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Neues Beratungszentrum kaum auffindbar
Neue Sorgen um AOK-Standort Zweibrücken

 Weder an der Fassade noch an Haustür oder Klingeln steht ein Hinweis, dass in der Poststraße 40 seit 1. Januar ein AOK-Beratungszentrum ist.
Weder an der Fassade noch an Haustür oder Klingeln steht ein Hinweis, dass in der Poststraße 40 seit 1. Januar ein AOK-Beratungszentrum ist. FOTO: Lutz Fröhlich
Zweibrücken. Die AOK-Homepage schickt Zweibrücker nach Homburg. Trotzdem gibt es Klagen über lange Steh-Schlangen am neuen Standort Poststraße. Von Lutz Fröhlich

Walter Rimbrecht hat sich mit einer Prognose geirrt: Als Stadt und AOK Ende August 2018 bekanntgaben, die AOK werde nach der Schließung ihres „Kundencenters“ in der Von-Rosen-Straße zum Jahreswechsel ein „Beratungszentrum“ in der Poststraße eröffnen, hatte der SPD-Stadtrat gewarnt: „Die Versicherten werden erst im Januar merken, dass es sich nicht um eine echte Niederlassung, sondern um einen besseren Briefkasten handelt.“ Wahr geworden ist das Gegenteil, ergaben jetzt Merkur-Recherchen: Die AOK berät zwar Kunden in dem angemieteten Raum in dem städtischen Gebäude – hat dort aber keinen Briefkasten.

Wobei Rimbrecht mit seiner Skepsis grundsätzlich richtig lag – denn der fehlende Briefkasten ist nicht das einzige Problem mit dem neuen AOK-Standort. Anderthalb Monate nach dem Umzug weist nichts an dem Gebäude darauf hin, dass dort die in Zweibrücken führende Krankenkasse ein Beratungszentrum hat – draußen gibt es kein großes Firmenschild, keinen provisorischen Aufsteller, keine AOK-Klingel, keinen AOK-Briefkasten (aber zwei Briefkästen mit dem Hinweis „KEIN AOK-Briefkasten!“), nicht einmal einen Aufkleber an der Tür. Wer auf der AOK-Internetseite nach dem Angebot für Zweibrücken sucht, wird (je nachdem, an welcher Stelle auf der Homepage man schaut) nur auf das „Kundencenter Homburg“ verwiesen oder noch auf weitere 15 Standorte „in Ihrer Nähe“ von Saarbrücken bis Landau – nicht aber auf das Zweibrücker Beratungszentrum. Kein Wunder also, dass sich etliche Leute fragen, ob die AOK in der Poststraße schon wieder geschlossen hat. Als der Merkur-Reporter diesen Mittwoch vor dem Gebäude ein paar Fotos macht, trifft er gleich drei Kunden, die irritiert vor der Tür stehen. „Da ist ja nichts“, denkt ein Mann schon ans Umkehren. Im Foyer steht dann doch ein Aufsteller mit den Öffnungszeiten und einem Pfeil in einen schmalen Flur zum Beratungszimmer. Eine lange Schlange Wartender zeigt, dass der neue AOK-Standort zwar ziemlich versteckt, aber dennoch sehr gut besucht ist. Das ist wohl auch kein Einzelfall zu sein. Liane Weidmann-Lichtel, die letztes Jahr mit ihrer Cousine Eva Matlac 1700 Unterschriften gegen den Rückzug der persönliche AOK-Beratung aus Zweibrücken gesammelt hatte, berichtet: „Ich war schon zweimal da, meine Cousine an anderen Tagen auch. Jedes Mal waren da lange Schlangen. Es gibt auch keine Sitzgelegenheiten im Flur, sodass die Leute da stehen wie beim Brotkaufen, nur dass es bei der AOK-Beratung länger dauert.“ Das sei vor allem für ältere Leute „unhaltbar“. Hier müsse die AOK dringend nachbessern. Vielleicht könne die AOK auch einen weiteren Raum anmieten, um Platz für einen zweiten Berater zu schaffen.

Dass die AOK weder online noch am Gebäude auf ihr Beratungszentrum verweist, erweckt bei Weidmann-Lichtel „fast den Eindruck, die wollten das Beratungsangebot in Zweibrücken doch dichtmachen. Wir sind gar nicht zufrieden, ich kann es leider nicht zurückhaltender formulieren.“



Rimbrechts SPD hatte vor einem Jahr eine Resolution zum Erhalt des AOK-Kundencenters initiiert, die der Stadtrat im März einstimmig verabschiedete. Für die langen Schlangen sei „die radikale Reduzierung der Öffnungszeiten“ (montags 9-14 Uhr, mittwochs 8-13 Uhr, donnerstags 8-12 und 13-17 Uhr) verantwortlich, vermutet Rimbrecht jetzt. „Die AOK sollte die Öffnungszeiten dem Bedarf der AOK-Mitglieder anpassen.“ Schon Mitte Februar 2018 hatte CDU-Ratsfraktionschef Christoph Gensch die AOK mit einem nichtöffentlichen Brief von ihrem Abzug aus Zweibrücken abzubringen versucht. „Wenn da reger Betrieb ist, erwarte ich durchaus, dass die AOK die Öffnungszeiten ausdehnt, damit eine adäquate Versorgung der Kunden aus der Stadt gewährleistet ist“, kommentiert er nun die Merkur-Informationen über die langen Schlangen. Auch einen Briefkasten hielte er „schon für sinnvoll“.

