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Geschichtswissen Fehlanzeige
Nazi-Diktatur? Früher bei uns? Echt?

Kennen die heutigen Schüler die düstersten Kapitel der deutschen Geschichte gut genug, um dafür zu sorgen, dass sie sich nicht mehr wiederholen? Studien wecken daran Zweifel.
Kennen die heutigen Schüler die düstersten Kapitel der deutschen Geschichte gut genug, um dafür zu sorgen, dass sie sich nicht mehr wiederholen? Studien wecken daran Zweifel. FOTO: Felix_Heyder / picture-alliance / dpa/dpaweb
Zweibrücken. Studien belegen bei deutschen Schülern immer wieder erhebliche Defizite in Sachen Geschichtswissen. Dazu erleichtern Soziale Netzwerke heutzutage gezielte Desinformation. Für den Vorsitzenden des Deutschen Lehrerverbandes kann das zum gesamtgesellschaftlichen Problem werden. Von Eric Kolling

„Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ Dieses Zitat des US-Schriftstellers George Santayana scheint heute aktueller denn je: Despoten kommen und bleiben an der Macht, in Großbritannien äußert sich eine nationalistische Tendenz im Brexit und der Abnabelung von der EU, und vor unserer Haustür nimmt der Fremdenhass zu, hat mit der AfD eine Partei mit rechtsextremem Antlitz Zulauf, die für komplexe Probleme einfache wie radikale Lösungen verspricht. Und zuletzt in den rheinland-pfälzischen Landtag wie den Bundestag eingezogen ist.

Dazu ist durch Soziale Medien eine Falschinformation selten so einfach gewesen wie jetzt: Es kommt also auf geschichtlich ausreichend bewanderte und politisch gebildete Bürger an, die Mechanismen des Populismus verstehen und immun dagegen sind, die die historische Bedeutung politischer Ereignisse verstehen. Bürger, die aus der Vergangenheit gelernt haben. Doch da liegt der Hase im Pfeffer. Studien zeigen immer wieder mangelndes Geschichtswissen (siehe Infobox).

Ein Umstand, der zu einem „großen gesamtgesellschaftlichen Problem werden“ kann, fürchtet Heinz-Peter Meidinger, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes und selbst Geschichtslehrer. Und zwar „nicht nur, weil die Präsenz geschichtlichen Wissens für die Identität, das gesellschaftliche Bewusstsein, die Zukunftsfähigkeit und die interkulturelle Verständigung und den Zusammenhalt in einer Gesellschaft wichtig ist, sondern auch, weil mangelndes geschichtliches Wissen die von unseren Schulen angestrebte Mündigkeit des Bürgers in einer Demokratie in Frage stellt.“ Ein Beispiel dazu hatte etwa der deutsche Historiker Martin Schulze Wessel in einem Beitrag des Bayerischen Rundfunks angebracht: „Wenn von Populisten gesagt wird, das Wort ‚völkisch’ kann man doch wieder benutzen, weil es von dem ‚Volk’ kommt, und eine bloße Adjektivbildung davon ist, dann leuchtet das dem historisch nicht Gebildeten zunächst einmal ein. Der historisch Gebildete weiß, dass es bei diesem Adjektiv immer darum gegangen ist, andere auszugrenzen, dass es einen rassistischen Hintergrund hat.“



