag höher ausfiel, als der Merkur zunächst berichtet hatte, erklärt der Chef des Zweibrücker Energieversorgers damit, dass die im ersten Bericht genannte Summe noch um die Gebühr einer sogenannten Sperrandrohung ergänzt werden müsse. Mit ihr kämen 326 Euro zusammen. Brennemann verteidigte aber nochmals das Vorgehen der Stadtwerke: Wie in der freien Wirtschaft liefere man Wasser und schreibe dafür Rechnungen. Würden diese nicht beglichen, folgten Mahnungen. Das Wasser würde aber erst nach Wochen abgedreht.



Derjenige, der die Rechnung bar bezahlte, ist dem Merkur ebenfalls namentlich bekannt, möchte aber auch nicht in der Zeitung genannt werden. Er schildert, dass er gestern gegen 13.30 Uhr zusammen mit der betroffenen Frau bei den Stadtwerken vorstellig wurde, um die fällige Summe bar einzuzahlen. Das sei gar nicht so einfach gewesen. Im Büro mit der Beschriftung „Kasse“ habe er nicht bezahlen können. Mit der Bedienung des Automaten, an den man ihn verwiesen habe, sei er nicht klargekommen. Auf Nachfrage sei denn Stadtwerkechef Brennemann persönlich gekommen und habe die Einzahlung für ihn abgewickelt. Anderthalb Stunden später habe ein Stadtwerkemitarbeiter das Wasser für die betroffene Wohnung wieder aufgedreht. Dem Merkur-Informanten gegenüber, dem Brennemann bei der Einzahlung half, hätten die Stadtwerke sogar von drei bis vier Interessenten gesprochen, die die Rechnung der Frau hätten bezahlen wollen. Allerdings hätten die Stadtwerke ihnen die für die Überweisung nötige Betreff-Nummer nicht nennen wollen. „Es hieß, man hat das Geld nicht annehmen können – wegen des Datenschutzes. Warum geht der Datenschutz vor das Kindeswohl?“, ärgert sich der Informant.

Am späten Nachmittag erhielt der Merkur dann auch noch eine Mail aus Preding in der Steiermark/Österreich. Ein Mann gab an, in der Sache an die gemeinnützige Non-Profit-Organisation Deutsche Direkthilfe e.V. 260 Euro überwiesen zu haben, was ein mitgeschickter Screenshot der Überweisung belegen sollte. Die Deutsche Direkthilfe schrieb auf ihrer Website: „Die Geschäftsleitung der Stadtwerke Zweibrücken teilt uns vier Stunden nach unserem ersten Anruf mit, eine Überweisung der offenen Wasserrechnung in Höhe von 260 Euro ist jetzt von einem Spender eingegangen, die Wassersperre wird heute noch aufgehoben.“

Zu hoffen bleibt, dass die zahlreichen Zeichen der Solidarität und Hilfsbereitschaft dauerhaften Erfolg bringen. Denn wie der Merkur-Informant nach Ansicht der fälligen Außenstände am Automaten berichtete, sei nur eine Teilzahlung beglichen geworden. Droht also womöglich in wenigen Tagen ein Déjà-vu?