Die Stadt habe der AOK den Raum „zu ortsüblicher Miete“ überlassen, sagt Stadtsprecher Heinz Braun, zu Sitzgelegenheiten seien keine Vereinbarungen getroffen worden. An der Stadt werde es nicht scheitern, falls die AOK draußen einen Hinweis auf das Beratungszentrum und einen Briefkasten wolle.

Die AOK Rheinland-Pfalz/Saarland betont auf Merkur-Anfrage zur Situation in Zweibrücken zunächst, man wolle „alle Kommunikationskanäle bedienen“ und habe „weiterhin das mit Abstand dichteste, flächendeckende Kundencenternetz“. Aber: „Wir stellen fest, dass unsere Kunden zunehmend auch telefonisch oder per E-Mail und Internet betreut werden möchten.“ Dort gebe es 24-Stunden-Kontaktmöglichkeiten. Zahlen zur Entwicklung der Besucher in Zweibrücken nennt AOK-Pressereferent Jan Rößler nicht. Das Serviceangebot in Zweibrücken werde aber „kontinuierlich im Hinblick auf die Frequentierung geprüft“, das könne jedoch „erst nach einer angemessenen zeitlichen Dauer evaluiert werden“. Hierbei würden auch „Aspekte der Ausstattungsmöglichkeiten miteinbezogen“, so Rößler zu der Frage nach Sitzgelegenheiten. „Gegenwärtig prüfen wir weitere Hinweise zum Angebot, wie die Anbringung eines Briefkastens. Nach dieser Prüfung können wir auch im Internet auf das Serviceangebot hinweisen“, erklärt die AOK zu der Frage, warum sie online nicht mehr auf ihr Angebot in Zweibrücken hinweist. „Gegenwärtig wäre ein Hinweis ohne Möglichkeit des Posteinwurfes aus unserer Sicht nicht zielführend.“

Zu Vertragsangelegenheiten gebe die AOK grundsätzlich keine Auskunft, antwortet Rößler auf die Frage nach der Dauer des Mietvertrags in der Poststraße. Dort würden „Beratungsstunden für unsere Kundinnen und Kunden angeboten. Die umfassende Betreuung findet in den naheliegenden Kundencenter Pirmasens und Homburg statt.“

Die Poststraße 40 sei auch deshalb ein guter Standort, weil dort „weitere Beratungsangebote wie der Seniorenbeirat oder Ämter der Stadtverwaltung untergebracht“ sind. Wichtig sei der AOK auch die Barrierefreiheit durch den Aufzug. Auch hier sieht Weidmann-Lichtel allerdings dringenden Verbesserungsbedarf: „Viele ältere Kunden kommen kaum die Treppe zur Haustür hoch.“ Dass auf der Rückseite ein Aufzug ist, wüssten viele Leute nicht.

 Platz wäre bei den Klingel noch für die AOK. Aber auch dort kein Hinweis auf das AOK-Beratungszentrum.
Platz wäre bei den Klingel noch für die AOK. Aber auch dort kein Hinweis auf das AOK-Beratungszentrum. FOTO: Lutz Fröhlich
 Immerhin an zwei Briefkästen sind die drei Buchstaben „AOK“ zu lesen - allerdings als „KEIN Briefkasten der AOK!“, was bei manchen Besuchern wohl eher den Eindruck erweckt, in diesem Gebäude sei die AOK nicht mehr.
Immerhin an zwei Briefkästen sind die drei Buchstaben „AOK“ zu lesen - allerdings als „KEIN Briefkasten der AOK!“, was bei manchen Besuchern wohl eher den Eindruck erweckt, in diesem Gebäude sei die AOK nicht mehr. FOTO: Lutz Fröhlich
 Erst nach Betreten des Gebäudes findet man am Ende des Foyers den ersten Hinweis, dass in der Poststraße 40 tatsächlich ein AOK-Beratungszentrum ist. Der Pfeil weist in einen schmalen Flur, wo die AOK einen kleinen Raum angemietet hat. Als am Mittwoch der Merkur-Fotograf da war, reichte die Schlange bis ins Foyer. Sitzgelegenheiten im Flur gibt es nicht - abgesehen von zwei Sesseln im vorderen Foyer-Bereich. So weit reichte die Schlange dann aber doch nicht.
Erst nach Betreten des Gebäudes findet man am Ende des Foyers den ersten Hinweis, dass in der Poststraße 40 tatsächlich ein AOK-Beratungszentrum ist. Der Pfeil weist in einen schmalen Flur, wo die AOK einen kleinen Raum angemietet hat. Als am Mittwoch der Merkur-Fotograf da war, reichte die Schlange bis ins Foyer. Sitzgelegenheiten im Flur gibt es nicht - abgesehen von zwei Sesseln im vorderen Foyer-Bereich. So weit reichte die Schlange dann aber doch nicht. FOTO: Lutz Fröhlich
 Häufiger stehen (potenzielle) AOK-Kunden ratlos vor der Poststraße 40, weil dort nichts an der Fassade auf das seit Anfang Januar dort befindliche AOK-Beratungszentrum hinweist. Die AOK prüft, dies mittelfristig zu ändern.
Häufiger stehen (potenzielle) AOK-Kunden ratlos vor der Poststraße 40, weil dort nichts an der Fassade auf das seit Anfang Januar dort befindliche AOK-Beratungszentrum hinweist. Die AOK prüft, dies mittelfristig zu ändern. FOTO: Lutz Fröhlich