Meidinger findet dazu: „Fake News, Verschwörungstheorien und populistische Einfachbotschaften finden natürlich bei geschichtlich ungebildeten Personen eine größere Resonanz.“ In der Hinsicht mangelhaft gebildete Schüler könnten nicht nachvollziehen, „wie gefährlich es ist, wenn der Prozess der europäischen Einigung rückgängig gemacht werden würde“. Aber auch die Unfähigkeit, die Ursachen heutiger Weltkonflikte zu verstehen, ohne beispielsweise die Geschichte des Nahost-Konflikts seit dem Zweiten Weltkrieg zu kennen, ist für ihn ein Beispiel. Er plädiert dafür, mit der historischen Bildung bereits an der Grundschule zu beginnen. „Mehr Stunden allein nutzen nichts, wenn nicht auch der Stellenwert historischer Bildung etwa bei Abschlussprüfungen oder Belegverpflichtungen angehoben wird“, so Meidinger. Hinsichtlich der Nachhaltigkeit des Geschichtsunterrichts spielten der Einbezug von Zeitzeugen und die authentische Begegnung mit historischen Orten im Rahmen von Exkursionen eine besondere Rolle.

Letztlich sei geschichtliches Wissen nicht nur für Entscheidungsträger absolut notwendig. „Auch das nur aus der Geschichtskenntnis erwachsende Bewusstsein, wie erhaltenswert, aber auch gefährdet und Einsatz erfordernd es ist, die historisch einzigartig lange Friedensphase in Europa zu erhalten und zu verlängern, setzt geschichtliche Bildung voraus“, sagt Meidiger und erinnert: „Demokratie ist in der deutschen und europäischen Geschichte der Ausnahmefall, in der gegenwärtigen Welt ebenfalls und keinesfalls eine Selbstverständlichkeit.“

Das rheinland-pfälzische Bildungsministerium erklärt, den Themenkomplex „Die weltweite Auseinandersetzung um politische Ordnungen – Demokratie – Sozialismus – Nationalsozialismus“ an den Gymnasien und Realschulen plus mit zwei Wochenstunden in Klasse neun als Schwerpunktthema zu behandeln. Reichen die zwei Stunden? Ministeriumssprecher Henning Henn: „Die Schule steht ständig vor der Herausforderung, in einer begrenzten Wochenstundenzahl eine Vielzahl von Themen und Unterrichtsinhalten abzubilden. Im Geschichtsunterricht werde das dadurch erschwert, „dass immer wieder Themen aus der jüngeren und jüngsten Geschichte neu hinzukommen“.

Allerdings leisteten auch die Fächer Sozialkunde, Erdkunde, Ethik, Philosophie und Religion Beiträge, sich mit dem Thema zu beschäftigen, so Henn weiter: „‚Populismus‘ ist beispielsweise ein Stichwort, das systematisch im Sozialkundeunterricht problematisierend behandelt wird, weniger im Geschichtsunterricht.“ Auch berücksichtige Rheinland-Pfalz im aktuellen Geschichtslehrplan diesen Themenkomplex vorrangig, zusammen mit dem Lernfeld „Die Welt nach 1945“ bilde er den höchsten Stundenansatz im Geschichtsunterricht.

Studienergebnisse zu Geschichtsdefiziten bei Schülern nehme man „ernst“ und ziehe Schlüsse daraus. Das Land bemühe sich, die Zeit des Nationalsozialismus und der Weltkriege auch durch die Förderung von Gedenkstättenfahrten und eine Zeitzeugen-Vermittlungsstelle im Pädagogischen Landesinstitut zu unterstützen. Wie gerade bekannt wurde, prüft das Land auch einen KZ-Pflichtbesuch festzuschreiben (wir berichteten). Der Ministeriumssprecher verweist auch auf den 12. Demokratietag im ZDF, der am 6. November aus einem Schulprogramm in Rheinland-Pfalz hervorgegangen sei. Diesmal sei von vielen zivilgesellschaftlichen und staatlichen Institutionen das Bündnis „Demokratie gewinnt!“ gegründet worden. Auf aktuelle politische Gegebenheiten und Fragestellungen wie das Erstarken der AfD, den Brexit oder den verstärkten Flüchtlingszuzug einzugehen „war schon immer wichtig und wird in unseren Schulen auch geleistet“, so Henn.

Heinz-Peter Meidinger, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes.
Heinz-Peter Meidinger, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. FOTO: Soeren Stache / picture alliance / dpa