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Experten warnen Stadtrat: Probleme durch Klimawandel nicht noch verschärfen
Gefährdet Baugebiet Luftzufuhr Ixheims?

 Der Blick vom geplanten Baugebiet an der Kirchbergstraße Richtung Ixheim und Rote Klamm, die wichtigste Kaltluftschneise für den Stadtteil. Der Naturschutzbeirat plädiert deshalb gegen Bebauung vor allem im oberen Bereich.
Der Blick vom geplanten Baugebiet an der Kirchbergstraße Richtung Ixheim und Rote Klamm, die wichtigste Kaltluftschneise für den Stadtteil. Der Naturschutzbeirat plädiert deshalb gegen Bebauung vor allem im oberen Bereich. FOTO: Lutz Fröhlich
Zweibrücken. Naturschutzbeirat fordert, die Fläche fürs „Wohnen am Kirchberg“ zu verkleinern – denn der Stadtteil habe heute schon die schlechteste Kaltluft-Zufuhr Zweibrückens. Schon 1996 seien dort deshalb Pläne für ein Baugebiet gestoppt worden. Von Lutz Fröhlich
Lutz Fröhlich

Redakteur und Lokalreporter Zweibrücken

Mit viel Rückenwind (einstimmig bei drei Enthaltungen) hat der Stadtrat Mitte November das Bebauungsplan-Verfahren „Wohnen am Kirchberg“ gestartet. Doch jetzt gibt es kräftigen Gegenwind für das große Neubaugebiet mit weitem Blick über Zweibrücken: Der Zweibrücker Naturschutzbeirat fordert eindringlich, das Baugebiet deutlich zu verkleinern – um den Menschen im unterhalb gelegenen Ixheim in Zeiten der Klimaerwärmung nicht die Kaltluft-Zufuhr zu verbauen.

Denn so schön die Aussicht für die Häuslebauer wäre – ihre Häuser stünden teilweise in einer Kaltluftschneise, die Ixheim mit frischer Luft versorgt. Unter der Überschrift „Notsituation für Klimaschutz in Zweibrücken“ hat der Naturschutzbeirat nun mit 5:1 Stimmen eine Stellungnahme unter der Überschrift „Notsituation für Klimaschutz in Zweibrücken“ beschlossen und an den Stadtrat weitergeleitet. Darin heißt es: „Ein Hauptpfeiler des Klimaschutzes ist die Durchlüftung.“ Zwar sei Zweibrücken diesbezüglich insgesamt besser aufgestellt als viele andere Städte, erläutert der Beiratsvorsitzende Gerhard Herz im Merkur-Gespräch. Zum einen wegen der ungewöhnlichen Grünachse mitten in der Stadt („Der Einsatz für die Rettung der Grünachse vor weiterer Bebauung hat sich bewährt!“), zum anderen zeigten die aktuellen Messergebnisse des Deutschen Wetterdienstes (DWD) „mehrere effektive Kaltluftschneisen im Norden der Stadt“ durch die vielen Bachtäler dort. „Aber im Süden sieht das schlechter aus. Der Stadtteil Ixheim ist am schlechtesten durchlüftet.“ Herz belegt dies mit einer Zweibrücker „Hauptkaltlufströme“-Karte des DWD. Darauf ist auch zu erkennen, dass die Rote Klamm (direkt unterhalb des geplanten Baugebiets) wichtig ist für die Luftzufuhr Ixheims. „Daraus ergibt sich jetzt die zwingende Folgerung“, schreibt der Naturschutzbeirat: „Die Kaltluftentstehungsfläche vom Kammweg trichtrförmig zur Roten Klamm muss unverbaut als Frei- und Grünfläche belassen werden. Der Bebauungsplan IX 38 ,Wohnen am Kirchberg’ muss dieses für den Klimaschutz der Stadt Zweibrücken wichtige Gebiet auf Dauer aussparen.“

Der Naturschutzbeirat verweist auch darauf, dass dieses Baugebiet bereits 1996 vom Fachbüro L.A.U.B. auf seine Eignung untersucht wurde. Herz erinnert: „Damals ist das Gebiet aufgegeben worden wegen der Kaltluft-Problematik.“ L.A.U.B. schrieb damals wörtlich: „Die aus den betroffenen Gebieten abfließende Kaltluft kommt vor allem den dichter bebauten Bereichen des alten Ortskerns von Ixheim zugute. Das Tälchen nörlich IX 38 sollte daher unbedingt freigehalten werden. Oberhalb der beiden Kirchen und des Friedhofs setzt sich eine weitere Abflußbahn fort, die direkt zum Ortskern führt. Auch sie sollte frei bleiben.“ All dies würde durch die aktuellen Pläne wieder gefährdet, so Herz. „Durch die inzwischen schon eingetretene Klimaerwärmung ist diese Belüftungssituation für Ixheim jetzt noch wichtiger geworden“, schreibt der Beirat.



Bislang plant die Stadt auf insgesamt 52 000 Quadratmetern bis zu 50 Bauplätze für Ein- und Zweifamilienhäuser. Wie groß müsste das „Wohnen am Kirchberg“ verkleinert werden? Herz legt sich auf diese Frage nicht fest: „Das wird erst die Diskussion um die Bewertung der Effizienz des Kaltluftzustroms ergeben.“ Dem Merkur liegt aber eine Karte aus dem L.A.U.B.-Gutachten vor, auf der Kaltluft-Pfeile auf etwa der Hälfte der Fläche des heute geplanten Baugebiets sind.

Herz findet es „erfreulich“, dass die Stadt einen Klimawandelanpassungs-Coach hat. Dessen erster Bericht stelle „als eine der Hauptsäulen des Klimaschutzes für Zweibrücken die Durchlüftung heraus“. Herz appelliert an die Stadträte, diesen Worten Taten folgen zu lassen.

In zwei Bauausschusssitzungen hatten bereits Kurt Dettweiler (FWG), Dirk Schneider (fraktionslos) und der in Ixheim lebende Ex-Baudezernent Rolf Franzen (CDU) kritische Fragen zu den Auswirkungen des Neubaugebiets auf die Durchlüftung Ixheims gestellt – ohne darauf Antworten zu erhalten.

Herz sagte dem Merkur, die Untere Naturschutzbehörde beim UBZ (Umwelt- und Servicebetrieb Zweibrücken) sehe das Neubaugebiet ebenso kritisch wie der Naturschutzbeirat – wegen der Luftzufuhr, aber auch wegen des Eingriffs in das Landschaftsbild durch die Horizont-Bebauung. Der UBZ antwortete auf Merkur-Nachfrage, die Naturschutzbehörde werde sich „im Bebauungsplanverfahren und nicht vorab zu Spekulationen äußern“.

Der Naturschutzbeirat ist laut Landenaturschutzgesetz ein unabhängiges Gremium mit Experten vor allem aus Naturschutzverbänden, das die Untere Naturschutzbehörde berät.

 Trotz Klimaerwärmung eine Kaltluftschneise bebauen? Davor warnt Gerhard Herz, Vorsitzender des Naturschutzbeirats.
Trotz Klimaerwärmung eine Kaltluftschneise bebauen? Davor warnt Gerhard Herz, Vorsitzender des Naturschutzbeirats. FOTO: Lutz Fröhlich